Theater, Theater!

Hamburger Theater-Kabarett untersuchte im Neuen Schauspielhaus Typen seiner Gilde

„Vielleicht hat es der Meister auch ganz anders gemeint?“, mutmaßte einst Regisseur Hans Neuenfels. Mit ähnlichem Besinnen auch andernorts muss das Drama losgegangen sein: Dass kein Schrecknis zwar ewig währt, aber manches zwei Stunden dauert - eine Theateraufführung lang. Wenn sich denn Zeitgeist und Traditionsbewusstsein, originalitätssüchtiges Regietheater und dichtertreue Altherrenriege duellieren. Wenn die Verdünnung des Dramenstoffes zum Leitartikelrealismus und zu dessen ausdrucksschwacher Aufhebung führt.

Über dies alles konnte das Publikum im Neuen Schauspielhaus lachen, wenn es denn was zu lachen gab. Das Hamburger Theater-Kabarett „Eat. Play. Love“ war zu Gast und versuchte sich am Beispiel diverser Vertreter an der Erklärung, was Theater ist, was es ausmacht.
Das Stück „Gretchen 89ff“ ist eine flotte Nummernrevue, weder Handlung, noch Figurenentwicklung, lediglich Zustandsbeschreibung. Mit (gewolltem) Wiedererkennungswert! Der Schauspieler und Regisseur Lutz Hübner (*1964) schrieb es im Jahr 1997 und nahm jene Kästchen-Szene zum Dreh- und Angelpunkt, um uns ahnungslosen Zuschauern verschiedene Charaktere vorzuführen.
Im Jahr 2003 eröffnete der Kulturkreis Uelzen mit diesem Stück seine Theatersaison fulminant und im vergangenen Schuljahr traute sich die Theater-AG des Lessing-Gymnasiums mit umwerfendem Erfolg an dessen Tiefenpsychologie:

Der „Faust“ soll gegeben werden am Stadttheater in X. Es ist unerheblich, wo diese Stadt liegt, auf jeden Fall in der Provinz; auch wenn „Provinz“ eher geistige statt geografische Dimension beschreibt. Goethes Lebenswerk also. Man ist in den Probenarbeiten beim  berühmten „Es ist so schwül, so dumpfig hie und ist doch eben so warm nicht drauß...“ angekommen. Ja, dieses Mädel erschnupperte den Teufel und es wäre besser gewesen, sie hätte sich auf diesen Instinkt verlassen. Aber das ist nicht das Thema.

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"Streicher"            Fotos: Barbara Kaiser

Gretchen, Seite 89 folgende. Mit Goethe kann man alles machen, was meist ein Glück ist. Die Hamburger Gäste machte daraus einen zweistündigen Abend, der wenig inspiriert war, hatte man die oben genannten Vergleiche zur Erinnerung. Diese Aufführung war kein Ideen-Wucher, keine ausgelassene Theater-Tollheit, wenig kabarettistischer Boulevard. Aus diesem Text hätte man viel mehr keltern können, mit einer größeren Prise Esprit und einer weniger an Routine.

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"Freudianer"

„Wie soll ich mit Leuten Theater machen, die keine Ahnung von Abgründen haben?“, ruft der „Schmerzensmann“ als Regisseur. „Es geht hier um Sex, Sex, Sex“, behauptet der „Freudianer“, denn „Goethe, der Dichter des Fleisches, wurde von der Literaturwissenschaft kastriert!“ Das „Tourneepferd“ kommt mit Wiener Schmäh: „a bisserl klagen“, das Lied „a bisserl pikant…“ und  tänzelnd im Walzerschritt. Im Gegensatz dazu will die „Dramaturgin“ das Gretchen von einem Mann gespielt sehen und als eine „Figur, die keine Psychologie hat“.
Wir erfahren, wie die „Diva“ den armen, unerfahrenen Regisseur malträtiert, der „alte Haudegen“ lieber in Erinnerungen schwelgt, als sich Goethes Versen neu zuzuwenden, die „Anfängerin“ in totaler Übermotivation den Regisseur nervt und der „Streicher“ eigentlich überhaupt auf den Text verzichten kann. Das alles führen Markus Sellmann und Esther Barth ihrem Publikum vor. Und trotzdem schien der Funke nicht überzuspringen.

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"Haudegen"

Irgendwie fehlte diese graziöse wie anarchische Lust am Gaukeln. Das Zwinkernde und Schmissige, das Frivole und Freche. Da nützten auch die vielen Kostümwechsel nicht und das König von Thule-Lied als Zwischenmusik im Rhythmus eines Galopps.

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"Diva"

Vielleicht fallen uns all die großen (oder unbedeutenden) Namen ein, die immer auch einen Klassiker vom Sockel zu stoßen versuchen. Die beiden Protagonisten auf der Bühne versammelten sie komplett. Dennoch war die dem Text immanente, überwältigende Heiterkeit, mit der der Autor zum Sturm auf die Ungereimtheiten dieser (Theater)Welt bläst, unterbelichtet.
„Hoffentlich spielen die es so, wie es ist“, heißt es in der Einleitung, dem „Vorspiel auf dem Theater“ quasi. Vielleicht ist es so, wie es die Hamburger Gäste gaben. Deshalb ist Theater manchmal einfach unerträglich. Aber eben zum Glück nicht immer!
Größter Erfolg für Dichter, Theater und Schauspieler bleibt doch, wenn man bei deren Spiel ein Quäntchen von sich selbst entdeckte. In dieser Aufführung betrachtete der Zuschauer die zwei Darsteller eher wie in einem Panoptikum. Weil sie die Balance zwischen Charge und Charakter nicht bewältigten und vor allem: Weil ihnen der Spaß an ihrem Tun (bei aller löblichen sprachlichen Akkuratesse) kaum anzusehen war. Deshalb muss am Ende die Punkteverteilung eindeutig heißen: Eins zu null für die Laien aus dem heimischen Gymnasium!

Barbara Kaiser – 26. Oktober 2015

1 Antwort

  1. Liebe Barbara, vielen Dank, dass du da warst. Deine Kritik kann ich nur zum Teil nachvollziehen. Die ersten Szenen waren tatsächlich etwas "unterkühlt", aber spätestens nach der Pause (eigentlich schon früher) hatten die Schauspieler das Publikum auf ihrer Seite. Da wurde es leichter und spritziger und da gab es auch so manchen Lacher. Mir hat es gefallen. Viele Grüße von Conni

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