Vivat Beethoven!

Hinrich Alpers eröffnete seine Winterkonzert-Reihe auf der Hinterbühne des Theaters mit den Sinfonien 3 und 4

Zwei Geburtstage sind zu feiern im kommenden Jahr: Der 750. der Stadt Uelzen und der 250. des Komponisten Beethoven. Vor diesen beiden beeindruckenden Zahlen verbeugt sich der Pianist Hinrich Alpers. Da er aber Musiker ist, spielt für ihn das Beethoven-Jubiläumjahr natürlich die größere Rolle. Es ist ihm Anlass, die neun Sinfonien des Wiener Meisters in der Transkription von Franz Liszt aufzuführen; die Einspielung davon erscheint im Frühjahr 2020 bei Sony-Music. Nachdem Alpers im April bereits die Nummer 2 vorstellte, erklangen jetzt die Nummern 3 und 4.

250 Jahre Beethoven! Ich erinnere mich an den 200. Geburtstag. Dafür edierte die DDR die Gesamtausgabe (!) des Werkes. Die vollständige Instrumentalmusik inklusive Kammermusik mit und ohne Klavier, die sinfonische Musik, Ballett-, Vokal, und Theatermusik. Dabei natürlich die Sinfonien, die durch das Gewandhausorchester Leipzig unter seinem Kapellmeister Kurt Masur beste Reputation erfuhren. Damals alles noch auf Schallplatte; einige davon stehen in meinem Schrank bis heute, denn diese Ausgabe hat mein Beethovenverständnis geprägt. – Man stelle sich solch ein Mammutunternehmen heutigen Tags nur einmal vor. Irgendjemand schrie bestimmt: Unbezahlbar!

Fotos: Barbara Kaiser

Das Konzert auf der Hinterbühne des Theaters war gut besucht, viele der Zuhörer kommen schon immer zur Einführung, in der Alpers mit Notenbeispielen und Querverweisen um ein besseres Verständnis bemüht ist. Nach der Stunde Erklärungen ist das Konzert meist noch einmal zwei Stunden lang – das bleibt eine beachtliche Leistung des Künstlers.

 

Hinrich Alpers begann sein Spiel mit Sinfonie Nr. 4 B-Dur (op. 60), die Robert Schumann „die griechisch-schlanke“ nannte. Das mag zutreffen, denn verglichen mit den monumentalen Schwestern 3 und 5 fällt sie durch ein gelockertes Klangbild auf. Auf die Nähe zum G-Dur Klavierkonzert und dem Violinkonzert (op. 58 bzw. 61) lässt sich schon durch die Opus-Zahlen schließen.

Beethoven kämpft hier nicht mehr mit den Heroen und Titanen wie in der „Eroica“, der 5. Sinfonie oder der Appassionata, sondern ein neuer klassischer Stil diktierte ein Schönheits- und Harmonieverlangen. Das Ziel: ein erfülltes Glück. Die Nähe zum „Fidelio“ ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen.
Natürlich kann das fast nur einen Grund haben: eine Frau! Die hat diesmal sogar einen Namen, es ist Josephine Brunsvik, verwitwete Gräfin Deym. Die 4. Sinfonie ist der Abglanz eines erhofften Liebesglücks, wie bei Leonore und Florestan, die auch darum kämpfen.

 

Und so wogt es hin und her in den Noten der Vierten. Düstere Einleitung – jubelndes Allegro, Bedrängnis – Wiedervereinigung. Ein vollkommenes Adagio in Satz zwei, das Scherzo in Satz drei ein Wechsel zwischen schwer und leicht, Hebung und Senkung. Im Finale hat sich das Ganze zu einer Art Elysium-Sinfonie aufgeschwungen.

Der Solist gab sich in der Darbietung an keiner Stelle schwermütig. Von ungeheuer Leichtigkeit der Beginn, dann ein Adagio des Sehnens. Das Scherzo klang harscher als die Streicher es tun in der Orchesterfassung – vielleicht dachte Alpers die unerfüllte Liebe des Komponisten schon mit.

 

Nach der Pause die „Eroika“. Hätte sich der kleine Korse im Jahr 1804 nicht selber die Kaiserkrone aufs Haupt gestülpt, hieße diese Partitur noch immer „Sinfonia grande, intitolata Bonaparte“. So aber kam Beethoven zu dem Schluss: „Also auch er ein ganz gewöhnlicher Mensch. Nun wird er ein Tyrann werden und die Menschenrechte mit Füßen treten…“ Es ist wohl tragisch zu nennen, dass derselbe Mann diese Menschenrechte in seinem „Code civil“ erst erlassen hatte!

Die 3. Sinfonie Es-Dur op. 55 ist nicht ohne die Prometheus-Ballettmusik zu denken. Zudem entstand unmittelbar vor dem Orchesterwerk die As-Dur-Sonate (op. 26). So kann man in der Musik also den Prometheus-Mythos mithören, dieses Leitbild eines um Unabhängigkeit auch für andere Kämpfenden. Diese Verbindung Göttersohn – französischer Konsul gab es übrigens schon einmal: Der Italiener Vincenzo Monti hatte den ersten Gesang seines Poems „Prometeo“ dem „cittadino Bonaparte“ (dem Bürger Bonaparte!) gewidmet. Er irrte sich auch in dem Mann.

Die Interpretation dieses Werkes ging Hinrich Alpers flott an. Manchmal synkopisch, wie man es vielleicht sonst nicht hört. Sehr schnell auch, aber bei Beethoven fehlen die Metronomzahlen ja meist. Und ja: man denkt wohl öfter an Prometheus…
Dann der Trauermarsch, dieses fast totgespielte Motiv. Ein anderes Wort aber als „ergreifend“ darf man hier nicht benutzen. Dieses Adagio blieb für mich das Glanzlicht des gesamten Konzertes. Danach wagte keiner im Publikum zu rascheln, sich gar zu räuspern – so muss Musik wirken! Das kurze Scherzo ging dem Finale voran.

Hinrich Alpers spielte wie gewohnt hochkonzentriert und sehr exakt, trotzdem mit der gebotenen Lockerheit. Zum Glück war er nie Tastenlöwe, auch wenn er im Forte ankam. Die 3. Sinfonie ist unter seinen Händen grandioses Wetterleuchten, mit Präzision und akribischer Detailarbeit. Es mochte ja sein, dass sein Spiel auch eigene, unantastbare Erfahrung mobilisierte.
Summe: Ein Konzertabend, effektvoll wie bewegend, verhalten wie musikalisch ausgreifend. Mit musikalischer Kompetenz, die auch pure Schönheit nie ins Leere laufen ließ.
Am Freitag, 1. November 2019, geht es um 19 Uhr weiter mit den Sinfonien I und VI.
Barbara Kaiser – 08. September 2019

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