Zwischen Pop und Puccini

Zwölf Tenöre im Kurhaus – Masse macht`s auch nicht immer

Warum gehen Tenöre nicht auf die Opernbühne? Warum sind diese Egozentriker und Einzelgänger nicht Escamillo oder José, Tamino, Max und Radames? Warum bilden diese Solisten, denen man zu allen Zeiten Herzensbrecherqualitäten nachsagte, eine Boygroup?

Mehrere Tenöre auf einer Bühne und dann noch in gemeinsamem Gesang – das war früher genauso undenkbar wie unmöglich. Für das Publikum wahrscheinlich ebenso wie für die Diven unter den Männerstimmen selbst. Bis Luciano Pavarotti im Jahr 1990 mit seinen Kollegen des Hohen C, Placido Domingo und José Carreras, ein neues  Markenzeichen erfand. Sie füllten ganze Stadien mit der Absicht, die Klassik unters Volk zu bringen. Ein ehrenwertes Vorhaben, aber seitdem gibt es diese Stimmlage inflationär und in allen möglichen Varianten. Das Format selber verkommt.

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Fotos: Barbara Kaiser

Es gab zehn Tenöre, junge Tenöre und Helmut Lotti. Letztgenannter ohne musikalische Ausbildung. Spätestens seit Paul Potts, diesem zufällig entdeckten und zunächst belächelten britischen Talente-Wettbewerb-Teilnehmer, der seine Zuhörer letztlich zu Tränen rührte, ist Puccini salonfähig und von der Werbung entdeckt.

bevensen-12-tenoere-nessun-dorma_bearbDie männlichen Bühnenhelden mit der Fähigkeit für hohe Tonlagen hatten sich mit diesem neuen Angebot ans werte Publikum auch entschlossen, nicht mehr die Diva der Theaterbretter zu sein. Sie stiegen zu uns herab mit Partituren, die wir schön finden müssen. „Volare“ statt Wagner, Leonard Cohens „Halleluja“ statt Verdis Operntragik.
Mit dem Herabsteigen ins Volk kam die Technik dazu. Dass einer dieser Tenöre heute unverstärkt einen Saal, geschweige ein Opernhaus mit mehreren Rängen zu füllen in der Lage wäre, darf man getrost bezweifeln.

bevensen-12-tenoere-cantare_bearbIm ausverkauften Kurhaus Bad Bevensen machten „The twelf Tenors“ auf ihrer Jubiläumstour zum zehnten Geburtstag Station. Die englische Fassung des Titels sollte wohl einstimmen auf das Erwartete.
Sprechen wir es kurzentschlossen aus: Mir hat der Auftritt nicht gefallen. Denn wenn ich Tenöre hören will, dann möchte ich nicht zu „Delilah“ schunkeln mit einem Nebenmann, den ich gar nicht kenne. Dann will ich kein Michael-Jackson-Medley und auch kein seliges „We are the Champions“ – das gibt es in der nächsten „Musical Night“ mit Sicherheit wieder.
Auch den kleinen grünen Kaktus der „Comedian Harmonists“ – die die hohe Schule des A-capella-Gesangs kultivierten – brauche ich nicht als brachiale Mitklatsch-Fassung, vom Drummer zerhackt.
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Der Auftritt dieser Zwölf war eine durchgestylte Show mit allem, was modernes Bühnenequipment hergibt. Die begleitende Band, manchmal sehr selbstverliebt in die eigene Lautstärke: Klavier, Keyboard und Schlagzeug, fiel auch nicht durch übermäßige und schon gar nicht fantasievoll-hochmusikalische Arrangements auf. Dass das Trio dafür manche Partitur vergewaltigte und ungewöhnlich instrumentierte und modulierte, kam dazu.

bevensen-12-tenoere-drummer-krzysztof-zurad_bearbDie Sänger hatten die schnurrende, kühle Routine eines Ensembles, das von einem vollen Tourneeplan gehetzt wird. Stimmlich sehr unterschiedlich ausgestattet, konnten sie sich in die Partituren nach Belieben teilen. Wenn der eine die Höhe des unvermeidlichen „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“ nicht bewältigen würde, übergab er an den nächsten. Keine Rede davon, was diese Arie eigentlich einmal war, nämlich der auch tödliche Kampf um Liebe und Menschlichkeit.

Ein Tenor bricht alle Herzen – das mag immer noch stimmen. Allerdings ohne tonnenweise Bühnentechnik und ein bisschen mehr Respekt vor den Partituren, die er singt.
Barbara Kaiser – 21. Dezember 2016

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