Zeit für neue Spuren

Jahrmarkttheater spielt seine letzte Saison in Wettenbostel mit „Shakespeares letzte Worte“

Es beginnt mit einer Absage. Aber, Glück im Unglück, das „International Craftsman Theatre“ (ICT) machte, welch Zufall, Station in Wettenbostel - kündigte Theaterdirektor Thomas Matschoß an. „Pyramus und Thisbe“ stünden auf deren Plan, die Geschichte dieses babylonischen Liebespaares. Vorläufer von Romeo und Julia quasi.
Jedoch, nochmals ein Aber – nach so vielen Jahren sind die Künstler dieses Liebesgrams gründlich leid, zumal sich der Darsteller des Löwen weigert, das Pelztier länger zu spielen.
„Macht doch, was ihr wollt!“, schreit Antonio. Der Gitarrist intoniert e-moll. „Es ist vorbei, endlich!“, sagen die anderen.

Dann bittet Anna Sinkemat, die man hier noch für die Erzählerin im Stück, den V-Effekt, hält, die Gitarre um ein lichtes A-Dur: „Irgendwann kommt`s immer anders, als man sich so denkt…“, singt sie. Ein bisschen Sinn des Lebens, Fatum, in Versen.

In Wettenbostel gibt es in diesem Sommer einen Abschied. Wo war man nicht schon überall gewesen, als man zwischen Reithalle, Eichenhain und Dorfweiher das Areal bespielte! An Illyriens Gestaden, im fernen Transsilvanien, im Staate Dänemark.

Fotos: Barbara Kaiser

Die Darsteller in Thomas Matschoß` neuestem Stück hätten nun eine Welttournee vor sich; Bedingung eine ultimative Komödie. Nie wieder Pyramus und Thisbe – was Spektakuläres muss her. Damit stehen die Akteure vor dem Problem aller Theatermacher aller Zeiten.

Aber dann steigt William Shakespeare (Charlotte Pfeifer) vom Baum. Putzmunter, weiblich, nach anfänglichem Misstrauen – bis er aus seinem „Kaufmann von Venedig“ rezitiert - herzlich in der Truppe aufgenommen. Denn: Er hat ein neues Stück. Und nicht nur eins. Zwölf Nächte haben sie Zeit, etwas auf die weltbedeutenden Bretter zu stellen, dann will der Theateragent, dass sie liefern. Dann winkt Las Vegas.

Charlotte Pfeiffer als Shakespeare-

Natürlich muss man erst einmal klären, was Theater eigentlich bewirken soll. Für Richard (Alexander Flache) ist Theater Gefühl, der sich selber geordnet und sortiert vorkommt, wenn die Vorstellung aus ist. Für Antonio (Martin Greif) muss Theater unbedingt politisch sein. Die beiden Mädchen Julia und Helena (Kristin Norvilas, Kristina Willmaser) wollen nur spielen. Schließlich war Julia mal die beste Nachwuchsschauspielerin. Des Saarlands.

Dann geht`s los mit den Proben. Und ab sofort muss der Zuschauer den Subtext Gegenwart mitdenken zu dieser Rahmenhandlung auf der Suche nach dem besten Theaterstück.
Da lässt Matschoß eine originale AfD-Höcke-Rede halten und auf den Mann im Boot, der bezeichnenderweise eine Rettungsweste trägt, die Waffe anlegen. Dann lässt er von einer hohen Mauer träumen, die Verlässlichkeit vorgaukelt und alles Fremde draußen zu halten verspricht. Die Mahnung dazu: „Auch wenn ihr euch hinter dieser Mauer sicher wähnt, sicher vor allem Fremden, aber gefangen in den eigenen Ängsten!“
Fakt bleibt: Keins der Stücke ist angeblich aufführbar. Denn eine gewisse Buba (Anna Sinkemat) redet immer dazwischen. Eine Shakespeare-Figur ist der Spielverderber. Ihr Zusammenhang sei hier nicht verraten, den klärt der Schluss.

Theaterdirektor Thomas Matschoß.

Theater ist Zeitreise. Schaubühne. Reflexionsraum für die Gesellschaft. Leider wird heute im Theater zu sehr auf Amüsement denn auf Tiefsinn gelauert. Nicht so bei Thomas Matschoß. Seine neue Arbeit - „Shakespeares letzte Worte“ – balanciert geschickt zwischen Klamauk und Nachdenklichkeit, zwischen Schenkelklopfen und Erschrecken. Ist zudem aktuelle und/oder anspielungsreiche Erinnerung an zwölf Sommer Wettenbostel-Theater.
Ist „Shakespeares letzte Worte“ Panoptikum oder ein Stück Provinz? Oder das Bild, der Spiegel, unserer (kapitalistischen) Welt? Matschoß fehlt es nicht an Mut, Türen aufzustoßen, die ihm Protest einbringen könnten. Weil sich rechte Schreihälse derzeit stark fühlen überall. Er wolle sich nicht wegducken, hatte der Autor und Regisseur im Gespräch gesagt.

Es wurde pointiert und grell genau wie auf eine subtile Art und Weise still inszeniert. Tief beeindruckend die Pantomime „Ohne Worte“, die, so erklärt es Willi Shakespeare, eigentlich „Der Schoß ist fruchtbar noch“ heißen sollte. Aber das habe ihm der Brecht geklaut.
Geschichte ist eine Wiederholungstäterin, sagte der Publizist Günter Gaus einmal, sie „inszeniert häufig mit neuen Texten die alten Dramen“.

In der Ausstattung von Anja Imig, der Dramaturgie von Andrea Hingst und mit der Musik von Markus Voigt (an den Gitarren: Arne Imig, Benedikt Schnitzler) vermögen die Darsteller ihren Rollen eine persönliche Prägung zu geben. Sie spielen mit Bildern, die nicht in die bürgerliche Selbstlüge gelingender Welt passen. Das Feuerwerk theatralischer Mittel ist kein Selbstzweck. Bei Matschoß verschleißt man seine Aufmerksamkeit und sein Unterhaltungsbedürfnis nicht an Aufputz und Nebensächlichkeiten; so wächst die Aufnahmebereitschaft für Gedanken, die nötig sind.

Das ist Worttheater mit intellektuellem Charisma, in dem auch der Spaß nicht zu kurz kommt. Das Entsetzen steht aber manchmal gleich daneben.
Am Schluss jedenfalls machen sich alle auf ein Stück zu schreiben, in dem die Welt schön, die Menschen friedlich sind. Was hier didaktisch klingt, ist der fröhliche Abgesang auf Wettenbostel: „Nun ist es an der Zeit, neue Spuren auf dem bis heute nur vom feuchten Morgentau benetzten Wiesen zu hinterlassen. Lasst uns aufbrechen!“

Im nächsten Jahr geht es in Bostelwiebeck weiter! Und natürlich hat der große Meister Shakespeare das letzte Wort: „Dieses Stück könnte man wirklich aufführen“, sagt er. Eins von gelingendem Tun. Aber dafür muss man sich eben auf den Weg machen…
Weitere Aufführungen: Freitag bis Sonntag, 2./4. August, 9./11. August, 16./18. August, und Freitag und Samstag, 26./27. Juli, 23./24. August 2019. Kartentelefon: 05807/979971 oder karten@jahrmarkttheater.de
Barbara Kaiser – 25. Juli 2019

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