Zwischen Weltliteratur und Gebrauchsprosa

Vorgelesen: „Kulturstation“ lud zur „Blauen Stunde“ ins Kloster Medingen

Vorlesen ist schön. Obgleich man dabei auch eine Menge von sich preisgibt, wenn man sein Lieblingsbuch anderen vorstellt oder eine Empfehlung in Sachen Literatur gibt. Der Bad Bevenser Kulturverein „Kulturstation“ erfand seine „Blaue Stunde“, in der Menschen genau das tun (sollen). Am Wochenende traf man sich bereits das dritte Mal im Festsaal des Klosters Medingen, der zauberhaftes Ambiente für derlei Aktion ist.

Den Auftakt machte Detlev Patz, einer der selbst ernannten „Bad Bevenser Book Boys“, – ich persönlich bevorzugte ja eher die Variante „Bad Bevenser Bücher Buben“ – mit einer Erzählung von Lew Tolstoi. Weltliteratur zum Einstand, obendrein ein Text, eine Parabel, die vor 150 Jahren bereits thematisierte, dass der Mensch, gierig nach Profit, seine Lebensgrundlage, die Welt, zerstört …

Detlev Patz

Was ist Literatur? Was kann sie dem Einzelnen sein? Ist sie „Mehr-Leben“, wovon der Philosophen Georg Simmel überzeugt war. Oder impliziert „Literatur .. die Utopie, dass Menschsein anders sein könnte“, so die Ansicht von Max Frisch.
Wie gestaltet sich Ihr Verhältnis zu Büchern, liebe Leserinnen und Leser? Ist es eine Liebes- oder eine Bankrotterklärung? „Verdooft man restlos“, wie es Verlagsgründer Ernst Rowohlt an Hans Fallada schon im Jahr 1942 schrieb? Ergeben sich die Bücher der „Zerstreuungs- und Nivellierungsbedrohung“ (Ulla Berkewitz)? Oder sind sie Stimme freundlicher Beharrung, dass Lesen bildet und Spaß macht.

Jeder vierte Deutsche liest keine Bücher, sagte eine Studie vor zehn Jahren. Besser wird es nicht geworden sein inzwischen. Die Zahl der Gelegenheitsleser, derer, die nicht täglich zum Buch greifen, sank von 31 auf 25 Prozent.
Aber vielleicht hat ja doch Friedrich Hölderlin Recht, der meinte: „Was aber bleibet, stiften die Dichter“?

Dr. Kristin Püttmann

In Bad Bevensen jedenfalls wird gelesen. Rund 20 Besucher (leider nur die der älteren Generation) saßen um den Kamin im Festsaal und hörten zu oder lasen vor.
Es ging, der Jahreszeit angemessen, auch um Weihnachten. Das waren so kleine Texte, die nicht unbedingt den Anspruch erheben, Literatur zu sein, die aber oft witzig sind und eigene Erfahrungen beglaubigen. Beispielsweise die, dass man sich nicht mit seinem Weihnachtsbraten vorher solidarisieren sollte! Dazu gibt es übrigens auch, und das seit über 70 Jahren, die herrliche Erzählung von Friedrich Wolf: „Die Weihnachtsgans Auguste“.

Siegfried Tippel

Es ging um die „Unverfügbarkeit“ von Welt, um die Nöte des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch mit der Macht, um Weihnachtshasser und Weihnachtsfreuden – auch auf Platt! – sogar eine Ballade von Theodor Fontane war dabei. Schließlich haben wir noch Fontane-Jahr bis zum Ende des Monats!

Der zweite anwesende „Bücher Bube“, Martin Feller, zog mit einem Tagebuchauszug seiner Ahnin aus der Zeit Februar/April 1945 den Bogen zur Gegenwart. Ihn beunruhige diese Entwicklung nach rechts gerade im ländlichen Raum, hier in diesem Landkreis, erklärte Feller seine Textauswahl.

Martin Feller

Es waren unterhaltsame Nachdenkstunden; ein bisschen lang vielleicht, aber nie langweilig. „Wer liest, wird nie fertig“, sagte Claudia Lux, die Direktorin der Berliner Zentral- und Landesbibliothek, einmal in einem Interview. Wie wahr! Jedes Buch zieht ein anderes hinter sich her; das man lesen muss. So gesehen hat die Bevenser „Blaue Stunde“ gerade erst angefangen. Fortsetzung folgt.
Barbara Kaiser – 08. Dezember 2019

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