Zwischen Ambition und Verrat

Übern Tellerrand geschaut: In Weimar spielt man Schillers Wallenstein-Trilogie an einem Abend

Am Nationaltheater Weimar war man immer aufgeschlossen und risikobereit. Für diese Behauptung stehen mir über 40 Jahre Erfahrung mit diesem Haus zur Verfügung. Ich weiß noch den Aufschrei, als der große Fritz Bennewitz (1982) die Hexen im „Faust“ mit Maschinenpistolen ausstattete und die Ungeheuer mittelalterlicher Höllenvorstellung in die Äste zweier Bäumen hing, so die Bühne flankierte, auf der sich Gretchen um des Gelehrten Religion mühte. Im Kulturstadtjahr 1999 gab es beide Teile des Menschheitsdramas an einem Abend, was nicht jedem gefiel. Ich erinnere mich aber, dass es durchaus die wesentlichen Bruchstücke waren, die da vorgesetzt wurden.
Fritz Bennewitz inszenierte auch zuletzt den „Wallenstein“ insgesamt. Allerdings an zwei Abenden, die dann gleich zusammen zehn Stunden währten. Warum also nicht alles auf knapp die Hälfte der Zeit zusammenzurren, zumal es Zeit dafür würde, denn die letzte Aufführung des Dramas um den Feldherrn in der Klassikerstadt ist 30 Jahre her! Weil: In Weimar muss man zwingend neben all den anderen Autoren Goethe und Schiller sagen, schließlich waren die die Stars der Theateranfänge.

Intendant Hasko Webers „Faust“-Inszenierung aus dem letzten Jahr machte, obwohl das Publikum noch auf Teil II wartet, neugierig auf „Wallenstein“. Weber hat Erfahrungen mit dem Mann. Er gastierte in besagtem Kulturstadtjahr, aus Wuppertal mit einer Kammerspielfassung kommend, in der Herderkirche Weimar. Seine Inszenierung 2015 ist eine Zusammenarbeit mit dem Theater Erfurt. Diese Kooperation ist listige Absicht, denn, so Weber: Die Thüringer Theater müssen sich „über die Jahre so verbinden, dass sie nicht mehr wegzudiskutieren sind.“ Weimar als ein zweites Rostock? Niemals! Schließlich ist man zusätzlich dem ersten Theaterdirektor und Regisseur Goethe verpflichtet. Selbiger inszenierte die Uraufführung des Stücks seines Freundes Schiller, der sich damit als Dramatiker nach zehn Jahren Pause fulminant zurückmeldete, zur Wiedereröffnung der Weimarer Bühne 1798/99.
Wohin aber stellt man sich damit heute? Auf jeden Fall „zwischen Traditionspflege und künstlerischer Progression“. So Goethe-Nachfolger-Intendant Weber.

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Fotos: Barbara Kaiser

„In eines Krieges Mitte stellt euch nun der Dichter… und keine Friedensschaffung strahlt.“ Für den Dichter Schiller ist nicht aufgegangen, was er sich erhoffte. Nämlich, dass Geschichte am Ende immer zu einem guten Zweck führe. Fast zehn Jahre belehrten ihn, seit er, der Verfechter von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zum Ehrenbürger der Französischen Republik ernannt wurde, dass es immer nur um Macht geht und die Freiheit nicht mit Gewalt herbeizuzwingen ist. Ein Resümee beim Blick in heutige Welt sagt nichts anderes - was einen getrost erschrecken darf.

Was kann man also aus dem Glücksritter Wallenstein, der durch den Krieg groß und auch größenwahnsinnig wurde, machen, damit der Zuschauer nicht gleich seine Bereitschaft zur Empathie von diesem Manne abzieht? Aus einem Krieger, der ein Heer von Söldnern befehligt, die sich an ihn hängen, weil er pünktlich den Sold zahlt und sie auch mit Ländereien beschenkt. Und der es ermöglicht, dass sie ihr staatlich legitimiertes Morden ungestraft fortführen dürfen. Sie können ja nichts anderes.

wallenstein4Dominique Horwitz, der Wallenstein als Gast und bekanntes Filmgesicht, dazu Chansonnier mit Jacques-Brel-Programm, gibt den Feldherrn als Schlitzohr. Hat er`s gar nicht so gemeint? Die Geheimverhandlungen mit den Schweden, der Verrat am Kaiser. Der Friedenswunsch. Hat er sie alle getäuscht? Die Soldaten und die jede Macht umschlängelnden Intriganten? Wallenstein ist unentschlossen – oder welches Ass hat er im Ärmel?
Es wird sich herausstellen, dass er sich verkalkuliert hat. Am Ende hilft diesem Helden nichts mehr auf die Sprünge, auch nicht, was sich Freiheit von Optionen nennt. Obendrein  fallen sie alle von ihm ab. Mit dem Unterschied, dass der enttäuschte Max Piccolomini (wunderbarer, keineswegs lächerlicher Idealist: Tobias Schormann) in der Schlacht den Tod sucht, der vermeintlich hintergangene und gekränkte Butler (seit seinem Mephisto 2014 mein Lieblingsmime, ganz cool und geschäftsmäßig: Sebastian Kowski) aber die Ermordung organisiert. Auch Thekla (sehr zupackend wie schon als Gretchen: Nora Quest) bringt sich um. Die Wallenstein die Treue halten wollten, weil sie Koks schnupfend, saufend und fröhlich diese Kriegszeit schon aushalten (Illo und Terzky: Krunoslav Sebrek und Sebastian Nakajew), werden gleich mit erledigt.
„Eure Hand ist rein, Ihr habt die meinige dazu gebraucht“, sagt Butler dem heuchelnd entsetzten Octavio Piccolomini, als er allein dasteht und auch noch das letzte Wort haben darf: „Jetzt bin ich der Fürst!“

wallenstein3Diese Aufführung ist die Hingabe an eine bedrängend dichte, undramatische Studie in Miteinander-Gegeneinander-Spannung. Sie huldigt nicht dem Text, sondern nimmt ihn als Material. Was für eine Welt! Ein Tummelplatz der Intrigen und Ideologien, voller Verschwörungen im Dreck dieser Kämpfe. Der Orchestergraben ist die Müllhalde diversen Kriegsgeräts. Im kargen Bühnenbild von Thilo Reuter tanzen sie am Anfang alle über ein großes, schräg nach vorn liegendes Kreuz, das sich zu gellenden Rhythmen lämpchenbestückt. Die Kostüme sind heutig wie das Thema: „Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,/ der Soldat allein ist der freie Mann.“ Wie viele Deutsche haben sich bis jetzt zum IS gemeldet? Lernt denn diese Menschheit nie?

wallenstein2Es war auf Weimars Bühne also keineswegs ein spannungs- und energiegeladenes ENDspiel über die Zeiten Wallensteins und den 30-jährigen Krieg. Ohne Didaktik wird da agiert. Mit Haltung ohne Vereinnahmung. Hier verschreibt sich Theater wieder einmal der an bühnentauglichen Widersprüchen vermeintlich armen Gegenwart.
Locker auch, manchmal wie nebenbei. Und doch bleibt uns keine Wahl als die Frage von Max und Thekla, die über die Jahrhunderte dieselbe sein wird, zu bedenken: „Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet,/ In diesen Kreis des Unglücks und Verbrechens?/…/ Warum muss … der Väter unversöhnter Haß/ Auch uns, die Liebenden, zerreißend scheiden?“ – Ein  starker, erschreckender Abend.
Barbara Kaiser – 24. April 2015

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