Über Visionen und unkonventionelle Zusammenarbeit

Wie Uelzen zu seinem bunten Bahnhof kam

Das Erscheinungsbild des Uelzener Hundertwasser-Bahnhofs soll verbessert werden, das ist die gute Nachricht zu dessen 20. Geburtstag! In manchen seiner Ecken gibt der Jubilar nämlich ein seinem Alter untypisches, desolates Bild ab. Da bröckeln die Fliesen und liebevoll gepflegt sieht auch anders aus. Aber jetzt ist eine Investition in Höhe von 106 000 Euro im Rahmen des Sofortprogramms des Bundes zur Modernisierung von Bahnhöfen geplant. Erfreulich. Denn der Bahnhof ist schon etwas Besonderes.

Die Baustelle des Hundertwasserbahnhofes Uelzen auf dem Dach

Er hat goldene Kugeln wie im Märchen, eine gläserne Kuppel wie der Reichstag, Säulen wie in der Antike, bloß dass die damals nicht kunterbunt waren und – die schönsten Toiletten der Welt! Der Uelzener Bahnhof wurde im Jahr 2009 „Bahnhof des Jahres“ und zog seit seinem Bestehen Touristen an.

Die Geschichte, wie die Stadt an ihren bunten Bahnhof kam, ist ziemlich unglaublich. Man reibt sich verwundert die Augen, hört man sie, und fühlt sich in eine Zeit der avantgardistischen Visionen zurück versetzt. Ein Merkmal, das heute so oft als fehlend beklagt wird. Dabei ist die Bahnhofsgeschichte noch gar nicht lange her! Sie begann im Jahr 1995 und blickte damals voraus auf die Expo 2000 in Hannover.

In der Öffentlichkeit wurde das Ganze meist als parteiübergreifendes Zeichen von Zusammenarbeit verstanden, denn die „Gesichter“ des Bahnhofs waren eine Troika und gehörten Klaus-Dieter Schlademann (CDU), Jacques Voigtländer (SPD) und Raimund Nowak (Grüne). Dabei begann alles mit einer Zugfahrt.

Fliesenleger im Hundertwasserbahnhof Uelzen

„Eigentlich kannte ich Raimund Nowak wenig“, erinnerte sich Jacques Voigtländer. Das hätte auch so bleiben können, wären sich die zwei nicht immer mal als Bahnreisende zwischen Uelzen und Hannover begegnet. Voigtländer, damals gerade frisch gewähltes Landtagsmitglied, Nowak, der Geschäftsführer der Grünen in der Stadt Hannover.
„Du brauchst ein Projekt“, sagte Nowak zu dem Landtagsfrischling. Voigtländer verstand Bahnhof – so viel Wortspiel sei erlaubt. Ein Projekt vor Ort sollte es sein. Man nennt das auch Wählerpflege im Wahlkreis. Den zwei Reisenden schwebte so was wie der Kultur- und Umweltbahnhof à la Kassel vor.

So sammelte man eine Neuner-Gruppe in Uelzen um sich und redete. Da zog einer von ihnen ein Buch aus der Tasche und fragte: „Wie wäre es denn mit Hundertwasser?“ Da sei der ihnen mit der bunten Kunst des Wieners gekommen, „uns Banausen“, bekannte Voigtländer lachend Jahre später. Natürlich habe man nur an eine „kleine Hundertwasserstube“ hier im Bahnhof gedacht, weil ja die Expo-Besucher eventuell auch nach Uelzen in die schöne Landschaft kommen könnten.

Die Initialzündung gab ein Leserbrief in der Lokalzeitung, denn natürlich hatte die Presse die Vorhaben des Landtagsabgeordneten zur Kenntnis genommen. Der Leser schrieb: „Lasst Euch doch den ganzen Bahnhof von Hundertwasser verschönern!“ Man könnte es heute und in Kenntnis der hiesigen Mentalität auch als Ironie oder schlimmer, als beißenden Spott, verstehen. Nicht so die Bahnhofsgruppe.
„Ein bisschen größenwahnsinnig müssen wir gewesen sein“, erinnert sich Voigtländer. „Denn wir hatten beschlossen, wir reden nur auf der oberen Ebene. In irgendwelchen Arbeitskreisen wird es zerredet. Und Geld hatten wir sowieso keins.“
„Ja, ist ja interessant“, sagten die Verantwortlichen in Wien zu dem Vorhaben. Gedacht haben sie wahrscheinlich sehr viel krassere Dinge über die drei Provinzhanseln.
In der Stadt Uelzen stießen die Visionäre auch nicht nur auf begeisterte Zustimmung. Der damalige Bürgermeister und sein Erster Stadtrat waren gleich dagegen. Der Kämmerer zeigte sich gnädig und bewilligte Geld für das Drucken eines Flyers.

Die Geschichte war eine Sinuskurve. „Wie oft haben wir gedacht, jetzt stürzt alles unter Null – das ist das Aus!“, resümierte Voigtländer. Und da war von Geld noch gar nicht die Rede. Aber dann funktionierten plötzlich Netzwerke - auf der oberen Ebene. Geld war auch unvermutet da und dann geriet das Ganze fast zum Selbstläufer: Das Land stieg ein, die Bahn schreibt an Hundertwasser. Der Künstler versprach, zur Eröffnung zu kommen.

Baustelle Hundertwasserbahnhof Uelzen

Zwar verzögerten sich die Bauarbeiten nicht so peinlich lange wie an anderen Prestigeobjekten der Gegenwart, aber ein wenig länger dauerte es doch. Wenn man selber im entkernten Gebäude gestanden hatte, wundert man sich sowieso, dass es wieder ein intaktes Haus wurde.
Meister Hundertwasser erlebte die Eröffnung seines Bahnhofs in Uelzen nicht mehr, er starb im Februar des Jahres 2000. Trotzdem wurde das Haus offizielles Expo-Projekt.
Es ist ein Umwelt- und Kulturbahnhof mit großer Photovoltaikanlage auf dem Dach und als Touristenattraktion vermarktet von einem dafür gegründeten Verein. Sein Restaurant, das ökologisch-dynamisch erzeugte Produkte verarbeitet, ist nicht nur für Reisende, sondern auch für die Einwohner der Stadt Treffpunkt. So wurde aus einer fixen Idee eine handfeste Wirtschaftsgröße. Eine wunderhübsch anzusehende obendrein.

Das alles ist über 20 Jahre her und vielleicht kann die Erinnerung an diese unglaubliche Geschichte auch der Versuch sein, das Wort „Vision“ neu buchstabieren zu lernen.
Barbara Kaiser – 27. November 2020

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