Wie wir leben woll’n

Turbulente Winterpremiere des Jahrmarkttheaters mit „Stadt, Land, Weihnachtsmann“ in Bostelwiebeck

Was für ein Coup! Die Figuren des Stücks revoltieren gegen den dystopischen Schluss, den sich der Autor in seinem Elfenbeinturm ausdachte. Aber Oma Sanne und ihre Freundin Elli, Bauer Hauke und Urenkelin Angelina insistieren: Ein Happy End muss her! Man stelle sich diese Konsequenz mal für die Weltliteratur vor! Romeo und Julia oder Ferdinand und Luise wären dann geschieden und nicht tot.

Das neue Stück des Jahrmarkttheaters aus der Feder von Thomas Matschoß (der auch Regie führte) und in der bewährten Ausstattung von Anja Imig ist ein Meisterwerk der populistischen Attitüde, aber auch der Beschaulichkeit der Betrachtung. Es ist die Kunst der Publikumsverführung, wo man am Ende mit seinem spendierten Weihnachtsplätzchen sitzt und sich wünscht, es wäre ein kleines bisschen auch Glückskeks und hülfe. Wogegen oder wofür auch immer. Es ist Klamauk, aber nie zu viel, mit liebenswerten Typen, die genauso Charaktere sind.

Fotos: Barbara Kaiser

„Wie willst du leben?“ lautet der Untertitel der zwei Stunden Turbulenz und diese Frage muss sich halt jeder selber beantworten. Ein paar Beispiele aber könnte das Jahrmarkttheater dem Zuschauer an die Hand geben. Die Handlung ist schnell erzählt:
Sanne und Elli machen sich ans Plätzchenbacken. Nebenbei trösten sie die hochschwangere Nachbarin Johanna, die mit ihrem Einzug und der Trennung von ihrem Ex ein wenig überfordert ist. Und dann gibt es noch Bauer Hauke, der einen Engel gesehen haben will. Nur, dass das Angelina auf der Flucht vor den Geheimdiensten ist, weil sie Russlands und die US-amerikanischen Computer gehackt hat. Ein weiblicher Edward Snowden sozusagen. Wie sich alles verwickelt und am Ende zum Guten wendet – schließlich ist es eine Geschichte zu Weihnachten, und da will der Mensch keine Komplikationen – das bringt die bunte Truppe im Bostelwiebecker Theaterhaus auf die Bretter.

Da ist natürlich zuerst Oma Sanne, die letzten Sommer 100 wurde, aber bei Thomas Matschoß immer gut aufgehoben bleibt. In Maßen tüdelig, manchmal mit dem Kopf durch die Wand, schließlich hat sie genug erlebt in ihrem langen Leben, und pragmatisch und herzensgut sowieso. In der zweiten Rolle darf Matschoß er selbst sein: der Autor. Wie er da in der Videoeinspielung an seinem Schreibtisch zwischen Bäumen sitzt, ahnt man die Weltfremdheit anderer Schriftsteller und wundert sich nicht mehr über so manches Stück Literatur auf dem Markt. Zum Glück hat unser Autor Sanne!

Tahere Nikkhoyemehrdad ist Elli. Ein bisschen jünger und smart vernetzt. Ihre Alexa heißt Manfred, im Gedenken an ihren verstorbenen Liebsten. So bleibt sie immer am Puls der Zeit, und so schnell haut sie nichts um. Auch als die gehetzte Dame vom Fernsehen nicht. Und als amerikanische Agentin ist sie ein Klischee nach Maß, größenwahnsinnig wie das ganze Land da drüben!

Bauer Hauke kennen treue Jahrmarkttheaterbesucher schon. Der war immer ein bisschen begriffsstutzig. Aber wie Maurice Schneider an seiner Dorfgemeinschaft hängt, wie er als russischer Geheimdienstmann bei „Katjuscha“ (Sie wissen schon: „Razwetali jabloni i gruschi“ – Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten…) heimwehselig im Schnapsrausch abtaucht oder als Hund Baffi jault, das macht ihm keiner nach. Und wenn er am E-Piano sitzt, muss man ihm sowieso zu Füßen liegen.

Und dann Kristin Norvilas als Angelina. Nebenbei darf sie noch eine quicklebendige Johanna sein. Die braucht keine großen Worte um ihrer Uroma Sanne zu sagen, dass es schön ist, ihr beim Plätzchen backen zuzuschauen – es eröffnet sich eine ganze Welt in dieser Szene! Da gibt es wieder Klönschnack statt WhatsApp!

Wesentliche Themen gehören auf die Bühne, denn Theater soll ein Ort sein, an dem wir uns auch über uns selbst Klarheit verschaffen. Matschoß` neues Stück paktiert zwinkernd mit dem Publikum. Der Autor ist wieder der vorsichtige Seelenabenteurer mit diesem leichtfüßigen Schlendern, Trudeln, Stolpern – auch an Abgründen. Der am Ende aber kein ominöses Kunstschweben (auch wenn der Engel im Abspann-Video davonfliegt), sondern zupackende, prasselnde Leidenschaft, lodernde Freude abliefert. Ein Theaterzauber ohne Furcht vor Pathos und Kitsch, das die Besucher lächelnd verlassen.

Nachdem sie dem letzten Lied gelauscht, ihren Keks verzehrt und sich was gewünscht haben. Immer die Aufforderung bedenkend: „Schau doch mal übern Tellerrand/ und frag dich, wie willst du leben./ Was brauchst du denn wirklich in Stadt oder Land?/ Was soll es ab jetzt für dich geben?“ Da wird Fantasie nicht vorgeführt – da traut Matschoß seinen Zuschauern zu, dass sie welche haben. Und eine neue Geschichte hat er, wie es immer sein Credo ist, auch erzählt.
P.S.: In ein paar kleinen Statistenrollen Anja Imigs Vater, der vor allem als Trump in die Jahrmarkttheater-Geschichte eingehen wird! Herrlich!
Barbara Kaiser – 22. November 2019

Aufführungen: Immer freitags/samstags und im Dezember sonntags um 19.30 Uhr. Am 23. und 29./30. November, 06./07., 13./14./15., 20./21./22. Dezember. Und zu Silvester, 31. Dezember, 21 Uhr, mit Feier ins neue Jahr. Januar 2020: am 10./11. d.M.
Kartentelefon: 05807/979971 oder karten@jahrmarkttheater.de oder allen Vorverkaufsstellen.

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