Überwiegend unbekannt

Im letzten St.-Marien-Sommerkonzert spielte Wieland Meinhold die Orgel

Vielleicht hätte Wieland Meinhold im letzten Sommerkonzert von St. Marien, zu dem er aus Weimar als Gast anreiste, bei seinem Programm bleiben sollen, das er vor neun Jahren am selben Ort spielte. Denn mit den Transkriptionen war er damals musikalisch auf der sicheren Seite, weil sich das Dargebotene wie eine Liste von Bestsellern las. Werke von Mozart, Mussorgski, Humperdinck, Wagner, Liszt und Edward Elgar hatten eifrige Musikerkollegen veranlasst, deren Noten für die Orgel umzuschreiben. Wahrscheinlich waren es immer Organisten, die sich nicht abfinden wollten damit, dass diese glänzenden Auftritte stets dem Orchester vorbehalten bleiben sollten.

So aber suchte sich Meinhold dieses Mal zunächst ein Repertoire aus dem Italien der Barockzeit. Von Antonio Vivaldi das Concerto G-Dur op. 3 (von Bach transkribiert), von Guiseppe Torelli ein kurzes Allegro - Concerto d-moll für Orgel, von Georgio Gentili ein Concerto A-Dur und von Tomaso Albinoni das Adagio g-moll. Eine erst im Jahr 1958 von dem italienischen Musikwissenschaftler und Komponisten Remo Giazotto herausgegebene und angeblich auf Fragmenten Tomaso Albinonis basierende Komposition. Streit darüber gab es, ob das stimmte.

Fotos: Barbara Kaiser

Danach wurde es kühl nordisch: Die Dänen Niels Wilhelm Gade und Gottfried Matthison- Hansen steuerten Lieder bei. Es gab Partituren von Hallgrimur Helgason, einem Isländer, Gustav Hägg und Waldemar Ahlén aus Schweden, von Edvard Grieg und Jean Sibelius – der Norweger und Finne ließen die Zuhörer wahrscheinlich aufatmen, weil sie endlich einmal wieder einen Namen kannten.

Meinhold begann unentschlossen mit einer Melodie für den Gottesdienst, die Epistellesung, von Girolamo Frescobaldo. Danach spielte der Solist die drei kurzen Sätze des Vivaldi, zierlich das Adagio, nahezu besessen das Presto. Hier waren die Barocknoten in seiner Interpretation durchaus wieder deutsche Schwere, besaßen keine südländische Helle.

Danach wollte Meinhold seiner pädagogischen Sendung Raum geben, indem er das Konzert unterbrach, ans Mikrofon eilte und die Musik zu kommentieren glauben musste. Das erwies sich als recht störend, zumal der Weg von der Empore in den Hohen Chor dazukam.
Aber Wieland Meinhold war eilig unterwegs, in der Musik wie im Lauf. Trotzdem hätte man gerne darauf verzichtet. Das Konzert hatte viel zu viele kurze, unbekannte Stücke. Der Versuch, sich einzulassen, in der musikalischen Spur zu bleiben, scheiterte konsequent, weil es schnell schon wieder vorbei war. Ich jedenfalls war erst bei „Solveigs Lied“ wieder bei der Sache.

Der Organist nahm Albinonis (wenn die Anfangstakte denn wirklich von ihm waren) Adagio unnütz theatralisch. Die punktiert absteigende Chromatik ist sowieso todtraurig.
Viel Legato-Brei war dabei in dieser Konzertstunde. Sibelius` Vorspiel für Orgel am Schluss nahm Meinhold mit energischem Zugriff und einer großen Portion Fortissimo. Es ist eben auch ein typisches Renommierstück. Und weil sich der Gast in seinen Ansagen für die Zugabe regelrecht angeboten hatte, war das Publikum auch so wohlerzogen, sie sich zu erklatschen. Das war dann noch einmal Tastengewühl.

Es gab also viel orgiastisches Tutti, das so manches Ohr zugedröhnt haben mochte. Einige Stärke bewies Meinhold im Lyrischen, ansonsten aber blieb das Spiel recht undifferenziert, was auch an dieser Programmauswahl lag.
Jedenfalls war es das letzte St.-Marien-Sommerkonzert 2017. Die gute Nachricht: Die Besucherzahlen waren erfreulich, obwohl sie die 1000er-Marke nicht zu knacken vermochten. Na, vielleicht im nächsten Jahr. Es fiel auf, dass die zwei Brass-Ensemble die meisten Zuhörer anlockten, die Solo-Orgel am wenigsten. Dennoch war auch die 21. Saison wieder eine von Kantor Erik Matz fein komponierte Melange.
Barbara Kaiser – 27. August 2017

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