Zwischen Hula und Happyend

Theater für Niedersachsen stimmte mit der „Blume von Hawaii“ auf den Jahreswechsel ein

Da bringt einer im Jahr 1931 ein musikalisches Werk auf die Bühne, das in der Unerschütterlichkeit des Sehnens schwelgt. Im Paradiesischen schlechthin – jedenfalls für Mitteleuropäer: Hawaii! Verknüpft den Ort mit dessen realer Geschichte, auch wenn die auf der Bühne letztlich fatal falsch aufersteht.

Vielleicht aber war es auch ein Versuch, sich angesichts der politischen Entwicklung der Jahre hinweg zu träumen, Bilder einer heilen (oder heilbaren?) Welt auf die Bretter zu bringen. Ganz gleich wie: Paul Abraham (*1892) wird seine Harmoniesehnsucht nicht helfen; nur zwei Jahre nach dem triumphalen Erfolg seiner „Blume von Hawaii“ emigrierte er vor den brauen Machthabern aus Berlin über Budapest und Kuba nach New York. Einer seiner Librettisten wird in Auschwitz ermordet werden, während der Komponist über seiner Misere verrückt wird und im Jahr 1960 stirbt…

Fotos: Barbara Kaiser

Das Ganze in einer Silvesteraufführung mitzudenken, ist vielleicht ein wenig deplatziert, bleibt aber dennoch Tatsache. Das Theater für Niedersachsen (TfN) gastierte am 31. Dezember im Theater an der Ilmenau mit Abrahams bekanntestem Werk. In der Inszenierung von Tamara Heimbrock und der musikalischen Leitung von Achim Falkenhausen (Choreografie: Jaume Costa i Guerrero, Bühne/Kostüme: Julie Weideli) machte das Ensemble optisch was her. Dass dessen Mitglieder auch singen konnten und Funken der Ironie aus der Wortakrobatik zu schlagen in der Lage waren, konnte als zusätzlicher Bonus vermerkt werden. Mit eloquenter Musikalität und physischer Kondition stellte das TfN die Geschichte der Prinzessin Laya (zauberhaft: Meike Hartmann) und ihres Prinzen Lilo-Taro (exotisch überzeugend: Ziad Nehme) in drei Stunden vor Auge und Ohr der Zuschauer:

Wie schon viel zu oft in der Historie haben die US-Amerikaner mit Hilfe von Kollaborateuren in einem fremden Land die Macht an sich gerissen. So gesehen ist die Handlung durchaus aktuell. Das Königreich Hawaii ging Ende des 19. Jahrhunderts unter, seit 1959 ist die Inselkette 50. Bundesstaat der USA. In der Operette dreht es sich allerdings hauptsächlich um die Liebe, die Exotik des Schauplatzes war eben einfach en vogue. Das kannte der Theaterbesucher damals von „Zigeunerbaron“, „Csárdásfürstin“ oder „Vetter aus Dingsda“ so.

Meike Hartmann in der Titelrolle.

Aufmerken ließ in der TfN-Inszenierung vor allem die Musik, die GMD Florian Ziemen, wie er im interessanten Programmheft erläuterte, frisch durchgebürstet hat. Er verabschiedete sich vom vor allem sentimentalen Klangbild der Nachkriegszeit und ließ endlich wieder den Sound zu Worte kommen, der gedacht war: Als Radau, frech (Operette ist vor allen Dingen frech!), subversiv, locker synkopisch, improvisationsverdächtig. Wie der Jazz, das Hauptelement der 1920er Jahre in Abrahams Musik, eben war. Bei den Nazis wurde die „Negermusik“ natürlich als „entartet“ verboten.

Die Aufführung glitt an keiner Stelle ins Kitschige ab, dafür agierten alle Darsteller viel zu munter. Sogar der langsame Walzer des Liebesduetts – ein Muss in jeder Operette – griff wohlig nach dem Herzen des Zuhörers: „Ich will dir die Welt zu Füßen legen“ sangen die in-cognito-Prinzessin und der amerikanische Kapitän (mit kompatiblem Schmelz: Peter Kubik), die eigentlich Feinde sein müssten. Dass der Käpt`n später der dann für ihn richtigen Partnerin noch einmal „die Welt zu Füßen legen“ will, es jedoch im schmissigen Foxtrott tut, ist zusätzliches Augenzwinkern.

Der Star des Abends aber ist ohne Zweifel Uwe Tobias Hieronimi! Als berühmter Jazzer Jim Boy, zunächst im Flitterkostüm – ein Hauch von „Charlies Tante“ -, später mit dem anrührenden Titel „Bin nur ein Johnny, zieh durch die Welt, singe für Money, tanze für Geld“ – eine Verbeugung des Komponisten vor den bejubelten und doch diskriminierten schwarzen Musiker. Abraham als Jude hatte dergleichen sicherlich auch erfahren. Zudem lässt die Requisite die Darsteller an vielen Stellen Koffer mit sich tragen – ein Zeichen der Unbehaustheit?

Uwe Tobias Hieronimi als Bester des Abends.

So wurde es ein insgesamt schwungvoller Abend im genau rechten Maß. Die Sänger: Vokal auf der Höhe, lebhaft und beweglich. Das Ensemble mit Format und Ausstrahlung. Das Narkotikum Sehnsucht, so oft am Alltag gescheitert, wiederholt sich in fast allen Operettenschlagern unendlich und mit besonderem Behagen. Es bleibt, um uns nicht ganz aus der Realität zu trollen, das Denken. Siehe Einleitung zu diesem Text! Prosit Neujahr!
Barbara Kaiser – 01. Januar 2019

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