Überwältigend

Roberto Marini spielte im 2. St.-Marien-Sommerkonzert

Einmal angenommen, ein Organist würde wollen, dass ich ihn mag. Dann müsste er Bachs Praeludium und Fuge a-moll BWV 543 spielen. Oder Toccata und Fuge d-moll BWV 565. Charles-Marie Widors Toccata aus dessen 5. Orgelsinfonie f-moll käme auch infrage, sich meiner Sympathien zu versichern. Roberto Marini, der Gast im 2. Sommerkonzert in St. Marien, spielte beides: Den 543-er Bach und den Widor!

Was also dürfte ich gegen ihn sagen? Was anderes als Lobpreisendes schreiben? Zumal der italienische Organist (der auch einen Abschluss in Jura besitzt) sein Diplom in Orgelspiel und Komposition „Mit Auszeichnung“ und voller Punktzahl absolvierte und zahllose Preise gewann. Sein Gastspiel - was für ein Erlebnis!

Fotos: Barbara Kaiser

Marini startete mit Widors Toccata, diesem Stück Musik, das auf Effekt getrimmt ist, aber wirklich sehr effektvoll ist. Vorm Notenblatt steht man stumm; zu den Sechzehntelnoten kommt die Vorschrift des dreifach-fff für die Lautstärke. Der Künstler war dieser Opulenz auf der Spur ohne Überhitzung und doch mit Suggestivkraft. Es war ein beeindruckend griffiges und eingängiges Spiel, dessen Schlussakkorde sich im Fortissimo noch einmal steigern.

Danach gab`s die erforderliche Verschnaufpause mit „Canto della sera“ (Abendlied) von Marco Enrico Bossi (1861 bis 1925). Ganz ohne italienisches Sentiment übrigens – schade.
Aus Robert Schumanns „6 Studien in kanonischer Form“ op. 56 erklang die Nr. 4. Liebevoll und sanft, ein Sehnsuchtsort…

Oben erwähnte Praeludium und Fuge a-moll von Johann Sebastian Bach erblühte unter den Händen und Füßen von Roberto Marini zu ganz großem Tableau. Es war wunderbar aufregend, seinem Spiel nachzuhören, denn es eröffnete alle Strukturen dieser überwältigenden Fuge kristallklar in einer agilen wie präzisen Interpretation.

Vor dem monumentalen Abgesang noch ein sphärischer Zwischenruf von Priester Celsi (1904 bis 1986). Dessen „Estasi“ (Ekstase) ist in keiner Weise das vom Titel Suggerierte, eher Klangflächen improvisatorischer Art. Mit hier und da eingeworfenen Akkorden. Na gut, klösterliche Ekstase mag anders sein als weltliche…

Dann Max Reger. Der ja Geschmackssache bleibt. Seine Fantasie und Fuge zum Namen BACH sind eine frappierende Klangorgie über 20 Minuten, die durch ihre Energie betört. Es war eine virtuose Rennstrecke, die alle romantischen Register zog. Marini verzichtete auf die ganz große Geste und vermied schroffe Kontraste. Trotzdem bleibt Reger für mich immer ein wenig deprimierend.
Als der italienische Gast aber als Zugabe eine weitere Bach-Fuge spielte, hellten sich Gemüt und der Himmel vor der Tür wieder auf. Der hatte nämlich zur Musik im Kirchenraum mitgedonnert, obgleich es am Spiel des Meisters absolut nichts auszusetzen gab.

In einer Woche, am Samstag, 20. Juli 2019, erklingen Orgel und Viola. Dann sind um 16.45 Uhr Konrad Kata und Semjon Kalinowsky in St. Marien zu Gast.
Barbara Kaiser – 15. Juli 2019

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