Zwischen Barock und moderner Percussion

Kammerorchester Uelzen sorgte wieder für nachhaltiges Musikerlebnis

Was für ein schwungvolles frühbarockes Schwelgen, ein Rondeau aus der Abdelazer-Suite von Henry Purcel. „Klang und Klarheit“ lautete in diesem Jahr das Motto des Kammerorchesters Uelzen, für das sein Leiter Heiko Schlegel wieder Antipoden zusammenwachsen ließ. Das funktionierte – im Gegensatz zur deutschen Einheit – wunderbar: Es klang wirklich zusammen, was allein zeitlich nicht zusammengehören kann.

Heiko Schlegel

In der coronabedingten Besetzung war die St. Marien Kirche quasi ausverkauft, als der Klangkörper, der in diesem Jahr Heiko Schlegel seit 20 Jahren am Pult sieht, sein aus dem Mai verschobenes Konzert spielte. An zwei Abenden, am 3. und 4. Oktober. Wem also an diesem Wochenende zum Feiern zumute gewesen sein mag, der bekam hier den absolut passenden Rahmen und man wünschte sich eine derlei unkonventionelle Sicht, so frei von Scheuklappen, wie sie Schlegel immer für seine Konzeptionen praktiziert, auch anderswo.

Sehr munter, pfiffig und temperamentvoll musiziert gelang das Entree mit sieben Sätzen des Briten also perfekt. Gediegene Holzbläser ließen aufmerken, verlässliche Streicher an ihrer Seite.

„Klang und Klarheit“ sollten Begriffe sein, die sich gegenseitig bedingen, wünschte sich Schlegel in seinen einführenden Worten. Und als er den folgenden Sebastian Fagerlund (* 1972) als „unerhörte Musik“ ankündigte, konnte man nur gespannt sein.

Henning Ahlrichs und Clemens Krauß

Dessen dreiteilige Partita mit den Sätzen „Cerimonia“ (Zeremonie), „Risonanza“ (Widerhall) und „Preghiera“ (Gebet) ist nicht einer bestimmten Religion zugeschrieben, es geht eher um Spiritualität, um ein Gefühl des Aufgehobenseins. Gemeinsam mit den Percussionisten Henning Ahlrichs, Clemens Krauß und Daniel Orthey wagte das Kammerorchester ein wahrhaftes Experiment, das diese Partitur ist.

Daniel Orthey

Schlegel gab klare Einsätze, was in diesem musikalischen Chaos, das eher aus Ton-Clustern besteht denn aus Motiven, eine Meisterleistung ist. Der Dirigent ließ seine Musiker an keiner Stelle sich verirren; zwischen einer Tonfolge, die an den „Weißen Hai“ erinnerte und einem sich emporschwingenden, flirrenden „Gebet“. Ob das beim Adressaten ankommt oder sich in der Unendlichkeit des Universums verliert – wer weiß es. Angekommen ist auf jeden Fall im Publikum ein aufregendes Stück neuer Musik, der sich engagierte Instrumentalisten zu Füßen warfen.

Dagegen waren die Ouverture, das Menuet und die Gavotte aus Gabriel Faurés Schauspielmusik „Masques et Bergamasques“ etwas zum Durchatmen, zum Freuen. Den Titel entnahm Fauré einem Vers aus Verlaines berühmtem Gedicht, „Clair de lune“ (Mondenschein). Seine Musik zum Einakter, einer Commedia dell’Arte, ist pure Unterhaltung. Entsprechend spielte das Kammerorchester: Die glamouröse Ouvertüre, ein Menuett, das klarmachte, warum es auch Schreittanz heißt, und die Gavotte voller Ausgelassenheit und Musizierfreude in energischer Phrasierung.

Nima Mirkhoshhal

Der Schlusspunkt der 75 Konzertminuten stand für die „Klarheit“ des Konzertmottos: Mozarts Klavierkonzert Nr. 15 B-Dur KV 450. Am Flügel saß Nima Mirkhoshhal.

Diese Zwiesprache gelang rundherum. War der Solist zu Beginn noch ein wenig zu routiniert und technisch nicht immer ganz sauber, entwickelte sich sein Spiel mit dem Andante des zweiten Satzes - nach einer Extraportion Besinnung, weil in das Allegro des ersten Satzes das 18-Uhr-Läuten gedonnert war und Schlegel innehalten ließ, ehe er fortfuhr – zu einer seelenvolleren Interpretation. Und im dritten Satz hatte der 23-jährige Solist zu einer souveränen Spielkultur und der erforderlichen Mozart-Leichtigkeit, der man aber die Anstrengung nicht anmerken darf, gefunden. Das Orchester grundierte auf wunderbare Weise. Holz- und Blechbläser seien extra gelobt! Für das Zusammengehen von Ensemble und Pianist war Heiko Schlegel der unerschütterliche Garant.

Diese Aufführung (Samstag, 3. Oktober) war eine interessante und klangsinnliche Erfahrung. Dargeboten von einem Ensemble und Solisten, die sich zu fabelhafter kollektiver Leistung verbündeten. Eine wahrhafte „musique engagée“ – obgleich dieser Begriff aus der politischen Szene stammt, sei er verwendet, um den Einsatz, trotz aller widrigen Bedingungen in diesem Jahr, zu würdigen. Alle Akteure bescherten den Zuhörern einen musikalischen Abend, der Leidenschaft transportierte und Glück schenkte.

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