„Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.“

Betrachtungen in der Krise - nicht über einen Virus

Gibt es das, einen Ohrwurm zu haben, der keine Melodie ist? Mir geht es seit Tagen so und deshalb entsteht hier dieser Text: Wie kann man einen fiesen Virus mit all seinen Folgen nur „Corona“ heißen? „Krise“ obendrein. Für mich war Corona (abgesehen von einem japanischen Auto) immer nur Corona Schröter – die begabteste und schönste Schauspielerin im Weimarer Liebhabertheater. Eine Frau, die singen konnte und Flöte und Klavier spielen, die malte und zeichnete, mehrere Sprachen lernte und auf der Bühne die „reizendste, anmutigste und geistvollste Künstlerin“ war. So jedenfalls ihr erster Biograf Robert Keil.

Corona Schröter – ein Stern am Bühnenhimmel, eine angebetete, verehrte Frau. Geboren wurde sie im Jahr 1751 in Guben (an der Neiße), ihre Jugend verlebte sie in Warschau, wo der Vater leider viel zu früh versuchte, Genies aus ihr und den Geschwistern zu bilden. Corona war zwölf Jahre alt, als die Familie nach Leipzig umzieht und in enge Beziehung mit dem Thomaskantor und Schöpfer deutscher Singspiele, Johann Adam Hiller, tritt. Gerade einmal mit 14 singt das Mädchen bereits im „Großen Konzert“, dem Vorläufer des Gewandhauses. Sie wird bewundert und verehrt und reift zu einer Persönlichkeit voller Liebreiz. Vielfach wird ihr gehuldigt. Von Christian Gottfried Körner, Schillers Freund, von Friedrich Justin Bertuch, dem Verleger und Mäzen aus Weimar, und Johann  Friedrich Reichardt, dem Vertoner Goethescher Verse.

Gehör findet keiner. Auch den Antrag des angesehenen Ratsherrn und späteren Bürgermeisters von Leipzig, Dr. Müller, schlägt die Künstlerin aus. Corona ist 24 Jahre alt, als sie in der Messestadt auch Goethe kennenlernt. Als der ein Jahr später – 1776 – das herzogliche Liebhabertheater in Weimar wiederbelebt und dafür eine Künstlerin sucht, die das dilettantische Spiel der Hofdamen und –herren auf ein anderes Niveau zu heben in der Lage ist, erinnert er sich an diese Begegnung. Er reist nach Leipzig und lädt die jetzt 25-Jährige ein.

Zuvor hatte er noch an seine Charlotte von Stein geschrieben: „Die Schröter ist ein Engel, wenn mir Gott doch so ein Weib bescheren wollte, daß ich Euch könnt in Frieden lassen.“ Ich finde das ja ziemlich taktlos, aber so war er eben, der Dichter….

Corona kommt nach Weimar und wird Kammersängerin der Herzogin Anna Amalia mit festem Jahreseinkommen. Sie gewinnt alle Herzen im Sturm. Mit einer Vielseitigkeit und einem Multitalent, die ihresgleichen wohl suchten. Bei Goethe hieß es: „Es gönnten ihr die Musen jede Gunst..:“.

Legendär wird Corona Schröter als Iphigenie! In der Uraufführung der (zuerst ja) Prosafassung 1779 spielte sie an der Seite von Goethe, der den Orest gibt. Nebenbei: Der Kulturkreis Uelzen hat „Iphigenie auf Tauris“ für den November eingekauft!

Der Maler Melchior Kraus hat dieses Traumpaar der Weimarer Bühne im Bild festgehalten. Ein Kritiker schrieb nach der Aufführung:

„Von dem Augenblick an, wo der Vorhang sich hob, und sie, die hohe, schlanke Gestalt… mit ihrem reizenden, geistvollen Gesicht, ihren leuchtenden Augen, ihrer unnachahmlichen Grazie in jeder Bewegung, heraustrat…. , war sie in ihrer ganzen Erscheinung, in ihrer ganzen, idealen, wahrhaft hellenischen Schönheit, in ihrem seelenvollen Spiel die hohe, edel, reine Seele, wie sie dem Dichter bei den Gestalten seines Meisterwerkes vorgeschwebt, wie er sie sich gedacht hatte…“ -  Da war offenbar einer sehr verliebt in diese schöne Corona, aber er befand sich in guter Gesellschaft!

Mit dem Kammerherrn von Einsiedel schrieb sich die Schröter rührende Liebesbriefe, obwohl beide im selben Haus wohnten. Beide erfinden eine Chiffresprache voller Liebesbeteuerungen. Den Bund fürs Leben zu schließen auch in der Öffentlichkeit – dafür fehlt ihnen am Ende der Mut. Vielleicht ist aber auch die Vernunft größer, denn Einsiedel ist ein liebenswürdiger Mensch und Träumer, er spielt und befindet sich ständig in Geldnot. Eine Ehe mit ihm wäre ein Hasardspiel.

Im Jahr 1802 stirbt Corona Schröter in Ilmenau. Von der frischen Waldluft hatte sie sich Linderung ihres hartnäckigen Brustleidens versprochen. In den Armen ihrer treuen Bediensteten, Wilhelmine Probst, die sie schon aus Leipzig nach Weimar begleitete und die eher eine Freundin war, schloss die Künstlerin die Augen für immer.

Goethes Anteilnahme hält sich in Grenzen, Egoist, der er immer war:

„Corona Schröter starb“, schrieb er in den Annalen, „und da ich mich nicht gerade in der Verfassung fühle, ihr ein wohlverdientes Denkmal zu setzen, so schien es mir angenehm wunderbar, daß ich ihr vor so vielen Jahren ein Andenken stiftete, das ich ihr jetzt charakteristischer nicht zu errichten gewußt hätte….“

Gemeint ist ein Vers aus dem Jahre 1782 – genau der, der mir seit Tagen als Ohrwurm im Kopf kreist. Aber vielleicht bin ich ihn jetzt, wo ich das aufgeschrieben habe, endlich los?

„Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt!

Sehr, wer da kommt und festlich näher tritt!

Sie ist es selbst; die Gute fehlt uns nie;

Wir sind erhört, die Musen senden sie.

Ihr kennt sie wohl; sie ist`s, die stets gefällt;

Als eine Blume zeigt sie sich der Welt:

Zum Muster wuchs das schöne Bild empor,

Vollendet nun, sie ist`s und stellt es vor.

Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,

Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.

So häuft sie willig jeden Reiz auf sich,

Und selbst dein Name ziert, Corona, dich!“ (Goethe)

Barbara Kaiser – 23. Mai 2020

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