Zauberhafte Petitessen

Am zweiten Schlosswochen-Abend gab`s  Kammermusik und Lieder

An allererster Stelle und ehrlichen Herzens muss hier Abbitte getan werden. Vor Miriam Alexandra, die bei der Besprechung des gestrigen Operettenkonzerts keine guten Noten bekam. Hatte sie einen schlechten Tag erwischt? Oder veranlasste die Konkurrenz an ihrer Seite, so zu überdrehen, wie sie es tat. Denn: An diesem zweiten Schlosswochen-Abend war sie wunderbar! Mit der so ersehnten Kunst der leisen Töne, die sie ja durchaus beherrscht. Da paarte sich Innigkeit mit zurückhaltender Geste und griff ans Herz, da stimmte die Intonation. Ein perfekteres „Reich mir die Hand, mein Leben“ hört man sicherlich selten. Miriam Alexandra und Claus Temps waren das musikalische Traumpaar, warmherzig und leuchtend und doch mit diesem gewissen Verführungspotential – wir wissen ja, wo der Mann – Don Giovanni - mit der Frau – Zerlina - hin will. Für diese Darbietung ein Extra-Bravo.

Natürlich war er wieder zweieinhalb Stunden lang, der zweite Abend der diesjährigen Schlosswoche. Es gab Kammermusik. Die Gattung also, die in diesem Landkreis a priori eine stete mitgedachte Konkurrenz im Hintergrund hat, Stichwort Internationale Sommerakademie.
Weil die Schlosswochen-Konzeption immer thematisch bleibt, wenn nicht über die gesamte Distanz aller Aufführungen, so doch an einem Abend, standen dieses Mal heitere und/oder virtuose Noten auf dem Programm.
Die vier Akteure, neben Alexandra und Temps vertraten  das Instrumentale Ira Maria Witoschynskij (Klavier) und Natascha Korsakowa (Violine), arbeiteten sich dafür aus dem 18. Jahrhundert bis in die Moderne des 20; musizierten Noten von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791), Hubert Léonard (1819 bis 1890), Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921), Maurice Ravel (1875 bis 1937), Roger Quilter (1877 bis 1953) und Erich Wolfgang Korngold (1897 bis 1957).

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Fotos: Barbara Kaiser

Arien aus Mozarts Oper über diesen Weiber verschlingenden, den Champagner liebenden Komtur machten den Anfang und nahmen von der ersten Minute an gefangen. „Auf denn zum Feste“ sang Claus Temps als Don Giovanni, um danach mit seiner Canzone „Feinsliebchen, komm ans Fenster“ zu locken. Ganz zärtlich lockte der Sänger auch das begleitende Klavier aus seiner Kühle. Und bei besagtem „Reich mir die Hand“ waren alle ganz beieinander und es war (auch noch auf Italienisch) einfach nur schön.

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Danach drei Werke für Violine und Klavier, die leider mehr als unbeachtet in den Musikrepertoires schlummern: Mozarts „12 Variationen über `La Bergére Célimène`“ KV 359 aus dem Jahr 1781, Hubert Léonards „Fantaisie sur `Don Juan` de Mozart“ op. 29, geschrieben 1868 und Camille Saint-Saëns` „Introduction et Rondo capriccioso“ op. 28 von 1863.
Was für ein Feuerwerk! Wohl nicht umsonst hieß der ganze Abend „Rondo capriccioso“, weil diese beiden Musikbezeichnungen immer Besonderes erwarten lassen. Und im Miteinander sollten sie unübertroffen sein. Das waren sie.
Eine Natascha Korsakowa, die ihre (eigene neue) Geige aus dem Jahr 1851 von Jean-Baptiste Vuillaume zum Lachen und Weinen, Seufzen und Jubilieren brachte. Das schlichte Thema der Mozart-Variationen steigerte sich ins Vertrackte, mal Moll grollend, mal in Dur hüpfend. Mal neckischer Schnörkel, Synkope gar oder zupackend kraftvoll. Ihre Begleiterin am Klavier ging mit der Solistin achtsam und sorglich um. Plastisch und doch durchhörbar bleibend beide Parts.

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In der folgenden Fantasie hat die Geige das ganze beeindruckende Programm in die Noten geschrieben bekommen, die ihr Spiel so schwierig macht: Doppelgriffe, die die Korsakowa griffsicher absolviert, atemberaubende Läufe, die weich bleiben und nirgends stolpern. Auch die Pianistin ist am Klangreichtum beteiligt, sie gibt dafür gestalterische Intensität. Dafür ertönten zum Applaus die ersten Bravos – völlig zu Recht.
Die folgende Klavierfassung von Saint-Saëns` „Rondo Capriccioso“ ist von Georges Bizet. Das ist eine explosive Mischung! Denkt man angesichts der Einleitung zunächst aha, „der Schwan“, überwältigte einen später ein Hauch Habañera. Die Violinistin war in Hochform. Ein quicklebendiges Pizzicato, das Legato hatte Größe, ohne ins Pathetische abzugleiten.
Das Musizieren dieses Duos war kein Zerren zwischen Verkopfung und Sinnlichkeit, sondern stilsicher und beredt. Das Publikum saß gebannt und fühlte sich mit dem letzten Ton wie erlöst im besten Sinne. Pause.

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Danach gab es noch einmal Vokales. Miriam Alexandra hatte sich fünf Vertonungen griechischer Volkslieder von Maurice Ravel aufs Pult gelegt. Auf Griechisch! Wohl, wie man erfuhr, von ihrer hellenischen Mutter beeinflusst. Da kommt der griechische Macho mit herrlichen Dissonanzen am Klavier daher, da schwebt die Stimme in sinnlichen Bögen zu sicheren Höhen, erklingt ein Hochzeitstanz, lebhaft, an keiner Stelle schrill.
Claus Temps durfte danach den Narren geben, der, wie wir wissen, in Shakespeares „Was ihr wollt“ auch singt. Roger Quilter vertonte die Lieder. Da war er wieder, der Liedsänger Temps; er gestaltete Anbetung genauso wie Liebesverzweiflung oder schelmische Ausgelassenheit. Ein schönes Intermezzo vorm Finale.

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Das brachte Erich Wolfgang Korngolds „Vier Stücke für Violine und Klavier aus der Musik zu `Viel Lärm um Nichts`“ op. 11 aus dem Jahr 1920. Die Musik trifft den Shakespeareschen Kammerton, ist ein virtuoses Geflecht. Ob im Marschrhythmus oder der Romanze. Beim „Mummenschanz“ ist die Geige Fiedel, das Klavier dazu aufgeweckt und fröhlich.
Am Schluss noch einmal Ravel. Sonate G-Dur für Violine und Klavier aus dem Jahr 1927. Der Komponist führte beide Instrumente selbständig durch eine transparente Struktur. Der Einfluss der Jazzformen, mit denen sich Ravel ja beschäftigte, ist unüberhörbar. Ein aufregend schräger Lärm vom Feinsten, Synkopen-Klavier, Pizzicato-Geige. Beim dritten Satz, dem Perpetuum Mobile, denkt man an den berühmten Verwandten der Korsakowa – hat es nicht etwas vom „Hummelflug“?
Ganz egal wie – nach (wieder) zweieinhalb Stunden lag das Publikum  den vier Künstlern sowieso zu Füßen. Für ein elektrisierendes Spiel, für Gesang, dem Glanz innewohnte. Fortsetzung folgt.
Barbara Kaiser – 30. August 2015

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