Wenn es ans Leben geht …

Theaterring-Finale mit Falladas „Jeder stirbt für sich allein“

„Der Mensch, der muss doch reden“, klagt Anna Quangel der Trudel ihr Leid mit ihrem Otto, „er nicht!“ Der Zuschauer weiß es von Beginn an: Otto Quangel wird noch reden. Weil er etwas mitzuteilen hat, wird er sogar schreiben. Und er wird vorm Volksgerichtshof dem Bluthund Freisler Widerworte geben. Die Todesurteile stehen sowieso schon fest.

Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ hat eine ungewöhnliche Geschichte: Er ist der authentische Fall von Otto und Elise Hampel aus Berlin, die über die Jahre 1940/42 in der Reichshauptstadt 285 Postkarten verteilten, auf denen sie notierten, was für sie Wahrheit und endlich auch auszusprechen war. Der jüngere Bruder von Elise war auf dem „Feld der Ehre“ gefallen. Nun galt`s zu handeln.

Fallada schrieb nach dem Krieg bei Vorlage der Prozessakten 850 Manuskriptseiten in nicht einmal vier Wochen; er klagte über die „völlige Trostlosigkeit des Stoffes“, dem jede Aussicht auf Zukunft fehle. Der Dichter hat die Veröffentlichung des fertigen Buches im Jahr 1947 nicht mehr erlebt, er starb im Februar des Jahres, gerade mal 53-jährig, gezeichnet von Alkohol- und Drogenexzessen.

Fotos: Barbara Kaiser

An den Schauspielbühnen Stuttgart (Euro-Studio Landgraf)  adaptierte Volker Kamm den Roman fürs Theater und führte auch Regie. Zehn Schauspieler gestalten 16 Rollen, als Otto und Anna Quangel: Hellena Büttner und Peter Bause. Anlässlich des 125. Geburtstages von Hans Fallada im vergangenen Jahr ging die Produktion auf Tournee und beschloss in Uelzen den Theaterring der Spielzeit.

Wie wenig braucht`s eigentlich, um Widerstand zu leisten? Da bringt ein älteres Ehepaar einen ganzen Geheimdienstapparat in Aufruhr; ausschließlich mit ungelenk geschriebenen Postkarten, die nicht einmal eloquent oder sprachlich brillant genannt werden könnten. Anna und Otto hatten Hitler gewählt, Otto bekam wieder Arbeit nach der großen Depression 1929/30. Aber nun war ihr einziger Sohn, „das Ottochen“, gefallen. Im Jahr 1940 bereits, wo den Völkern Europas das Schlimmste und dem deutschen Aggressor die bedingungslose Kapitulation noch bevorstanden…

Die Aufführung der Stuttgarter Gäste wurde getragen von Büttner und Bause, kongenial jedoch unterstützt durch die anderen Akteure. Sie erzählte von Denunzianten, überzeugten Nazis, Spitzeln und Opfern. Der allgegenwärtige Argwohn, der in einer solchen Hausgemeinschaft herrschen muss, kam vielleicht ein bisschen kurz, die Bedrückung der Zeit aber war stets präsent.

Die Bühne minimalistisch mit Gegenständen der Zeit bestückt, ein Schreibtisch, ein Sofa, Tisch und Stuhl. Dominiert von einer großen drehbaren Häuserfassade, die Gestapobüro und Hinterhof gleichermaßen sein konnte. Am Schluss in einem überdimensionalen Hakenkreuz auch Volksgerichtshof (Bühne: Konrad Kulke).

Als Musik, die in den kurzen Umbaupausen erklang, wählte der Regisseur Franz Liszts „Les Prelúde“, die auf ewig negativ besetzten Noten der Nazi-Wochenschau. Erst verfremdet, später mit der Wucht des ganzen Pathos, das die Nazis so liebten und für sich instrumentalisierten.

Man kann über Romandramatisierungen nun mehr oder weniger positiv denken. Volker Kamm hielt die seine mit kurzen Szenen dokumentarisch. Trotzdem nicht weniger eindrucksvoll, weil ihr auch Poetisches nicht fremd war. Wenn Otto Quangel in der Einsamkeit von Dunkel- und Einzelhaft sich beispielsweise an die gelernten Balladen erinnert und ausgerechnet die Schillersche vom Tyrannen Dionys rezitiert. Oder Anna fast trotzig Matthias Claudius` Lied singt: „Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch.“

Büttner und Bause sind als die Quangels ein Ehepaar, das sich auch getrennt in der Haft nahe bleibt, denn sie hatten noch nie vieler Worte bedurft für ihre Liebe. Und Anna, der mutigen Frau, gehört auch das letzte Wort: „Es geht vorbei!“, schreit sie in die Sirene des Fliegeralarm ihrem Otto zu, den sie irgendwo vermutet. Sie weiß nicht, dass er schon hingerichtet ist, sie selbst findet den Tod im Bombenhagel.

Es dauerte lange, bevor das sehr aufmerksame Publikum, in dem viele junge Menschen saßen, zum  Beifall fand. Der war intensiv, konnte sich nicht von der Bedrückung und Nachdenklichkeit befreien, die das Stück so wirkungsvoll ausgeschickt hatte.

Es geht heute bei uns nicht mehr ans Leben, wenn man Widerstand leistet. Und es bedarf auch nicht viel. Das beweist zum Beispiel ein kleines, schwedisches Mädchen, das sich so sehr von anderen 16-jährigen Teenagern unterscheidet und das mit dem Widerhall ihres Protests die Welt schon ganz schön durcheinanderrüttelte.

Barbara Kaiser – 02. April 2019

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