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Im Nationaltheater Weimar gesehen: „Die Goldberg-Variationen“  von George Tabori

Die Goldberg-Variationen waren für mich immer die 32 Stücklein, die der große Bach für den russischen Gesandten am Dresdner Hof schrieb, damit der, so beschwichtigt von seinem  Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg, besser in den Schlaf fände. Stimmt ja auch, wenn man der Anekdote des Verlegers, der die Partitur 1741 herausbrachte, glaubt.

George Tabori verlieh diesen Titel seinem 1991 uraufgeführten Bühnenstück nach dem Namen des armen Regieassistenten, der gleichzeitig noch Dramaturg, Inspizient, Blitzableiter und herumgeschubstes Faktotum für den berühmten Regisseur Mr. Jay sein muss.
Goldberg – einen Vornamen hat er nicht. Und was er variiert wird herauszufinden sein. Das Nationaltheater Weimar hat Ende April „Die Goldberg-Variationen“, die ein Zwischending sind zwischen Passionsspiel und Schmierenkomödie, auf seinen Spielplan gesetzt. Regie führt Thomas Dannemann.

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Sebastian Kowski und Nahuel Häflinger

Tabori, ungarisch-deutscher Theatermann und Publizist jüdischen Glaubens, geboren 1914, entkam dem Holocaust, dem Mitglieder seiner Familie zum Opfer fielen, durch die Flucht. Er arbeitete in Hollywood, ehe er nach Deutschland ging. Hochgeschätzt starb er im Jahr 2007.
Der Autor drehte in den Goldberg-Variationen Shakespeares Prinzip „Die ganze Welt ist Bühne“ quasi um in: Die Bühne spiegelt die ganze Welt. Und deshalb will Mr. Jay = Jahwe, Gott, der Herr (am Theater ist der Regisseur der Gott, dem man besser nicht widerspricht) seine Version von der Schöpfung auf die Bühne bringen. Er hat dafür, wie könnte es anders sein, sieben Tage Zeit.

Weimar Goldberg-Variationen Familie Abraham_bearbTheater auf dem Theater also, von der ersten Textprobe bis zur Premiere. Wir kennen das als chaotisch und nicht anders wird es bei Tabori sein. Mr. Jay trifft auf ein ambitioniertes Ensemble und einen eifrigen Assistenten und trotzdem geht eine Menge schief. Obendrein kann der machthungrige Jay seinen Assistenten nicht leiden, nicht zuletzt deshalb, weil er jüdisch ist. Er wird also Gott spielen, seinen „Knecht“  benutzen, in die Wüste schicken und letztlich ans Kreuz schlagen. Zur Probe nur, weil der entsprechende Schauspieler gerade fehlt,  doch mit Genuss. Es fließt Blut, von dem wir inständig hoffen, es wäre nur Theaterblut gewesen.

Denn Goldberg kommt wieder! Er erfindet die Barmherzigkeit, schickt Mr. Jay von der Bühne und wird es selber machen beim nächsten Versuch. Eine andere Variation von der Welt. Alles auf Anfang! Wird es dieses Mal besser, weniger kriegerisch zugehen? Der Mensch will glücklich sein, nicht gut, soll Goldberg von Jay lernen. Nein, das glaubt er nicht, der Mensch kann gut UND glücklich sein!

Weimar Goldberg-Variationen Kain+Abel_bearbNatürlich ist die Komödie ein bisschen Monty Python und deren „Das Leben des Brian“.  Dass George Tabori, der „Die Goldberg-Variationen“ sein bestes Stück nannte, das Buch der Bücher so gnaden- und respektlos fledderte, wird vielleicht nicht jedem gefallen. Wie er darin jedoch Geschichte und Gegenwart zu verbinden wusste, das machte an manchen Stellen sprachlos, war hemmungslos und voller Witz. Eine Vermischung von Bibeltext und Privataffäre.

In Weimar ist Sebastian Kowski der Mr. Jay. Ich bekenne, dass ich diesem Schauspieler, Jahrgang 1959, Absolvent der Theaterhochschule „Hans Otto“ Leipzig, zu Füßen liege, seit ich ihn als Mephisto erlebte. Der junge Schweizer Nahuel Häflinger, geboren 1987 in Argentinien, gibt den Goldberg. Die beiden sind ein kongeniales Paar.
Obgleich man von Goldberg Beflissenheit erwartet, lässt der sich nur in Maßen demütigen. Häflinger stattet seine Figur mit der Portion Selbstbewusstsein aus, die auch die Zuschauer für ihn einnimmt; und am Schluss sind die sowieso auf seiner Seite.
Kowski als Mr. Jay muss das arrogante Arschloch sein. Und trotzdem begreift der Beobachter, welche Angst in dem Manne wühlt, er könnte eines Tages vom Sockel gestoßen werden und der Ruhmeslack blättern. Außerdem lag sein persönliches Lindenblatt offenbar auf der Stelle am Herzen, die ihn nicht von der Liebe zu einer Darstellerin loskommen lässt.

Weimar Goldberg-Variationen Adam und Eva mit Schlange_bearbDas Ensemble darf dem Affen Zucker geben. Da wird getollt und gekalauert und gekumpelt. Damit das Publikum die leichte Hand Taboris bewundern kann, das Theologische mit dem Privaten zu verbinden, das Schwierige dem Albernen anzutrauen. Um dann plötzlich innezuhalten und zu erschrecken - wenn Goldberg als Jona in seinem Bericht über das Walfischbauchdunkel plötzlich Berge von Schuhen und Haaren und aufsteigenden Rauch imaginiert. Buchenwald liegt einen Steinwurf entfernt! Oder wenn Putzfrau Mrs. Mopp (zupackend, emanzipiert und Teil des wirklichen Lebens: Dascha Trautwein) dem Regisseur, ehe sich der Vorhang hebt, versichert, dass es der Presse gefallen und der Applaus bestimmt groß ausfallen wird. Auf die Frage nach dem Warum, antwortet sie: „Na, wieder ein Jude weniger.“

Ich gebe zu, dass mir an dieser Stelle der Atem stockte und ich inständig hoffte, es möge niemand lachen im Saal. Solche Texte darf man wahrscheinlich nur schreiben, wenn man den Lebenslauf Taboris hat. Der Dichter antwortete übrigens einmal in einem Interview auf die Frage nach seiner stärksten Seite, dass er immer in einen Witz zu flüchten in der Lage sei, was hilfreich wäre.

Weimar Goldberg-Variationen Es werde Licht_bearbUnd so beantwortet er eben auch die Frage, wie wir es mit der Religion halten – es ist die alte Gretchen-Frage – auf seine Art. Brauchen wir den Glauben, und wenn ja, welchen, um unseren Platz in der Welt zu definieren? – Am Ende hoffen wir Zuschauer, dass der nächste Versuch kein erneutes Scheitern sein wird, dass eine friedlichere Welt, eine gerechtere Gesellschaft doch verdammt noch mal möglich sein müssen.
Oder ist das Kinderglauben?

P.S.: Johann Sebastian Bachs Variationen spielen in der Inszenierung übrigens auch eine Rolle. Dafür sitzt der Pianist Philipp Haagen am Flügel. Aber er hält es mit John Cage und malträtiert das Instrument – so wie Mr. Jay, Gott, der Herr, die Menschen schindet – oder prüft? Am Schluss ist die Melodie der Aria zu erkennen. Vielleicht wird doch irgendwann alles gut?

Nächste Vorstellungen: 13. und 25. Mai 2017, 10. und 24. Juni 2017.
www.nationaltheater-weimar.de
Barbara Kaiser – 8. Mai 2017

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