Zwischen Empörung und Selbstjustiz

Sebastian Kautz von der Bühne Cipolla gab Kleists „Michael Kohlhaas“ als Puppentheater

Die Asylsuche des Kulturkreises Uelzen gestaltete sich – auch in diesen Zeiten – unkompliziert. Für den nun erfolgten Auftakt des Theaterrings (die erste Veranstaltung war wegen des Hickhacks ums Theater an der Ilmenau ausgefallen) fand man offene Türen im Neuen Schauspielhaus an der Rosenmauer. Wäre Kooperation doch immer so leicht!

Zu Gast war die Bühne Cipolla (in Zusammenarbeit mit anderen), für die Sebastian Kautz Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ auf die Bretter brachte. Als Figurentheater, also Puppenspiel. Gero John stellte an Cello und E-Piano die musikalische Unterstützung.

Fotos: Barbara Kaiser

Wenn ein Theater wie der Zauberer einer Thomas-Mann-Novelle heißt, darf man doppelt gespannt sein. Diesem Abend fehlte nichts. Nicht die bezwingende Dichte, nicht die beseelte Hitzigkeit. Es war wunderbar übereifrig in seinen Einfällen, rasend unbedenklich zwischen Tragik und Komik; frei jedoch von überzogenem Deutungsehrgeiz. Sebastian Kautz spielte Heinrich von Kleists - diesen Dichter des seelischen Ausnahmezustands - „Michael Kohlhaas“ mit einem untrüglichen Gespür für Tempo und Timing.

Kleists Novelle aus dem Jahr 1810, die „ungeheure Begebenheit“ (Goethe), die „Schwester des Dramas“ (Storm), also auf der Bühne. Es ist eine ungewöhnliche Inszenierung mit den menschengroßen Puppen, deren Gestalt und Gesicht Charaktere deuten. Der sehr müde, aber trotzdem gierige Grenzbeamte, der den bis dahin rechtschaffenen Kohlhaas in seinen Geschäften aufhält, der kleine, wuselige Knecht Herse – das erste Todesopfer in einer Reihe von Obrigkeitsschikanen, die Kohlhaas erst zum Rächer machen -, die smarte Ehefrau Lisbeth, der betonköpfige Richter… Sebastian Kautz gibt ihnen allen eine Stimme, belebt sie auf eine Art, dass der Zuschauer in der Szene der Eheleute vergessen kann, dass es sich um Puppen handelt.

Das Thema des Pferdehändlers Kohlhaas, der ungerecht behandelt wird und sich sein Recht zu schaffen sucht, bleibt wohl ewig aktuell. Im Guten auf Amtswegen nicht erreichbar, wird der Mensch immer nach Auswegen suchen, auch, wie Kohlhaas, zur Aufruhr rufen, zur Waffe greifen und vielleicht am Ende mit dem Leben bezahlen. „Verstoßen nenn ich den, dem der Schutz der Gesetze versagt ist!“ Wie viele mögen so ähnlich auch über den Rechtsstaat denken? Von dem sie sich in diesem Lande nicht gerade verstoßen, aber derzeit nicht ernst genommen fühlen?

Der Dichter Heinrich von Kleist wollte Wasser und Feuer versöhnen, seine Protagonisten versuchen, ihre Idealwelt mit der Wirklichkeit kompatibel zu machen – „hypochondrischer“ Idealismus, nannte das Goethe bei seinem jungen Kollegen. Es geht um Freiheit vs. Unterdrückung, Rechtsstaat gegen Absolutismus, Moral und Unmoral. Das alles muss in Zertrümmerung enden.

Die Aufführung verfranst sich nie in unfreiwilliger Albernheit. Es nimmt auch keine Anleihen beim Hanswursttheater, was bei einem Puppenspiel nahe läge. Es gibt viele berührende Momente, die auch Verdienst der Musik sind, die eine dramaturgische Funktion besitzt.
Und das Spiel aktualisiert ganz unauffällig. So fotografiert Gero John als Gaffer das Elend und Leid, in dem sich Michael Kohlhaas nach dem Tode seiner Frau windet. Und als der Rosshändler „das Schwert der Gerechtigkeit“ schwingt, wird plötzlich Sächsisch geredet. Wer hier nicht „Pegida“ denkt, denkt zu kurz!

Sebastian Kautz erzählt über einen, der von einer globalen Vernutzungsmaschinerie zerrieben wird und ändert in seiner Version den Kleist auf beunruhigende Weise: Der letzter Satz der Novelle lautet „Vom Kohlhaas aber haben im vergangenen Jahrhundert im Mecklenburgischen einige frohe und rüstige Nachkommen gelebt.“ Man darf vermuten, dass die Renitenz nicht ausstarb. Kautz jedoch lässt Kohlhaas im letzten Dialog mit dem Landesherrn zu den Worten „Ich bin bereit!“ sich dessen Maske überstreifen. Er usurpiert die Macht. Und die Gewalt. – Aktualisierung: Das hätten manche wohl gern. Seien wir also wachsam!
Barbara Kaiser – 28. Oktober 2018

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