Von betörendem Reiz

Zweiter Kammermusikabend der Internationalen Sommerakademie

Bedenkt man, dass das Oldenstädter Langhaus derzeit nur zur Hälfte gefüllt sein darf mit Zuhörern, waren die Intensität und die Lautstärke des Beifalls außerordentlich und hocherfreulich. Der zweite Kammermusikabend der Sommerakademie sah Dozenten und Studenten in schönem Miteinander, wobei der Cellist Mark Schumann ein Mammutprogramm absolvierte, gefolgt von Hinrich Alpers, der bei zwei Halbstundenstücken am Flügel saß.

Die Eröffnung kam Beethoven zu – schließlich ist immer noch sein Jubeljahr zum 250.! Sawako Kosuge strich souverän die Violine an der Seite von bereits erwähntem Schumann am Violoncello, am Flügel saß eine sehr aufgeräumte Séverine Kim. Dem Klaviertrio D-Dur op. 70,1 gab Carl Czerny den Beinamen „Geistertrio“ wegen der düsteren Atmosphäre im Largo des zweiten Satzes. Es wären auch die passenden Noten zum Auftritt von Hamlets ermordetem Vater, an solche Szenen denkt man wohl bei diesem Namen.

Sawako Kosuge und Séverine Kim

Die drei Instrumentalisten begannen das Allegro con brio und dessen stürmische aufsteigende Sequenz mit Charme, gaben den folgenden namensgebenden Teil mit inniger Anmut und  Lust am Leisen. Das Tremolo im Klavier imaginierte die Stimmung. Das Presto des dritten Satzes fegte alle düsteren Gedanken hinfort, die Stimmung wich wieder nach Dur, ist gelöst, leicht, prachtvoll und glänzend. Tempo und Durchsichtigkeit bestimmten ihn.

Das folgende Klavierquartett Es-Dur op. 87 von Antonin Dvořak hob die Romantik auf die Notenpulte. Die 22-jährige Cécile Vonderwahl, wunderbare Violinistin  aus der Schweiz, wurde für die vier Sätze eingerahmt von den Dozenten Simone Jandl (Viola), Mark Schumann (Violoncello) und Hinrich Alpers (Klavier). Das Quartett entfesselte und bändigte die üppigen Fluten der Musik eindringlich und zum Wohlgefallen. Sein Spiel blieb in jeder Nuance hochkonditioniert und von betörendem Reiz.

Cécile Vonderwahl

Welch Feuer im Allegro con fuoco! Ein Largo – angeblich das schönste Cello-Motiv der Romantik – mit ungeheuer expressiven Ausbrüchen. Das Allegro grazioso brachte ein wenig Wiener Schmäh in die Ohren, so, als machte sich Dvořak lustig über diese Österreicher. Sein Verhältnis zu Österreich-Ungarn war nicht das beste, was allerdings auf Gegenseitigkeit beruhte. Die Donaumonarchie benahm sich herablassend gegen alles jenseits ihrer Grenze. Der Komponist beschloss sein Werk dann auch mit einem temperamentvollen böhmischen (!) Volkstanz. Der Applaus für diesen Auftritt brauste erwartet langanhaltend.

Mette Jensen, Hinrich Alpers
und Wojciech Garbowski

Nach der Pause erhielten ein Schüler, der inzwischen auch Dozent ist, mit seinem ehemaligen Lehrer einen Auftritt: Stefan Hempel und Stephan Picard spielten aus der Sonate für zwei Violinen op. 56 von Sergej Prokofjew das Andante cantabile und das Allegro, das bei ihnen ein Presto war. Wild, nahezu aggressiv, aber voller Emotionen. Wobei das Ungestüme nie auf Kosten der Klarheit ging. Sehr dezidiert und mit Nachdruck, nirgendwo fehlte es an Kraft. Beeindruckend.

Für den Schluss heben sich die Konzerte der Sommerakademie immer das Besondere auf. An diesem Abend in Gestalt des Klavierquintetts c-moll von Ralph Vaughan Williams aus dem Jahr 1903. Mette Jensen aus Lübeck war die Violinistin, an der Viola Wojciech Garbowski, der arme Mark Schumann schon wieder am Violoncello und Hinrich Alpers am Flügel. In den Kontrabasspart teilten sich die Studenten von Nabil Shehata: Lukas Rudolph (Saarbrücken), Lluis Böhme (Maastricht) und Dennis Pientak (Hannover).

Lukas Rudolph

Die KünstlerInnen hatten die Dimension dieser Hochromantikballung immer im Griff. Sie produzierten eine frappierende Klangorgie, die durch Energie mitriss. Die drei Sätze umarmten eine ganze Welt, mal laut-schwelgend, mal im Piano. Um danach wieder Spannung aufzubauen und weiter zu schwelgen. Es war ein voluminöser, blutvoller Ton, der da durch das Langhaus strömte und das Publikum erfasste. – Der, die technische Perfektion und das musikantisch lustvolle Spiel machten diesen Konzertabend zu einem Erlebnis eines ausgewogenen, dynamisierten Klangs. Zum wiederholten Male.

Am Sonntag, 26. Juli 2020, kommt die Akademie diese besonderen Sommers auf der Zielgerade an, um 16 und 18 Uhr finden zwei Abschlusskonzerte statt.

Barbara Kaiser – 24. Juli 2020

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