Zwischen Haydn und Eigenimprovisationen

Martin Wiegel spielte bei den „Jungen Pianisten“ im Kloster Medingen ein 100-Minuten-Konzert

Das zweite Konzert des elften Jahrgangs der „Jungen Pianisten“ gehörte Martin Wiegel.  Musik sei eine Gabe des Himmels, zitierte er in seinen Begrüßungsworten, passend zum Jahr des Reformationsjubiläums, Martin Luther, „die das Böse vertreibt.“ Nun, in punkto Lautstärke würde der 21-Jährige an diesem Abend im Festsaal des Klosters vehement gegen das Böse kämpfen.

Wenn man, wie Wiegel, in Bonn geboren wurde, muss man mit Beethoven beginnen. Ausgewählt war die Sonate op. 31,1 G-Dur. Die Opus-Zahl 31 vergab der Komponist ein letztes Mal für mehrere Klaviersonaten. Von den drei Kompositionen, geschmiedet aus Feuerwerk, Explosionen harmonischer Qualität und rhythmischer Eleganz, zwischen Bewegungsfreude und komponiertem Stillstand, ohne Angst vor Leere, spielte Wiegel die Nummer eins.

Zumindest die Erläuterungen, die der junge, selbstbewusste Künstler zu geben müssen glaubte, erschienen an dieser Stelle ein wenig fragwürdig. Für Beethoven war es die Zeit des „Heiligenstädter Testaments“, in dem er versuchte, die Tatsache seiner Ertaubung als Schicksal anzunehmen und seine Mitmenschen um Verzeihung bittet für so manche Schroffheit. Diese Fassungslosigkeit des Musikers hörte man in der forschen Interpretationen Wiegels an keiner Stelle. Er spielte das G-Dur ein wenig exaltiert und hart, schrill im Diskant.

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Fotos: Barbara Kaiser

Das Adagio grazioso des zweiten Satzes, der übrigens einer der längsten langsamen Sätze bei Beethoven überhaupt ist, kam schwerfällig daher. Auch für das Allegretto des dritten Satzes fehlte es an Leichtigkeit.

Es schien an diesem Abend, dass dem jungen Pianisten die Kraft eines Plans fehlte. Natürlich waren da technische Versiertheit und pompöse Gestik, aber die Art des Musizierens rührte dem Zuhörer kaum ans Herz. So auch bei Johannes Brahms` „Variation über eigenes Thema“ op.21,1 D-Dur. Wiegel schwelgte, wo vielleicht Melancholie angebracht gewesen wäre; schließlich widmete es der Komponist seiner unerwiderten Liebe Clara Schumann. Vielleicht verirrte sich der Interpret auch manchmal im Klangwust, in dem das Thema letztlich ziemlich versank. Nach der Pause erklang Joseph Haydns Sonate B-Dur (Hob XVI 41) so klassisch wie ein Beethoven, die Läufe darin bleiben hin und wieder oberflächlich und ungenau.

Martin Wiegel erklärte seinen Zuhörern, dass er seit früher Zeit selbst komponiere, dass er in Improvisationen einbinde, was er hörte, erlebte, und dass er einen Großteil seiner Übungszeit  für Improvisationen nutze. Daraus erklärt sich offensichtlich seine Art zu spielen. Er möchte, dass die Noten die seinen sind – sie wurden aber von Beethoven, Brahms, Liszt, Debussy und Ravel komponiert!

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Die erwartete Improvisationskostprobe stimmte auf den folgenden Debussy (Preludes 1,7) ein. Danach der andere Impressionist: Maurice Ravel. Dessen „Jeux d`eau“ (1901), das Fünfminutenstück, verbeugt sich vor Franz Liszt, der sich auf ähnliche Art mit dem Wasser beschäftigte. Ravel stellte die Partitur, die er „seinem lieben Meister Gabriel Fauré“ widmete, unter ein literarisches Motto und lässt uns einen „Flussgott, der lacht, weil ihn das Wasser kitzelt“ vor Augen erscheinen. Der Flussgott von Martin Wiegel lachte nicht, kaum etwas glitzerte, perlte und rauschte – vielleicht hatte der Wassermann eine kleine Depression?

Zu diesem Abend, der ein (zu) großes Pensum bot, gehörte auch Franz Liszt. Aus dessen zwölf „Études d`exécution transcendante“ erklangen die Nummern neun und zehn, As-Dur und f-moll.

Bei Nummer neun kam – endlich - das erste Mal so etwas wie Seele ins Spiel, auf jeden Fall hörbar eine innere Empfindung. Da lugte vorsichtig durch die Noten, was Interpretation ausmacht, dass der Pianist sich mit angemessener Demut seinem Komponisten stellt, dass er nicht nur Noten spielt – die ohne jeden Zweifel mit hohem technischen Können -, sondern Musik macht. Die Nummer zehn war dann jedoch wieder zu sehr Renommierstück. Wie eben viel zu oft mit Liszt.

Insgesamt blieb das Konzert von Martin Wiegel, der an der Rostocker Musikhochschule studiert und der sich von den technischen Herausforderungen seiner Partituren nicht schrecken ließ, eine zwiespältige, kühle Angelegenheit. Auch wenn das Publikum dem Allegro agitato von Liszts zehnter Etüde, die extreme Anforderungen stellt an Sicherheit in Sprüngen und Weitgriffigkeit und ein abschreckend schweres Stück ist, am Schluss lautstark huldigte.

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Diese Noten werden übrigens in Anlehnung an Beethoven die „Appassionata“ von Liszt genannt. Die Leidenschaft von Martin Wiegel insgesamt beschränkte sich allerdings an diesem Abend allzu sehr auf den technischen Furor der Noten. Sehr schade.

Barbara Kaiser – 20. Februar 2017

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