Zwischen Eisenarmierung und Porzellanstück

Acht Studierende der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste stellen im Kunstverein Uelzen aus

Die Einladung impliziert mit ihrem Titel Verwirrung. Hier steht in Lautschrift: `mu:sǝ. Wäre es eine andere Ausstellung geworden, wenn dort `mu:zǝ gestanden hätte? Und kann man überhaupt davon ausgehen, dass alle Leute diese Phonetik-Schriftzeichen lesen können, oder wird  damit gleich eine Distanz erzeugt? Denn diese irritierenden Buchstaben stehen auch auf den Plakaten in der Stadt.

Aufgeklärt ist das schnell: `mu:sǝ = Muße und `mu:zǝ = Muse. Auf das „s“ kommt es also an. Stimmlos und scharf oder stimmhaft. Geriert sich die dazu gehörende Kunst genauso indifferent und missverständlich, wenn solche Ungewöhnlichkeit in der Ankündigung betrieben wird?
Das sind die Fragen, die mir vorab dazu einfielen. Nachdem ich vor den Arbeiten der acht Studenten der Braunschweiger Hochschule im Schloss Holdenstedt gestanden habe, kam wieder einmal die nach der gesellschaftlichen Funktion von Kunst dazu!

„Muße“ also. Freie Zeit und innere Ruhe finden, um irgendetwas zu tun, das den eigenen Interessen entspricht. Das mittelhochdeutsche „muoȝa“, woher die „Muße“ sich ableitet, ist übrigens verwandt mit „müssen“. Und das nicht, weil es heutigen Tags zwingend notwendig scheint, sich diese freie Zeit zu nehmen. Eine ganze Industrie hat das bereits erkannt: Wellness-Tempel boomen, die Literatur fürs organisierte Ausspannen ebenfalls. Unser Gehirn braucht diese Auszeiten genauso. Fraglich, ob alle Menschen es auch können, in Form von ob sie in der Lage dazu sind. Das unvermeidliche Smartphone bimmelt an allen Stränden dieser Welt, WhatsApp, Facebook und andere zwingen ins permanente Präsent-Sein. Einfach mal die Klappe halten und aufs Meer schauen. Oder von einem Gipfel. Der gehetzte Mensch der Gegenwart, kann er es noch?

Da kommt so ein Ausstellungstitel gerade recht. „Muße“ – egal mit welchen Schriftzeichen  man das nun ankündigt. Fanny Doberauer, Alexander Mick, Marilena Raufeisen, Christian Scholz, Strahinja Skoko, Rui Zang und das Künstlerkollektiv Albrecht/Wilke haben sich dieser Aufgabe gestellt. Sie wollten, glaubt man dem Programmflyertext, „in den Räumlichkeiten des Kunstvereins im historischen Lustschloss Holdenstedt auf Pfaden der `plaisance`(wandern) und … die Wechselverhältnisse von Arbeit, Nichtarbeit und Ästhetik (untersuchen).“

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Alexander Mick: Read           Fotos: Barbara Kaiser

Auf den Pfaden von „plaisance“, des Vergnügens, also – wo immer diese Pfade sich schlängelten. Sieht man einmal davon ab, dass Schloss Holdenstedt kein „Lustschloss“ war, sondern Gutsherrensitz. Was bieten acht junge Leute, wenn sie sich die Muße-Zeit nehmen, von ihren Handys aufzuschauen? Wird die Präsentation für den Betrachter Vergnügen sein, weil die angehenden Künstlerinnen und Künstler genau mit diesem Gefühl, dieser Intention, Haus und Garten durchstreiften?

Kunst soll das Leben der Menschen wenn nicht verändern, so doch bereichern. Auch wenn die Art, mit der Künstler die Welt ansehen, zugleich Zumutung wie Herausforderung ist.
Herausgekommen für Holdenstedt ist – so mein Eindruck - ähnliche Konfusion, wie sie beim Anblick der Einladung Raum griff. Zwischen Popart, informeller Kratztechnik auf Acrylglas, Porzellan und Installation verliert sich für meinen Geschmack die Muße doch ziemlich. Oder hat es an der einen oder anderen Muse gefehlt?

Am eingängigsten sind noch die Arbeiten von Albrecht/Wilke. Deren Vornamen, zunächst vorenthalten, muss man in dem kleinen Heftchen suchen, das zur Vernissage erschien: Tim Albrecht, Hannes Wilke. Genau wie man den ganzen Spieler bei „Wimbledon“ vergeblich sucht – nur Waden und ein Tennisschläger. Nun darf man überlegen: Nimmt sich da einer Muße, vorm Fernseher zu sitzen oder spielt er selber? Eine andere, eher ungesunde Frei(e)zeit imaginiert für mich das Bild, auf dem ein Gewehr neben dem Fenster an die Wand gelehnt steht, die Schnapsflasche dabei, im Aschenbecher qualmt die Zigarette. Was für eine verhängnisvolle Paarung, die auch Angst macht. Der Titel „Wolken über Deutschland“ passt dazu, man denkt an Amoklauf (nicht an Muße).

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Albrecht/Wilke: Raver und Hund blicken auf ihr Leben...

Die gerahmten Druckgrafiken von Alexander Mick tragen die Titel „Kano“. Kano sei, so Wikipedia, ein von einem japanischen Professor entwickeltes Modell zur Kundenzufriedenheit. Bei Mick, so erläutert es zumindest Professor Wolfgang Ellenrieder in seiner Vernissage-Rede, sollen die Bilder die von „Sehnsuchtsorten“ sein. Zwischenmenschliche Beziehungen spielen darauf auch eine Rolle.

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Alexander Mick: Kano

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Prof. Wolfgang Ellenrieder

Absolut ratlos und auch ein wenig hinter die sprichwörtliche Fichte geführt kam ich mir bei Marilena Raufeisens „Lärmschutz“ und der Holzinstallation aus Keilrahmen vor. Stahlarmierungen wie bei den Betonbauern, drei mal vier Meter groß, auf dem Parkett des Schlosses – wo wäre da ein Bezug zum Ausstellungstitel? Für Ellenrieder führt die Künstlerin den Betrachter „auf den Nullpunkt der Inspiration zurück und verlangt absolute Aufmerksamkeit“. Ich selber mag da nicht folgen!

Kunstverein Muße Gruppenausstellung Marilena Raufeisen Lärmschutz_bearb

Marilena Raufeisen: Lärmschutz

Christian Scholz` überdimensionale Acrylglas-Krakelei, vor allem die vorm Fenster im unteren Raum, hat was. Keinen Titel zwar, aber eine gewisse Ästhetik ist dem Ganzen nicht abzusprechen. Er selbst sieht sich im Dialog mit dem Material.
Die Bilder der Chinesin Rui Zhang nannte Ellenrieder „offene Bücher“. Außerdem wird ihnen im Text des Vernissage-Heftchens eine politische Bedeutung oktroyiert. Da die junge Frau aber im Jahr 1989 geboren wurde und die Zeit der so genannten Kulturrevolution nur aus den Geschichtsbüchern kennt, scheint mir das verfehlt. China öffnet sich, wenn auch nicht besinnungslos und um jeden Preis, schon lange dem Westen. Auf den Bildern Zhangs vermisst man bereits die chinesische Tradition! (Im Video gibt es zumindest chinesische Schriftzeichen.)

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Christian Scholz: "Ohne Titel"

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Rui Zhang: Escape from this Planet

In der Aufzählung fehlen noch die Arbeiten von Strahinja Skoro und Fanny Doberauer. Während mir Skoros Bilder fremd bleiben, suggeriert der Titel von Doberauers 15 Porzellanfliesen, die sie auf dem Boden ausbreitete, durchaus philosophische Potenz: „Die Anderen“. Das Material ist weiß. Manche der 21 mal 30 Zentimeter großen Platten haben Risse oder Kerbungen… Was wüssten wir schon über „Andere“? Sie sind für uns oft Terra incognita und die Mühen, sie zu ergründen, zu erkennen, bleiben überschaubar.
Ich denke an die fremden Menschen, die jetzt bei uns Heimat suchen, weil sie vor Krieg, Elend, Terror und Hunger flüchten, befürchte allerdings, dass dies nicht die Intension der Künstlerin war. Obwohl: Wolfgang Ellenrieder nannte sie „ein Sinnbild für den zerbrechlichen Status quo in Europa“.

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Prof. Wolfgang Ellenrieder mit seinen Studenten

Summe: Ich stand insgesamt mehr oder weniger ratlos vor den Bildern und Installationen der Braunschweiger Studenten. Und die eingangs erwähnte Frage nach der Funktion der Kunst in der Gesellschaft findet wohl keine Antwort. Eine Auseinandersetzung findet für mich nicht statt, weder mit den Widersprüchen unserer Zeit noch mit dem „plaisance“, das aus einem Rundgang in Holdenstedt zu schöpfen gewesen wäre. Auch wenn das erläuternde, bereits erwähnte Heftchen einen Beitrag zum Verständnis leistete. Aber soll die Kunst uns nicht die Welt erklären helfen? Und nicht der Künstler seine Kunst, auf dass wir eine Ahnung bekämen? Diese Fragen bleiben.
Geöffnet ist die Schau noch bis 18. Juni, donnerstags bis samstags, von 14.30 bis 17 Uhr. An Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr.
Barbara Kaiser - 14. Mai 2017

1 Antwort

  1. Die Kunst soll nicht die Welt erklären, sie ist autonom. Scheinbar waren Sie nicht gewillt sich auf Arbeiten und Sinneserfahrungen einzulassen, an einem Unort wie Uelzen der wohl nur Friedensreich Hundertwasser verstehen kann, versuchen Sie direkt Eingangs jedes Haar in der Suppe zu suchen. Und ich nahm an, Braunschweig wäre schon die reinste Provinz. SM

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