Besinnung in besonderen Zeiten

Erste Folge: Die Erde wehrt sich / Weitere Folgen online

Am Anfang der Kontaktsperre machte meine Frau eine interessante Beobachtung. Normalerweise hat sie einen hohen Blutdruck. Bereits nach zwei Tagen der Kontaktsperre war dies jedoch vorbei. Eine andere Beobachtung las ich vorgestern in der Zeitung (In welcher Zeitung?): Tier- und Pflanzenwelt profitiert von Ausgangsbeschränkungen.
In vielen Städten ist lautes Vogelgezwitscher zu hören. Viele Vogelarten schweigen, wenn es um sie herum laut ist. Mit dem wegfallenden Lärm singen sie nun aus vollen Kehlen.
Beide Beobachtungen machen ein Problem deutlich: Die Ruhe, die wir erleben, hat zwei Seiten.
Zwangsruhe ist schrecklich. Sie zerstört Gemeinschaft. Keine Feste. Keine gemeinsamen Ausflüge. Oder, um bei mir zu bleiben: Kein Cappuccino auf der Terrasse mit anderen Menschen, um gemeinsam zu überlegen, wie wir die Welt aus den Angeln heben. Zwangsruhe ist schrecklich. Sie macht einsam. Furchtbar, wenn Menschen einsam sterben, weil die Geliebten auf Distanz bleiben müssen. Und gleichzeitig geht der hohe Blutdruck runter – und die Erde atmet auf. Einen größeren Widerspruch kann es kaum geben.
In Krisenzeiten müssen wir einander Hoffnung schenken und trösten. Das steht an erster Stelle. Trotzdem müssen wir auch ernst nehmen, dass wir in dieser Situation etwas lernen können. Und zwar, dass es nachher nicht einfach so weitergehen darf wie vorher.
Jogi Löws Reaktion auf die Corona-Krise hat mich beeindruckt und mir Orientierung gegeben. Ich zitiere einige Zeilen aus seiner Ansprache: Die letzten Tage haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Die Welt hat ein kollektives Burnout erlebt. Ich habe das Gefühl, dass sich die Erde gegen die Menschen stemmt. Das Tempo, das wir Menschen vorgegeben haben in den letzten Jahren, war nicht mehr zu toppen. Machtgier stand im Vordergrund, Katastrophen haben uns nur am Rande berührt. Jetzt erleben wir was, was jeden einzelnen Menschen betrifft. Jetzt stellen wir fest, dass wir auf wichtige Dinge schauen müssen, was im Leben wirklich zählt: Respekt untereinander!
Was Jogi Löw sagt, ist eine Deutung dessen, was passiert. Ein Virus spricht nicht. Ein Virus sagt nicht, warum es da ist und sich ausbreitet. Ungefähr zur gleichen Zeit war ich auf dem Fahrrad unterwegs und habe die ersten neuen Blüten gesehen. Auch das ist Natur. Und auch eine neue Blüte sagt von sich aus nichts. Das heißt: Wir müssen die Zeichen verstehen. Jogi Löw hat recht. Corona ist ein Zeichen dafür, dass wir uns ändern müssen.


Die Erde stemmt sich gegen die Menschen.
Das Tempo war nicht mehr zu toppen.
Wir müssen entschleunigen.
Machtgier stand im Vordergrund.
Wir müssen weg vom Geld als Zentrum des Lebens.
Wir sollten mit den täglichen Börsennachrichten im Fernsehen aufhören.
Katastrophen haben uns nur am Rande berührt.
Wir müssen verstehen, dass auch reiche Inseln nicht überleben werden.
Wir sollten uns nicht länger abschotten vor den Problemen in Griechenland.


Die Corona-Krise zeigt, dass die Politik, wenn es sein muss, die Wirtschaft zügeln kann. Wir müssen die Wirtschaft nicht so schnell wie möglich hochfahren, wir müssen sie langsam hochfahren und zum Teil behutsam runtergefahren lassen. Die Jugendlichen von Fridays for Future haben recht. Die Politik kann viel mehr als sie sagt und tut. Das kostet etwas. Natürlich. Aber hoher Blutdruck, schweigende Vögel und Atemmasken, weil die Luft schlecht ist, kostet auch etwas.
Zwangsruhe ist schrecklich. Und man möchte alle Menschen, die darunter leiden, trösten und ihnen helfen. Aber vielleicht spüren wir in diesen schwierigen Tagen auch etwas Neues, an dem wir festhalten wollen. Denn gegönnte Ruhe ist himmlisch.
[Gerard Minnard]

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