Zwischen Vision und Illusion

Initiative gegen den Verkauf des Schlosses Holdenstedt lud zur Ideensammlung

Den wichtigsten Satz des Abends sprach wahrscheinlich Jürgen Markwardt, Uelzens Bürgermeister in spe: „Wir führen eine Scheindiskussion“, sagte er, denn „wenn kein Käufer, verkaufen wir nicht.“ So gesehen war das „Brainstorming“, die Sammlung von Ideen dafür, wie das Schloss Holdenstedt vorm Verkauf durch die Stadt gerettet werden könnte, verfrüht. Der Einladung zu dieser Versammlung, initiiert durch Birgit Alpers-Meyer, Roa Hachmann, Ute Lange-Brachmann und Renate Schmidt, waren dennoch rund 50 Bürger gefolgt. Was sie beitrugen zur Diskussion, siedelte zwischen Vision und Illusion.

Fakt ist, dass eine Kommune viele Aufgaben hat. Die Unterhaltung eines Schlosses gehört nicht dazu. Tatsache bleibt auch, dass jeder schreit, geht es an die eigene Substanz. Lehrer, Eltern und Schüler bei der von Schließung bedrohten Schulen, der Schützenverein, geht es an die Stadthalle, viele Einwohner angesichts der ungepflegten Grünflächen, Kreisel und Straßenrandstreifen. Ein Schloss für Museum und Kultur scheint da Luxus.

Und trotzdem haben die Uelzener – wenn auch viel zu wenige, wie die Besucherzahl um die 6000 im Jahr belegt – ihr historisches Gebäude im Park ins Herz geschlossen. Jetzt soll es wieder einmal gerettet werden. Wie vor genau 40 Jahren das letzte Mal, als verschiedene Erbschaften unter der Maßgabe, das Geld für Kultur im weitesten Sinne einzusetzen, die Stadt in die komfortable Lage brachten, Holdenstedt zu erwerben. Das ist lange her. Das Schloss verschlingt jährlich eine Summe von 120 000 Euro; und damit wird noch nicht einmal Erhaltung betrieben. Man lebte also, wie so oft, von der Substanz.

Dass diese nicht so schlecht ist, wie es als Schreckgespenst an die Wand gemalt wird, darüber sprach der ehemalige Stadtbaurat Heinrich Heeren, der das Gebäude seit 1972 kennt. „Historische Substanz, die genutzt wird, ist in Ordnung“, zeigte der sich überzeugt und nannte alle Unkenrufe, ein schwankendes Fundament betreffend, „dummes Zeug“. Die „Übersanierung ist ein falsches Instrument“, zeigte sich Heeren überzeugt.

Das mag alles stimmen, die laufenden Kosten macht das nicht geringer. Ute Lange-Brachmann referierte sehr substanziell über das Schloss als Kulturstätte. Heimstatt haben hier ein zertifiziertes Museum, das „Gedächtnis unserer Stadt“, die größte Gläsersammlung Norddeutschlands, die Röver-Sammlung, der Kunstverein mit jährlichen Ausstellung in attraktivem Rahmen, die Holdenstedter Schlosswoche, die „über die Stadtgrenzen strahlt und das intelligenteste Programm Deutschlands“ (Lange-Brachmann) aufweist, die Internationale Sommerakademie von Hinrich Alpers, dessen Steinway-Flügel im ovalen Saal als Dauerleihgabe gut untergebracht ist. Dazu kommen diverse Märkte und Musik im Park. Es gibt Trauungen und das Schloss-Café als Ausflugsziel.
Die Einwohner gewännen durch diese große Palette von Angeboten, fasste Lange-Brachmann zusammen und fragte am Schluss ein wenig provokativ, welche Visionen die politisch Verantwortlichen hätten.

schlossretter

Fotos: Barbara Kaiser

Nun ist Jürgen Markwardt jemand, der das Wort „Vision“ durchaus in seinem Wortschatz führt. Und er blieb wohltuend sachlich, obwohl konsequent in der Sache, mit seiner Antwort. Auf die Frage, ob und warum die Stadt das Schloss überhaupt loswerden wolle, erwiderte er, dass zwei alte Gebäude (Lucas-Backmeister-Schule und Schloss) auf jedem Stadtsäckel schwer lasteten, er aber ein klares Bekenntnis zum Museum abgäbe, „Schloss“ und „Museum“ jedoch strikt voneinander getrennt sehen wolle.

„Ich verkaufe gedanklich noch nicht dieses Schloss“, rief Markwardt, aber: „Wir brauchen ernsthafte Antworten auf schwere Fragen, denn wir haben schwere Zeiten.“

„Wir wollen gemeinsam mit der Stadt eine Lösung finden“, sagte Armgard von der Wense in der Diskussion. Und so bestimmte durchaus der Wille zur „Kooperation statt Konfrontation“ diesen (zu) langen Abend. Erarbeitet wurde ein Fragenkatalog, mit dem die „Arbeitsgruppe Schlossrettung“ an die Verantwortlichen der Stadt herantreten wird. Antwort erhoffen sich die Beteiligten beispielsweise auf die Fragen, ob das Schloss wegen erbrechtlicher Bedenken überhaupt verkauft werden kann - siehe Bedingungen, unter denen es erworben wurde. Des Weiteren auf die Frage nach Vergleichszahlen, die Kosten eines Umzugs des Museums (in eine noch herzurichtende Backmeister-Schule) zur vorhandenen Situation betreffend. Man ist entschlossen, das „Schloss lebendiger zu machen“ und beispielsweise Heizkosten zu sparen – auch wenn die Idee mit der Erdwärme ins Reich der Illusion verwiesen werden kann (In Dreilingen hat das Institut für Geothermie Hannover drei Jahre lang versucht, das zu realisieren). Ein Förderverein könnte gegründet und eine „Protestwelle organisiert“, Fördermittel müssten eingeworben und eine Kontaktaufnahme zur Deutschen Stiftung Denkmalschutz hergestellt werden.

„Der ideelle Wert ist in Millionen nicht zu fassen“, hatte Heinrich Heeren gesagt. So machen sich Bürger, die das verstanden, auf, für vertrauensbildende Maßnahmen mit der Stadt zu sorgen, damit das Schloss für die öffentliche Hand erhalten werden kann.
Kultur ist ein Wirtschaftsfaktor in jeder Kommune. Ein privater Schlossherr, der die Räume für Kunst und Musik öffnet, wäre doch aber auch nicht zu verachten. Viele so genannte Alteigentümer, die in den Osten, die neuen Bundesländer, zurückgingen und früheren Besitz restaurieren und beleben, machen das übrigens vor.
30. Juli 2014

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