„… verbannet die Klage!“

St.-Marien-Kantorei, Solisten und Orchester mit Weihnachtsoratoriums-Kantaten I bis III

Es war wieder Weihnachtsoratoriumszeit - was für Uelzen verlässlich dritter Advent bedeutet - und die St. Marienkirche restlos ausverkauft! Weil Adventszeit vor allem Vorfreudezeit ist, bedeutet das für viele, Bachs klingendes Symbol für den christlichen Glauben an die Geburt Jesus Christus als eine Fluchtburg vor dem kommerziellen Geklingel für dieses Fest zu nehmen.

Die St.-Marien-Kantorei gab das Werk in diesem Jahr ganz traditionell, nämlich seine populärsten Kantaten I bis III. Der Chor hat zahlreiche neue und junge Mitsänger, die wollen eingeführt und herangeführt sein an die anspruchsvollen Aufgaben, denen sich Kantor Erik Matz stets verschreibt. Da braucht es Erfolgserlebnisse.

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Fotos: Barbara Kaiser

Erstes Lob muss unbedingt dem Orchester, einem durch Gäste verstärkten Kammerorchester Uelzen, gehören: Standfest und geschmeidig begleitete es die Solisten und die Kantorei. Mit den erwarteten schmetternden Trompeten, die auch im Piano beweglich blieben, mit einer wunderbaren Violine im Duett mit der Altistin, Flöte, Oboe und Horn höhensicher. Erik Matz, der am Pult wieder alles verlässlich zusammenhielt, schmiegte den Klangkörper allen Sängern maßgeschneidert an.

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Erik Matz

Zwischen dem 25. Dezember und 6. Januar 1734/35 uraufgeführt, ist das sechsteilige Oratorium schönster Ausdruck der überbordeten, universellen Tonsprache des deutschen Barockkomponisten und wohl keiner nahm es ihm je übel, dass von den 64 Nummern 19 Plagiate sind. Aber wenigstens schrieb der Meister bei sich selber ab. Wie den berühmten Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“, den es seit 1733 als weltliche Glückwunschkantate für die Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, Maria Josepha, gab.

Wer diesen Auftakt versemmelt, hat schlechte Karten beim Publikum. Die St.-Marien-Kantorei machte alles richtig. Vielleicht fehlte bei „Lasset das Zagen, verbannet das Klagen“ ein bisschen die Entschlossenheit, trotzdem sang der Chor mit eindringlicher musikalischer Charakteristik und vor allem bewundernswert homogen.

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Jörn Lindemann (Tenor)

Ein zweites Lob gebührt der Sopranistin Dorothea Potter, die an der Seite von Schirin Partowi (Alt), Jörn Lindemann (Tenor) und Torsten Meyer (Bass) für die Solonummern zur Verfügung stand. Potter schwächelte an keiner Stelle, besaß die notwendige Stimmkraft und ließ den Text auch in der letzten Reihe ankommen. Der Bass schlug sich im kraftvoll-rhythmisierten „Großer Herr und starker König“ sehr wacker. Tenor und Alt brachten die barocken Schnörkel, auch wenn sie die umfangreichsten Parts zu bestreiten hatten, nicht immer sicher zu einem glücklichen Ende.
Insgesamt jedoch besaß die Aufführung mehr von einer durchgängig gestalteten Erzählung, weil die Solisten auf schöne Weise den Doppelpunkt für die nächste Nummer mitdachten und selbigem Ausdruck gaben.

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Dorothea Potter (Sopran), Torsten Meyer (Bass)

 

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Schirin Partowi (Alt)

Drittes Lob unbedingt für die Kantorei, auch wenn man sich die Choräle und Chöre an der einen oder anderen Stelle jubilierender gewünscht hätte. Beispielsweise die Nr. 21: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Der Klang der erregten Staccato-Begleitung sollte in diesem Jahr besonders schmerzlich ausfallen mit einem Blick in diese Welt. Den fugierten Sechzehnteln am Ende muss deshalb die letzte Freude fehlen. Ja, vielleicht hat Erik Matz diesen Blick in die Gegenwart geworfen und es war Absicht, wenn gerade der letzte fehlende Jubel angemerkt wurde?

st-marien-wo-kantorei_bearbNach der Nummer 34 von Teil III lässt Matz die Nummer 24 wiederholen. Statt des erneuten „Jauchzet, frohlocket“  noch einmal „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen,/ Laß dir die matten Gesänge gefallen…“ Nun, „matte Gesänge“ waren es keineswegs, die 90 Minuten lang der Adventszeit eine Krone aufsetzten. Eventuell waren sie ja gar Ermahnung, denn der weitergehende Text ist durchaus mit einem Fragezeichen zu versehen: „Weil unsre Wohlfahrt befestiget steht.“ Ist das wirklich so? Oder wurde sie fragiler in den letzten Jahren?
Nein, man muss nicht so sehr am Text hängen, obwohl sich Erik Matz immer etwas denkt dabei!

Trotz der einen oder anderen minimalen Einschränkung war es insgesamt wieder ein glanzvoller Auftritt. Mit einer stimmlich standfesten Kantorei (viel besser die Männerstimmen!). Mit einem Orchester, das der Partitur in ihre seelenvollen Verästelungen folgte und mit scheinbarer Mühelosigkeit klingende Herrlichkeit war. Und Solisten, von denen vor allem Dorothea Potter eine Zartheit bot, die unantastbar blieb (wunderbar auch im Duett mit Torsten Meyer) und Strahlkraft mitbrachte. Am Ende gab es den langen Applaus absolut verdient.
Barbara Kaiser – 12. Dezember 2016

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