„Wir machen so weiter“

Das Neue Schauspielhaus Uelzen zog Bilanz und blickt ins Jahr 2017

Kleinkunst hat nicht viel zu tun mit Stabreim und knorrigen Sottisen. Sie ist auch nicht kleinteilig, sondern ganz oft großer Gedanke, besondere Gestalt, Rede und Klang auf eher abseitigem Wege. Die Kleinkunst entwickelte sich aus Varietédarbietungen und bescheidet sich mit begrenztem Raum und personellem Engpass, kommt aus ohne großen Aufwand.
In Zeiten der Gigantomanie im Showgeschäft, wo Flitter, Video, Bühnensturm, Lichteffekte und jede Menge Lärm das Eigentliche zur Nebensache geraten lassen oder Nebensächliches aufzublasen versuchen, bleibt die Kleinkunst leise.
Natürlich nie verzagt, was schon das politische Kabarett beweist, das als „zehnte Muse“ zur Kleinkunst gehört. Wie die Comedy oder das Chanson, Puppenspiel, Pantomime, Erzählkunst, Marionettentheater oder Poetry Slam. Kleinkunstpreise gibt es eine Menge; meist tragen  sie witzige Namen. Dabei ist die Kleinkunst ernst zu nehmende Kunst – manchmal größere als das übliche „Event“.

Diese Laudatio auf das Genre kommt einem vielleicht unter, wenn man im Neuen Schauspielhaus Uelzen sitzt. Sein Gründer und Leiter Reinhard Schamuhn starb vor drei Jahren völlig überraschend  und ließ alle Liebhaber des Hauses zunächst ratlos zurück. Ganz schnell jedoch fanden sich Enthusiasten, die dem Theaterchen wieder auf die Beine halfen, ja, es auf moderne, angepasste Füße stellte. Siehe Homepage www.neues-schauspielhaus-uelzen.de und das Kartenreservierungssystem Reservix. Und so konnte der Vorstand des Vereins in einem Pressegespräch das bereits vierte Programm, das für 2017, vorstellen.

„Das Jahr ist voll!“, sagt Vereinsvorsitzender Johannes Vogt-Krause und der Stolz klingt mit. Schließlich arbeiten alle im Neuen Schauspielhaus ehrenamtlich. „So ein Programm zu machen, ist harte Arbeit“, lautet das Resümee angesichts von 45 bis 50 Veranstaltungen im Jahr. Aber: „Wir brauchen uns vor nichts zu fürchten, die Auslastung ist zufriedenstellend. Der Zuspruch des Publikums führte dazu, dass wir uns in einer relativ gesicherten Lage befinden.“ Ohne Zuschüsse und Fördermittel, das muss angemerkt werden!

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Fotos: Barbara Kaiser

Deshalb wird es auch im Jahr 2017 eine bunte Melange aus Theater und Musik geben. „Die meisten Künstler wollen wiederkommen“, sagen Conni Bettlewski und Jens Kunze unisono. Bedenkt man die Enge des Hauses vor allem hinter der Bühne, braucht`s dafür eine Portion Unerschrockenheit oder – die ganz besondere Atmosphäre, die Schamuhns Hüttchen auf jeden Fall hat. Und das Stammpublikum! Zu dem nach und nach neue Gäste stießen, die das Neue Schauspielhaus – der Name ist immer noch ein klitzekleines bisschen Hochstapelei! – für sich entdecken.
Notwendige Anmerkung: Der Verein beteiligt sich auch an der Kultur-Tafel, die Menschen Karten zur Verfügung stellt, die sich diese sonst nicht leisten könnten. Wenn sich die Besucher dann bedanken und darüber sprechen, wie lange sie nicht in einem Theater waren, es aber gerne würden, dann macht das nachdenklich. – Es ist ein Glück, dass das Haus an der Rosenmauer in Zeiten, wo nur zählt, was sich auszahlt, diese Möglichkeit bietet, sich auch dieses Engagement bewahrte.

Was steht nun auf dem Plan 2017? Am Reformationsjubiläum kommt nächstes Jahr keiner vorbei. Die Arbeitsgruppe der Stadt Uelzen, die die Veranstaltungen zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags in der Region koordiniert und begleitet, wird am 1. März den Startschuss im Neuen Schauspielhaus geben. Mit einer Kalenderblatt-Ausstellung des Malers Georg Lipinksky. Das Theater setzt eine szenische Lesung dazu, in der es um Sophie Scholl und Cato van Beek gehen wird. Die Frage, was das mit Martin Luther zu tun habe, ist schnell beantwortet: Zwei  Frauen, Scholl in München und van Beek in Berlin, starben 1943, beide erst 22-jährig, durch faschistische Henker, weil sie Widerstand wagten gegen die Barbarei.
Die Erinnerung an den Mut, gegen herrschende Verhältnisse aufzutreten (heute nennt man das Zivilcourage und die ist nicht mehr lebensgefährlich), haben Luther (auch wenn der schnell zu seinem Wohle wieder bei den Fürsten unterkroch) und diese beiden jungen Frauen gemeinsam. Sie sollte, ja muss für alle Zeiten wachgehalten werden.

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Ansonsten beginnt das Jahr 2017 mit dem Neujahrsempfang am 8. Januar, 11 Uhr. Dazu wird Daniel Malheur seine Schellackplatten putzen. „Bidla Buh“ kommen wieder, die musikalischen Schwerenöter aus Hamburg. Mit „Vocaldente“ gibt es A-Capella-Musik vom Feinsten (Januar). Eine intergalaktische Musikkomödie mit Saxofon, Tuba und Klavier gibt es im Februar. Mathias Bozó entertaint und der „Guitarman“. Ins „Wiener Kaffeehaus“ wird eingeladen und an Mascha Kaléko und deren wunderbare Verse erinnert. Die „Buschiaden“ sorgten vor Jahresfrist in Bad Bevensen für Vergnügen, jetzt kommen sie nach Uelzen.
Für Kinder gibt es den „Kleinen Muck“. Argentinischer Tango erklingt und Tucholsky-Lieder und, und, und….

Es wird ein abwechslungsreiches Jahr im Neuen Schauspielhaus Uelzen. Und übrigens: Die Ratsweinhandlung von Ingo Schulte liefert zur großen Kleinkunst Spitzenweine. Nachdem der Geschäftsmann den St.-Marien-Sommerkonzerten durch sein Engagement zu größeren Besucherzahlen verhalf, indem er auf jede Eintrittskarte ein Glas Wein ausschenkte, unterstützt er jetzt auch das kleine Theater, wo Roter oder Weißer zum kleinen Preis das kulturelle Erlebnis abrundet. Prosit – es möge nutzen!
Barbara Kaiser – 11. Oktober 2016

2 Antworten

  1. Danke, Barbara. Hast du sehr schön zusammengefasst! Und sehr klug eingeleitet! Welche Enge hinter der Bühne du ausgemacht hast, musst du mir bei Gelegenheit allerdings noch mal erläutern ;-) Gruß von Conni
  2. Danke, Frau Kaiser! So ein freundlicher Artikel! Herzliche Grüße vom Vogt-Krause

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