Zwischen Bach und Beethoven

Klavierabend mit Nima Mirkhoshhal in der Ebstorfer Kulturbühne

Eigentlich ist es unfair, zwei Stunden nachdem man den Göttinger Sinfonikern und Hinrich Alpers beim Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns zugehört hat, sich in einen Auftritt von Nima Mirkhoshhal zu setzen. Die beiden Pianisten trennen 16 Lebensjahre, eineinhalb Jahrzehnte Spielpraxis und vor allem Interpretationserfahrung. Im unmittelbaren Vergleich kann da der Jüngere nur verlieren.
Aber das Publikum in der „Kulturbühne Altes Lichtspielhaus“ Ebstorf war wohlwollend, und auch ein wenig nachsichtig musste es sein. Aber schließlich saß der junge Künstler bereits das dritte Mal hier am Flügel, der Betreiber der Kulturbühne, Professor Dr. Norbert Schmedtmann, nannte ihn „meinen Freund Nima“.

Nima Mirkhoshhal hatte sich ein großes Programm vorgenommen, das er mit Johann Sebastian Bach begann. Durch die Kantate „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ BWV 106 irrte der Interpret recht unentschlossen; das folgende Präludium und Fuge g-moll BWV 861 waren dann munterer, entschlossener, frischer. Vor allem in der Fuge stimmten die Phrasierung und die Gleichberechtigung der Stimmen.

Fotos: Barbara Kaiser

Es fällt immer wieder auf – und das, seit ich den heute 22-Jährigen das erste Mal spielen hörte, was zehn Jahre her sein kann -, dass Mirkhoshhal kein Mann der leisen Töne ist. Ich erinnere mich an eine Vernissage im Kunstverein, wo er vor vielen Jahren einen Franz Liszt donnerte. Der ist natürlich immer für ein Renommierstück gut, aber berührt hat mich diese Art der Interpretation schon damals nicht. Das Leise und ein kultivierterer Anschlag, der damit einherginge, ist das Problem für den jungen Mann geblieben.

Am Abend in Ebstorf stand auch die Sonate Nr. 2 fis-moll op. 2 von Johannes Brahms auf dem Programm. Unerklärlich, warum der Interpret die Sätze I und III spielte, denen jedoch Mendelssohn-Bartholdys „Lieder ohne Worte“ op. 62 Nr. 1, 2, 6 und Maurice Ravels Sonatine dazwischen schaltete. Fürchtete er sich vor dem elegischen Satz II dieses Johannes Brahms?

Der Ravel immerhin war schöner Impressionismus, nirgendwo aber waren die glockenhaften Harmonien fragend. Und „Modéré“, „Movement de Menuet“ und vor allem das „Animé“ blieben unterschiedslos zu wenig ausgearbeitet, was schade ist. Vor der Pause gab es noch das Scherzo Nr. 2 b-moll op. 31 von Frédéric Chopin. Hiermit wurde die Aussage des Pianisten unterstrichen, dass er das Stück schon lange und sehr gerne spiele, und er sich darin wohl fühle. Dieser Chopin entspricht der Art Nima Mirkhoshhals Klavier zu spielen am meisten. Obgleich es mehr nach Liszt klang, nach rauer ungarischer Puszta als nach polnisch-französischen Salons.

Eigentlich wird Chopins Klavierspiel und sein Wirken als Lehrer unter anderem mit der Sensibilität des Anschlages verbunden. Seine Ideen über das Klavierspiel waren facilité = Leichtigkeit und die Ablehnung des perkussiv-hämmernden Anschlages. Der Komponist war gegen ein mechanisches Üben ohne musikalisches Engagement. Dieser Lehrsatz gilt bis heute grundlegend.

Zum Abschluss des Abends: Der Jubilar des Jahres – Ludwig van Beethoven. Als Warm up die Bagatellen Nr. 9, 10, 11 und 7 op. 119. Unglücklicherweise ließ der Spieler sie ohne Pause in die Sonate Nr. 21 C-Dur op. 53 (Waldsteinsonate) übergehen. Warum bleibt sein Geheimnis.

Vor allem junge Pianisten scheinen diese Sonate zu lieben, das beweist die Tatsache, dass sie beispielsweise in Medingen, in der Reihe „Junge Pianisten“, sehr oft auf dem Programmzettel steht. Nima Mirkhoshhal spielte sie dort auch schon, vor sechs Jahren.

Und auch bei ihrer Wiederholung jetzt gab es keinen Gedanken an „L` Aurore“ - wie die Franzosen diese Partitur wegen des Pianissimo-Crescendo zu Beginn nennen. Es ist ein dreifach-ppp nach Beethovens Notenvorschrift, also eigentlich kaum zu hören.
Bei Mirkhoshhal donnerte der Sonnenaufgang herauf, weil er die vom Komponisten geforderte sanfte Stille und die Schnelligkeit nicht unter einen Hut zu bringen versteht. Sehr eilig, nahezu aggressiv und robust ging hier die Sonne auf. Im Zwischenspiel des 2. Satzes verirrte sich der Interpret. Ja, das war wieder sanft und leise und es bleibt seine große Schwäche, auch dafür Spannung zu erzeugen!
Das Allegretto von Satz 3 schien auch für ihn selbst eine Erlösung zu sein. Und hier war der Pianist in der Lage, ganz zart zu beginnen. Ehe er die Sonate, ohne jeden Zweifel technisch versiert, im akustischen Overkill zu Ende brachte.

Sein Publikum hatte er trotz allem für mehr als zwei Stunden auf seiner Seite, mit dem Beethoven konnte er auch ein wenig bei mir für Versöhnung sorgen. Zufriedenheit jedoch sähe anders aus, weil der Nachhall dieses Klavierabends nicht sehr nachdrücklich blieb.
Barbara Kaiser – 08. März 2020

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