Turbulenzen ums Christkind

Weihnachtsstress mit singendem und rezitierendem Quartett im Kurpark-Zelt

Die Gäste waren andere als im letzten Jahr – das Programm allerdings recht identisch. Und so begannen die gut aufgelegten Akteure mit „Morgen, Kinder, wird`s nichts geben,/ nur wer hat, dem wird geschenkt!... Morgen, Kinder, lernt fürs Leben: Gott ist nicht allein dran schuld.“ Die Kapitalismus-Kritik also zuerst. Recht so.

Wenn Sie sich daneben auch dafür interessieren, wo der „Ursprung von dem ganzen Fest“ liegt, nämlich „in der Vergangenheit begründet“ – ein wilder durchgeschüttelter Verwechslungsparcours durchs Alte und Neue Testament. Und wenn Ihnen das schlichte Lied  von der „heiligen Nacht“ als russischer Kassatschok oder Rap schon immer besser gefiel, dann… Ja, dann waren Sie richtig beim „Kleinen Weihnachtsspektakel“ im Kurpark-Zelt, das ein Feuerwerk anzündete.

Wie wir seit Albert Einstein wissen, würfelt Gott zwar nicht, aber Humor hat er. Muss er haben, denn sonst ertrüge er die Fehlentwicklung der Nullserie Mensch, die vermeintliche Krone seiner so durchdachten Schöpfung, nicht.
Kerstin  Kessel, Burkhard Schmeer, Mirko Hüsing und Heiko Linnemann besannen sich darauf und bereiteten allen, denen die falsche Sentimentalität, das larmoyante, kurzzeitige Friedensgebimmel und der ganze Konsumterror gründlich auf die Nerven gehen, einen außerordentlich vergnüglichen Abend.

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Fotos: Barbara Kaiser

Da stehen vier Schauspieler auf der Bühne, die schon mal artikulationstechnisch eine Freude sind. Wie sie mit Sprache spielen, das reißt einen hin. Der Besuch beim Schnee-See-Klee-Reh und der Schnee-See-Klee-Fee mit Dreh-Zeh-Weh, die zur Genesung einen kräftigen Schluck Dreh-Zeh-Weh-Vergeh-Tee nimmt, raubt dem Zuhörer den Atem, als müsste er sich selber durch diese Wortmonster heddern.
Die Erklärung, wie der Teufel in die Welt kam, ist frappant und herrlich blasphemisch! Sie wissen es nicht? Indem der Ochs an der Krippe dem Jesuskind gegen die bittere Kälte „das Horn für vorn“ lieh und der Esel aus selbigem Grund den Schwanz für die hintere frierende Seite…

weihnachtsspektaktelMit einem kräftigen Schuss Intelligenz, nicht nur platten Albernheiten, ist dieses Programm gewürzt. „Wer sich das nur alles ausdenkt“, sagte eine Besucherin in der Pause zu ihrer Begleitung. Wie die fröhliche Ansage, dass Geschenke „die einzige Form der Rache (sind), die einem kultivierten Menschen von heute noch bleibt“. Darauf ein paar Zeilen Wilhelm Busch, in denen die Tanten sich für Sophie als Geschenk ein Kleid in Erbsengrün ausdenken. Mit gelben Ranken, die Sophiechen nicht leiden kann  und für die sie sich obendrein bedanken muss! - Ganz nebenbei die anarchistische Forderung: „Nicht zum Lieben, nein zum Hassen/ soll man uns den Herrgott lassen./ Weil man sonst nicht fluchen könnt./ Himmelherrgottsakrament!“

Da werden Geschichten erzählt und es geht nicht immer lustig zu - bei aller Ausgelassenheit. Der Blick in die Spielwarenabteilung beispielsweise verrät Indoktrination der Kleinen angesichts des Kriegsmaterials. Die Aussage, dass ein Gewinnanteil aus dem Verkauf des ganzen Ramschs natürlich in den Bau von Knästen fließe und eine weitere erkleckliche Summe ans Rote Kreuz, ist genauso zynisch wie die aus Reinhard Meys Lied vor vielen Jahren. Als er die „Schlacht am kalten Büffet“ besang, von wo an „Brot für die Welt“ gespendet wird nach der Schlemmerei in verschwendetem Überfluss.

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Zwischen unkonventioneller Predigt und dem Besuch eines schwarzen Engels, der dem armen Erdenwurm seine Nichtigkeit klarmacht, ist alles dabei. Verse á la Ringelnatz: „Laub am Baum – kaum… Bäume nackt – beknackt… Depression – schon“ oder Heinz Erhardt. Ein durch den Schornstein kommender und singender Einbrecher, Musikalität der Akteure beweisend (zwei Gitarren, Saxofon, später Triola!): „Er wollte nur Silber, vielleicht `n bisschen Gold./ Das was er bekam, hat er so nicht gewollt.“ (Die zu allem bereite Gattin nämlich.)

Ein Sketch, in dem ein Bildungsbürger auf der Reise nach Weimar ist, um vom Antiquitätenhändler Schaller einen Schreibtisch von Schiller zu erwerben, die Bahnmitreisende aber weder den einen noch den anderen Herrn kennt. Hier wird dieses witzige wörtlich-Nehmen kultiviert, das sofort Missverständnisse vom Feinsten produziert.

weihnachtsspektakel4Laut, aber auch besinnlich leise ging es zu in den zwei Stunden Revue. Dargeboten von einem Ensemble, das diszipliniert agierte, in dem jeder verlässlicher Partner war. Das muntere Quartett demonstrierte rezitierend, singend, tobend und hin und wieder nachdenklich, dass Weihnachten auch immer wieder dasselbe Spektakel ist. Mit Witz und Charme, Sinn und Hintersinn. - Haben Sie schon  alle Geschenke? Aber dann los. Halleluja!
9. Dezember 2014 – Barbara Kaiser

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