Zwischen Klima- und Coronakrise

Fotos: CFT Productions

 

Sie fordern einen konsequenten Kohleausstieg, 100 Prozent erneuerbare Energien, die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels. Die Rede ist natürlich von Fridays for Future und der weltweiten Klimabewegung, die Greta Thunberg losgetreten hat. Uelzen hat seine eigenen Ortsgruppen, neben der Jugend auch die Parents, deren Untergruppe Seniors for Future ebenfalls ihren „SenfF“ dazugibt. Die Ursprünge von Farmers for Future liegen sogar hier im Landkreis, auf dem Bauckhof Stütensen. Der Zulauf ist stark. „Wir haben bei Aktionen bis zu 1200 Leute gehabt. Das ist sehr angestiegen in letzter Zeit, also vor Corona“, freut sich Pascal Leddin von FfF. Den Knackpunkt hat er damit auch benannt: Die Coronakrise scheint die nicht minder dringliche Klimakrise immer mehr aus den Köpfen der Menschen zu verdrängen. „In den digitalen Medien bekommen uns nur die Leute, die uns folgen, zu sehen. Da bleibt als einzige Möglichkeit, dass wir wieder aktiv auf die Straße gehen“, ist sich Biologie-Studentin Rebecca Streichhahn sicher. Paulina Krug sieht das genauso: „Obwohl sich im vergangenen Jahr immer mehr Menschen über das Ausmaß der Klimakrise bewusst geworden sind, gibt es im Bundestag keine Partei, die ein ernstzunehmendes Klimaschutzprogramm hat. Die Entscheidung, das Corona-Maßnahmenpaket von 130 Milliarden Euro nicht nachhaltig auszurichten, zeigt, dass die Bundesregierung nicht an Klimaschutz interessiert ist. Unser Protest muss dringend weitergehen.“ Das tut er auch. Der nun schon sechste internationale Klimastreik am 25. September lief unter dem Motto: Kein Grad weiter. Da ging es für die Demonstranten vom Hundertwasser-Bahnhof zur hiesigen Zuckerfabrik, die ihre Energie noch immer mit Öl, Gas und Kohle erzeugt.

Unterstützung bei den Aktionen gibt’s von Parents for Future, etwa wenn volljährige Ordner gebraucht werden, wie das jetzt unter Corona-Bedingungen verstärkt der Fall ist. Ulrike Semmler-Busch, Statistikerin für Biologie, hat die Uelzener Gruppe ins Leben gerufen. „Ich bin schon als Jugendliche im Umweltschutz aktiv gewesen. 1991 war ich auf einem Workshop über anthropogene Klimaveränderung. Da war das alles schon lange bekannt.“ Ihr Sohn Florian, der bei FfF ist, war an der Gründung der Uelzener Parents nicht ganz unbeteiligt, half, die Whatsapp-Gruppe zu erstellen, in der sich die Erwachsenen austauschen. Weil sie es gewesen ist, die im April 2019 den Startschuss dafür gegeben hat und ihr Sohn zum Organisations-Team von FfF gehört, hat Ulrike Semmler-Busch das Gefühl, in der lokalen Öffentlichkeit herrsche hier und da der Eindruck, ihre Familie sei FfF Uelzen. Dieses personenzentrierte Denken beim Thema Umwelt missfällt ihr. Die fF-Bewegung ist basisdemokratisch, frei von Hierarchien. Und es würden so viele Leute Sachen auf die Beine stellen: „Ein Mitglied aus unserer Gruppe hat zum Beispiel letztes Jahr eine Waldführung angeboten darüber, wie sich die Klimaveränderungen auswirken und was man unternehmen kann, um den Wald stabiler zu machen, ein anderes hat eine Veranstaltung organisiert zu klimafreundlicher Geldanlage.“

Aktuell arbeite man mit dem BUND an einem Projekt, um Gärten als ‚ökologisch‘ zu zertifizieren. Die Besitzer dürfen sich dann einen Wimpel in den Garten stellen, an dem andere die Vorbildfunktion der Anlage erkennen und davon lernen können, so die Idee. Außerdem tritt PfF für das umweltfreundlichste Verkehrsmittel ein. „Radfahren muss sicherer, bequemer, schneller, attraktiver gemacht werden“, findet Ulrike Semmler-Busch. In Uelzen betreffe das etwa den Stadtkern: Auf direktem Weg zwischen Innenstadt und Bahnhof liege entweder die Fußgängerzone oder in nassem Zustand gefährlich rutschiges Kopfsteinpflaster. Wer bequem und sicher mit dem Rad fahren wolle, müsse da derzeit einen Umweg machen. Auch an Stellen im Stadtgebiet, an denen Radfahrer nicht gut sehen und gesehen werden können, herrsche Handlungsbedarf: „Wenn man von der Lindenstraße Richtung Innenstadt fährt, muss man nach links auf die Ripdorfer Straße abbiegen. Da ist rechts nicht rechtzeitig zu sehen, wenn Autos die Straße entlangkommen.“ Zum Thema Gefahrenstellen ist auch eine Umfrage unter den Eltern Uelzener Schülerinnen und Schüler geplant. „Wir möchten das sammeln, auswerten und an die Stadt weiterleiten, damit die Abhilfe schafft und alle Kinder, sofern die Länge des Schulwegs das zulässt, die Möglichkeit haben, mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule zu kommen.“

Nicht nur das Radfahren oder die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, auch andere Tipps dafür, was der Einzelne fürs Klima tun kann, sind eigentlich altbekannt: Weniger Fleisch essen und weniger heizen, Müll vermeiden, regional einkaufen. Das allein bewirke aber ­leider nicht genug, so Florian Semmler: „Selbst wenn ich mich vegan ernähre, nicht fliege und Auto fahre, reicht das immer noch nicht aus, um den Klimakollaps zu verhindern. Viel wichtiger als kleine Veränderungen im eigenen Leben ist es, gesamtgesellschaftlich Lösungen zu finden.“ Darum ginge FfF auf die Straße. Seine Mutter teilt diese Ansicht, gibt sich aber weniger streitbar: „Immer wieder über das Thema zu reden, ist, finde ich, auch eine sehr wichtige Aktivität, denn das Bewusstsein muss einfach in der ganzen Bevölkerung da sein, dass wir mit der Klimakrise eine noch gefährlichere Krise haben als die Coronakrise jetzt.“                                [Katharina Martha Hartwig]

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