Zwei- und Dreidimensionales

Zur Ausstellung im Kunstverein: Grafiken von Benita Mylius und Skulpturen von Wolfgang Hebert

Heutige Köpfe, ob in Literatur, Musik oder Kunst, wollen oder können nur über sich reden. Das Selbsterfahrene gilt alles. Anderes, Fremdes, wird kaum verhandelt. Das ist in der Ausstellung des Kunstvereins, die noch bis zum 6. Oktober 2018 im Galerieraum Theaterkeller zu sehen ist, anders. Gezeigt werden unter dem Titel „Lineares in Holz“ – dem Jahresthema Grafik verpflichtet – Holzschnitte von Benita Mylius. Dazu gesellen sich Eichenskulpturen von Wolfgang Hebert.

Es ist Zeit, wieder einmal Bert Brecht zu zitieren, der meinte in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“: Wer in einer bestimmten Epoche über Natur spricht, hat nur eine besondere Form gefunden, feige und ignorant über das Böse der Zeit zu schweigen. Benita Mylius gehört nicht zu denen, die arglos über Bäume reden, obwohl die in ihren Arbeiten durchaus vorkommen.

Es gehe in ihren Holzschnittgrafiken um die „dunkle Seite unserer Spezies“, sagt sie, um Mensch und Natur. Deren Zusammenspiel „uns manchmal vor Entsetzen oft nur tief durchatmen lässt.“ Sie beschäftige „die Machtlosigkeit des Menschen, nicht alle Probleme lösen zu können“, es fasziniere sie aber auch, wie viele Veränderungen auf den Weg gebracht würden.
Ihre Bilder seien ein „düsterer Spiegel“, für den sie sich aber keine negative Interpretation wünscht. „Ich habe sehr viel Optimismus und Kraft“, ist sie sich sicher, „deshalb kann ich auch das Dunkle ertragen.“

Benita Mylius

Die Grafiken von Benita Mylius tragen Titel wie „Drahtgemenge“, „Bretter“, „Fassade“, „Unwetter“, „Tornado“, „Umwüstet“ oder „Aedificium destructum“ (etwa: eingerissener, abgerissener Bau).
Nach einem Bild befragt, mit dem sie fotografiert werden möchte, nimmt die Künstlerin ein kleines Format zur Hand, das eine Menschengruppe zeigt, die aus dem Dunklen aufbricht, weiter vorn lichtet sich die Nacht. Das Bild hat keinen Titel, weil ein Galerist einmal sagte, Politisches verkaufe er nicht - sofort aber denkt der Betrachter an Flüchtlinge. Die sich aufmachen aus dem Inferno von Krieg, Verfolgung, Armut, Perspektivlosigkeit.

Und so sind die Bilder von Benita Mylius, die in Lüneburg geboren wurde, in Düsseldorf und Den Haag Malerei studierte, sich in Mexiko, auf Hawaii und in Berlin vervollkommnete und jetzt in Den Haag lebt, keinesfalls nur Protokolle bloßen Befindens. Die Fragen: Welche Wahrheit können Bilder transportieren? Wie kann man ihnen vertrauen? Können sie eingreifen in gesellschaftliche Verhältnisse, sie zumindest sichtbar machen? beantworten sich vor den Arbeiten der Künstlerin!

Mensch und Natur. Mensch und Gesellschaft – es geht stets um Werden und Vergehen und Neubeginn. Die Erschließung eines Kunstwerks beginnt ja mit sprachloser Annäherung, und dann muss man dessen innere Dynamik spüren. Das Schauen darf einem dabei das Denken nicht austreiben! Bei Benita Mylius funktioniert das. Ein seltener und erfreulicher Fall! Apologeten der grenzenlosen (informellen) Kunstfreiheit dürfen sich getroffen fühlen! –

Die Skulpturen von Wolfgang Hebert fügen sich gut in die Ausstellung ein. Bei ihm ist das Holz dreidimensional. Die Titel sind unverbindlicher: „Große schlanke Figur“, „Großes Tor“, „Kleines Paar“, „Wächter“, „Krieger“. Hebert hat aus der Zwiesprache mit dem Material und dessen respektvoller Befragung elegante Figuren erschaffen. Er weiß um die Spröde und Härte des Eichenholzes, dass die zu verletzen bestraft würde. Er betreibt mit seinen Arbeiten eine Reduktion bis zum Abstrakten, immer jedoch sind die Ergebnisse, bei aller Fragilität, voller ästhetischer Wucht.

Wolfgang Hebert und Waldemar Nottbohm. Fotos: Barbara Kaiser

Hebert studierte Medizin und danach noch Architektur. Er arbeitet als Architekt und lebt in Hamburg und im Wendland.
Die Arbeit an einer Skulptur ist ja der bannende Moment der Aufhebung zwischen Erdanziehung und Schwerelosigkeit – in den beeindruckendsten gelingt er dem Holzbildhauer. Zudem sind sie von einer herben Strenge.
Auch Hebert denkt politisch. Wie man auf seiner Internetseite verfolgen kann, nahm er an der „Kulturellen Landpartei“ teil und das Projekt „Ein Baum aus der Göhrde“ fügt sich ein in die ältesten Proteste des Wendlands, die gegen Atomkraft.

Dem Kunstverein ist mit seiner vorletzten Ausstellung des Jahres also eine gelungen, in der sich die zwei Ausstellenden ergänzen. Der Betrachter darf seinen Kopf zum Denken benutzen und hat nebenbei den künstlerischen und ästhetischen Genuss.
Barbara Kaiser – 08. September 2018

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben