Virtuosen-Stücke

Ron Maxim Huong und Giulio Cilona beendeten die Junge-Pianisten-Reihe 2017 im Kloster Medingen

Zugegeben, die Frauenquote war im elften Jahrgang der „Jungen Pianisten“ keine berauschende. Unter den fünf auftretenden Musikstudenten verschaffte sich nur eine Frau, 20 Prozent, Gehör. Da es jedoch in manchen Jahren andersherum war, soll hier nicht gemeckert werden.
Das letzte Konzert der Reihe im Jahr 2017 gehörte Ron Maxim Huang (16) und Giulio Cilona (21). Beide gewannen diesen Auftritt bei der siebten Internationalen Sommerakademie, dem Klaviermeisterkurs, von Hinrich Alpers begründet.

Emsige Konzertbesucher konnten die zwei Solisten also schon beim Abschlusskonzert im vergangenen Sommer gehört haben. Sie waren damals am Höhepunkt eines Abends, dem Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 19 von Ludwig van Beethoven, beteiligt.
Giulio Cilona und Ron Maxim Huang teilten sich in die Sätze eins und drei. Der in den USA geborene und jetzt in Hannover lebende und studierende Cilona fiel mit einem wunderbaren Anschlag auf, bei dem sich auch das Orchester zur Zartheit animieren ließ; seine Kadenz war kunstvoll ausformuliert. Huang, Kind eines chinesischen Vaters und einer russischen Mutter, in Berlin geboren, interpretierte das fröhlich-feurige Rondo mit der Unbekümmertheit des damals 15-Jährigen. Jetzt erhielten die Pianisten Gelegenheit für den Soloauftritt.

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Ron Maxim Huang              Fotos: Barbara Kaiser

Ron Maxim Huang spielte Joseph Haydn (1732-1809), Sergej Prokofjew (1891-1953) und Franz Liszt (1811-1886). Die Sonate C-Dur Hob. XVI 50 benötigte Huang offenbar zum Aufwärmen. Außerdem ließ er seinem Publikum durchgehen, nach dem ersten Satz zu applaudieren, indem er sich von seinem Klavierstuhl erhob und verbeugte, anstatt sich auf das folgende Adagio zu konzentrieren. Vielleicht war aber sein Abschluss zu endgültig und entschlossen dahergekommen, ohne eine Spannung für Satz zwei im Raume stehen zu lassen. Dieser Haydn gab zwar wenig Grund zur Ablehnung, genauso wenig Grund aber auch zur Anlehnung. Ron Maxim Huang war wohl selber froh, als er vorüber war.

Medingen Junge Pianisten Dank Äbtissin Ron Maxim Huang_beEs folgten vier Etüden op. 2 von Prokofjew. Ein Komponistenkollege nannte die Noten einen Schlag gegen die „zeitgenössische Künstelei, Blutarmut und Schwäche“ und pries sie für ihre „ursprüngliche Kraft und Frische“. Mit viel  Kraft jedenfalls ging Huang ans Werk. Die erste Etüde war Donner, die zweite  perlende, präzise Fingerübung, die dritte mit ihrem chromatischen  Auf und Ab ließ, genau wie die vierte, die rote Alarmlampe angeschaltet.
Aggressiv und selbstbewusst spielte dieser 16-Jährige und man wünscht ihm, dass er nicht Opfer dieses Kraftmusizierens wird.

So aber kam es, wie es kommen musste: Mit Franz Liszts Mephisto-Walzer bewies Huang zwar ein weiteres Mal seine hohe technische Versiertheit - über die eigentlich gar nicht mehr geredet werden muss, weil sie Voraussetzung für die schwierigen Mammutprogramme ist, mit denen diese jungen Menschen antreten -, er sollte sich aber vor zu viel Pathos in diesem Auflodern und besinnungslosen Taumel des Dorfschänkentanzes hüten. Und ein bisschen weniger Fortissimo wäre durchaus angenehm gewesen.
Insgesamt war dieser Auftritt mehr technische Brillanz als das Eintauchen und Erkunden der Partituren.

Auch Giulio Cilona legte sich Virtuosen-Stücke aufs Pult: Alexander Skrjabin (1872-1915), Frédéric Chopin (1810-1849), Felix Mendelsohn-Bartholdy (1809.1847) und Maurice Ravel (1875-1937). Er begann mit Skrjabins Fantasie h-moll op. 28 und einer wohltuend entschleunigten Akribie. „Seine (Skrjabins) Musik springt, fliegt und tanzt“, meinten Kritiker der 1920er Jahre, „und wo man Kampf, Mühe und leidenschaftlichen Aufschwung antrifft, sind es nur göttliche Spiele.“ Der Pianist Swjatoslaw Richter kam offenbar mit Skrjabin nicht zurecht. „Zu viel Pedal, zu unklar“, lautete seine lapidare Begründung. Giulio Cilona jedoch kam zurecht!

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Guilio Cilona

Auch mit der folgenden Polonaise-Fantaisie As-Dur op.61 von Chopin, aus der er inspirierende Funken fürs Publikum schlug, weil er zu emotionalen Aufschwüngen in der Lage war und doch im zurückgenommenen Piano überzeugte. Den Noten ganz hingegeben, sich vor dem Komponisten verbeugend, war hier nichts beiläufig oder oberflächlich. Auch Mendelssohns Fantasie fis-moll op. 28 trug er ehrfurchtsvoll auf Händen. Diese Studie für perlendes Spiel, das dem Komponisten den Vorwurf der brillanten Geschwätzigkeit einbrachte, gestaltete Cilona mit dynamischer Empfindsamkeit und in fein artikulierter Spielkultur.

Am Ende „Alborada del Gracioso“ aus Ravels „Miroirs“. Das „Morgenlied des Narren“ ist ein technisch und musikalisch außerordentlich anspruchsvolles Stück. Hier wechseln sich dissonante, kurz zu spielende und rauschende Motive, düstere und helle Partien, in denen die Hauptthemen immer wieder aufgegriffen werden, ab. Eine Vielzahl  weiterer technischer Finessen macht dieses Capriccio zu einem Meisterstück.

Medingen Junge Pianisten Dank Äbtissin Guilio Cilona_beNatürlich glauben die jungen Künstler, so etwas fürs Renommee spielen zu müssen; aber Giulio Cilona musizierte auf höchstem Niveau, kunstvoll und mit Herz! Als Zugabe überraschte er mit einem Walzer der brasilianischen Komponistin França, ein zauberhafter, kecker, kleiner Hauch.
Sollten die Unterschiede der beiden Solisten in den fünf Lebensjahren begründet sein, die sie trennen? Dafür müsste man sie wieder einladen. Beifall und den Dank von Altäbtissin Monika von Kleist gab es am Ende für beide. Es war ein schöner, angemessener Saisonabschluss.
Übrigens eröffnet am 11. Mai 2017 die Sommerkonzertreihe im Kloster Medingen ein Pianist, der den Weg von der Internationalen Sommerakademie über die Reihe „Junge Pianisten“ sehr erfolgreich gegangen ist: Karim Said. Hören Sie ihm zu!
Barbara Kaiser – 23. April 2017

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