Vivat Beethoven! Ein Hoch allen Musikanten!

Die Würdigung des klassischen Heroen ging nach einem Jahr mit Festkonzert glanzvoll im Theater zu Ende

Es geschieht fast nie, dass Hinrich Alpers bei der Entgegennahme des Applauses lächelt. Dass er übers ganze Gesicht strahlte – daran kann sich die (Be)Schreiberin seiner Auftritte der vergangenen 15 Jahren nicht erinnern. Ganz anders am Ende des Festkonzerts im Theater an der Ilmenau: Der letzte Ton der Chorfantasie war verklungen, der Beifall brach los und der Pianist stand vor der großen Kulisse aus Orchester und St.-Marien-Kantorei. Die geballte Anspannung des vergangenen Jahres schien in diesem Moment von ihm abzufallen. Auch so kann sich Glück anfühlen!

Der Künstler teilte diesen großen Moment mit den Musikerkollegen des Abschlusspanoramas eines brillanten Abends: Mit Erik Schumann (Geige), Claudio Bohórquez (Violoncello), Sumi Kittelberger (Sopran) und dem Dirigenten Christian Schumann am Pult des Beethoven Academy Orchestra Kraków. Auch Kantor Erik Matz bekam seine Blumen für die Einstudierung einer außerordentlich disponierten Kantorei.

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Fotos: Barbara Kaiser

„32 x Beethoven“ ist Geschichte. Die zehn Konzerte waren auch eine Zeit der Geschichten um diesen Komponisten, der mit dem schweren Schicksal der Taubheit geschlagen ward und trotzdem auch da noch Musik erschuf, die bis heute ihre Zuhörer mitten ins Herz trifft. So wie man es dem Festkonzert, dem beeindruckenden Finale, bescheinigen muss.

Den Auftakt durfte die St.-Marien-Kantorei mit der Kantate „Meeresstille und glückliche Fahrt“ machen. Die Vertonung der Verse Johann Wolfgang Goethes durch Beethoven nötigte dem Dichter damals keine einzige Dankeszeile ab. Hätte der Weimarer Minister einer Aufführung wie dieser beizuwohnen die Gelegenheit gehabt, wäre das mit Sicherheit anders gewesen.

beethoven-festkonzert3Man darf ja der Meinung sein, Lyrik zu vertonen sei eine Tautologie, ein weißer Schimmel, doppelt gemoppelt. Weil der knappen Sprache, die bereits einen Rhythmus hat und alles aussagt, nichts hinzuzufügen sei. Dass Beethoven jedoch auch das konnte, der Grundaussage der Verse kongeniale Noten beizugeben, verblüffte einmal mehr.

Absolut textverständlich dargeboten durch den Chor, temperamentvoll geführt durch Christian Schumann am Pult, wuchs die Kantorei über alles hinaus, was man bisher von diesem Ensemble in ohne Zweifel hervorragenden Aufführungen gewöhnt ist. Im Pianissimo des „Keine Luft von keiner Seite!/ Todesstille fürchterlich.“ griff des Schiffers Angst, das rettende Ufer nie wieder erreichen zu könnte, förmlich nach dem Zuhörer. Bei „In der ungeheuern Weite/ Reget keine Welle sich.“ machten die Töne die fatal schweigende Wasserfläche hörbar! Was paradox klingen mag.

Dann trieb der Dirigent seine Sänger aus dieser Lethargie: „Die Nebel zerreißen,/ Der Himmel ist helle,/ Und Äolus löset/ Das ängstliche Band….“ Es brauste und stürmte musikalisch dem glücklichen Ende entgegen. – Dem Uelzener Publikum hatte es den Atem und offenbar auch den Mut zum Beifall verschlagen; der setzte erst lange danach, von Christian Schumann animiert, ein.

Danach das Konzert für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester C-Dur op. 56, das „Tripelkonzert“. Verführungspotential, das das gesamte Abschluss-Wochenende ausgezeichnet hatte, auch hier. Die Solisten: ausgesprochen gut aufgestellt und sehr ambitioniert. Das Cello aus der Kammermusik mit besänftigter Rauheit. Wie übermütige Kinder warfen sich Pianist, Geiger und Cellist die Bälle der Noten zu. Das Orchester, das einen wunderbaren Sound und einen überschäumenden Drive hat, assistierte. Der Mann am Pult dirigierte raumgreifend, hielt die straffen Tempi zusammen. Nirgendwo klapperte orientierungslos ein Einsatz.

beethoven-festkonzert4Geschmeidig, opulent und gut ausbalanciert ließ sich keiner der Akteure die eigenen Ansprüche klein machen zwischen den Mühlsteinen, die man Routine nennt. Mit dem Wagemut des munteren Charmes war es ein Spiel der heiteren Kumpanei aus Erfahrung und Ahnung, Fantasie und Gewissheit. C-Dur – die Jubeltonart schlechthin. Mit ihr bediente Beethoven den Zeitgeschmack, komponierte ausgelassene Polonaisentakte hinein. Prompt bezog er dafür Schelte der Zeitgenossen, weil es nicht Beethoven-like sei.

Vielleicht drängeln sich Streichersolisten nicht nach diesen Parts, dennoch sind sie für Publikumsohren ein großes Vergnügen, zwischen Cantabile und Wiener Schrammeln. Das Tutti-Motiv des Orchesters - eins zum Dahinschmelzen. Diese Ménage à trois der Solisten, von denen keiner egoistisch Sieger sein wollte, grundiert mit einem exzellenten Orchester - ein Hörgenuss.

Selbigen setzte Sumi Kittelberger mit ihrer Sopranarie „Ah! Perfido“ op. 65, der Liebesklage der Königstochter Deidamia, fort. Stand an dieser Stelle nach dem Kammermusikabend die Frage zu lesen, ob die Sängerin ihre Präsenz und Stimmgewalt auch mit einem Orchester im großen Theatersaal beglaubigen würde, so kann das hier uneingeschränkt bejaht werden. Die Lyrik der geschwungenen Melodiebögen der langgesponnenen Kantilenen wurden überglänzt von der Solistin Pianissimo-Kunst, der technischen Sicherheit der Stimmführung und der warmherzigen Leuchtkraft des Vortrags. Dazu ein Orchester als Begleiter, das sich anschmiegte bis ins leise Pizzicato, sich aufzubäumen verstand in den dramatischen Passagen, ohne die Sängerin dabei zu erdrücken. Sumi Kittelberger hat alles, was man an Leuchtkraft von dieser Partie erwartete.
beethoven-festkonzertZum Abschluss die Phantasie c-moll op. 80 für Klavier, Chor und Orchester. Hinrich Alpers ein letztes Mal solo am Flügel. In größstmöglicher Lässigkeit schlägt er ein zügiges Zeitmaß an, gibt die musikalischen Themen vor. Beethoven hatte diese Introduktion in der Uraufführung zeitgleich improvisierend erst erfunden, weil er nicht fertig geworden war. Deshalb geriet der Auftritt damals zum ziemlichen Desaster. Natürlich und selbstverständlich nicht so im Theater an der Ilmenau!

beethoven-festkonzert1Hier wurde musiziert mit der Gabe des Staunens und mit einer untergründigen Gewissheit, Bestes anzuliefern – mit Beethovens Noten und eigener Meisterschaft. Mit einem fröhlichen Bekenntnis zum Getriebensein, auf Schmiss und Tempo programmiert, lustvoll dröhnend. Alpers rast dabei nicht nur, sondern gestaltet. Verbindet mit kecker Lust das Polternde mit dem Perlenden. Das Orchester antwortet ihm mit reinen Bläsern (auch im Blech), glänzend makellos mit erfrischend-jugendlicher Spielfreude. Der kurze vokale Part sah wieder eine Kantorei in schöner Form. –

Der Abend hatte eine hohe Herzfrequenz. Und wer am Ende diesen Einsatz aller nicht zu loben wusste, dieser Musizierkunst, die keine Allüren kannte, huldigte, nachglühte eingedenk eines orgiastischen Musikfestes – den darf man Banause nennen. Dieses Pathos durfte zum Schluss nun auch sein. Dank und Bravo!

Barbara Kaiser – 15. Juni 2015

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