Unterm Adventskranz in der Klosterkirche

Christoph Soldan stimmte mit Lesekonzert in aller Ruhe auf das Fest ein

Der Adventskranz in der Klosterkirche ist weiß, weiße Bänder, weiße Kerzen. Schöner Kontrast dazu die erblühenden Amaryllis-Blüten auf dem Altar. Davor Rednerpult und Flügel, an denen Christoph Soldan abwechselnd Platz nimmt. Die Stimmung war perfekt; nur durch ein paar Schneeflocken vor der Tür hätte sie noch passender sein können….

Mit seinem weihnachtlichen Lesekonzert war der Künstler, der seine Karriere 1989 mit einem kräftigen Anschub von Leonard Bernstein, der dem damals 25-Jährigen „seelische Größe“ attestierte, begann, bereits unter der Vorvorvorgängerin der heutigen Äbtissin zu Gast. In diesem Jahr hatte er Texte von Erich Kästner, Heinrich Böll und Rainer Maria Rilke mitgebracht. Dazu erklangen Noten von Mozart, Haydn, Bach und Beethoven.

Weihnachtszeit ist ja Erzählzeit. Immer eiliger werdende Tage laufen nun auf einen Abend zu, an dem viele Leute erschöpft unterm Baum sitzen und nur einen heiligen Ausruf tun: Gott sei Dank ist alles vorbei! Es ist sehr viel Licht in den Städten. Als sei, was es da zu feiern gilt, gebunden an den Prunk der Kathedralen. Es ist doch aber das Gegenteil: Was mit dem Jesus der Christen begann, begann unten, im Elend. – Vielleicht hat sich auch Christoph Soldan daran erinnert, denn seine ausgewählten Texte waren Aufruf zur Besinnung.

Er startete jedoch satirisch mit Erich Kästner, der über einen diebischen Weihnachtsmann schrieb (Weihnachten verkam schon damals mehr oder weniger zum Geschäft) und im Jahr 1927 ein bekanntes Kinderlied in Illusionslosigkeit und Unromantik auflöste: „Morgen Kinder wird`s nichts geben, nur wer hat, dem wird geschenkt…“
Der Text „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ von Heinrich Böll aus dem Jahr 1952 (verfilmt 1970) spießt  der Deutschen heiligstes Symbol, den Tannenbaum, auf den Speer der Restaurationstendenzen im Nachkriegs(west)deutschland. Dafür musste sich der junge Dichter von einem Pfarrer „Verunglimpfung des deutschen Gemüts“ vorwerfen lassen. Böll wird es nicht angefochten haben.

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Fotos: Barbara Kaiser

Letzter Text: Rainer Maria Rilkes Brief „an einen jungen  Dichter“, einer von zehn. Der gelesene datiert „Rom, 23. Dezember 1903“. Rilke gibt in diesem Stück Literatur Franz Xaver Kappus die große Bandbreite des Lebens zu bedenken. „Seien Sie froh und getrost“, heißt es am Schluss. Vielleicht sollten wir für uns ein „und ein bisschen zufriedener!“ anfügen bei einem Blick in die Welt von 2014?

Musikalisch begleitete Soldan sein Lesen sehr treffend und überaus trefflich. Nach der Frage „Gibt es das Christkind?“ (Virginia o `Hanlon) folgte der erste Satz der Klaviersonate D-Dur (KV 311). Die Freude-Tonart D, aufgeweckt und flink. Der 3. Satz der Haydn-Sonate h-moll verabschiedete den falschen Weihnachtsmann aus dem Gespräch. Bei Mozart (Adagio KV 574) hieß h-moll, die Verse Erich Kästners zu überdenken.

Nach der Pause folgte die perlende Polyphonie Johann Sebastian Bachs: „Jesus bleibet meine Freude“. Ein kleines Vorfreude-Winken, ehe der letzte Ton entschwebte… Der erste Satz von Beethovens letzter Sonate op. 111 (Maestoso – Allegro con brio) ist die Musik, über die Thomas Mann im „Dr. Faustus“ schrieb. Bedrohlich, wuchtig, mahnend. Soldan geht danach jedoch heiter auf die Zielgerade, mit Mozarts Andante F-Dur (KV 616).

Ein fröhliches Bekenntnis zum Getriebensein war dieses Programm. Immer jedoch mit dem Versuch, doch innezuhalten. Christoph Soldan ließ sich mit Lust auf das musikalische Idiom seiner Zusammenstellung ein. Für die Texte hätte man sich vielleicht den einen oder anderen erklärenden Satz gewünscht. Dennoch waren die 90 Minuten ein zelebriertes Ritardando, dem wir uns in dieser Zeit viel zu selten hingeben.
12. Dezember 2014 – Barbara Kaiser

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