Tatortmusik

Geigerin Natascha Korsakowa schreibt jetzt auch Krimis

Die meisten sind ja mehr oder weniger Amateure. Fähigkeiten lassen sich auch nicht forcieren, wenn man sie mit Herzblut betreibt - amator = Liebhaber. Der eine stümpert am Klavier, ein anderer fällt in die Aquarellfarbe, der Nächste dünkt sich als Poet. Da kommt man in Versuchung, die so genannten Doppel-oder Mehrfachbegabungen misstrauisch zu beäugen. Goethe konnte nicht nur dichten, sondern auch passabel malen; Klavier spielen konnte er nicht, da blieb es bei der Liebe zur Pianistin. Einstein strich die Geige, wenn ihn seine schwarzen Löcher zu verschlingen drohten oder ihm die Physik über den Kopf wuchs. Sogar Armin Mueller-Stahl malt, wollte eigentlich Konzertgeiger werden, ist aber ein Schauspieler, dem man gerne zusieht beim Geschichtenerzählen.

Auch Natasha Korsakova, der russischen Geigerin, genügt ihr Instrument, auf dem sie es zur Meisterschaft brachte, nicht mehr. Sie ging in die schreibende Zunft und legt nun ausgerechnet einen Kriminalroman vor. Mit „Tödliche Sonate“ gastierte sie jetzt bei den „Weingeistern“, die in Erwartung größerer Zuhörerzahlen in die Gertruden-Kapelle umgezogen waren.

Fotos: Barbara Kaiser

Dass der Leser in Korsakovas Buch eine Menge lernen kann über eine von Stradivaris Geigen, die der Meister nie verkaufte und die in den vergangenen 302 Jahren nie einer strich auf den Konzertpodien der Welt, ist für ein Buch dieses Genres neu. Dass die Autorin Korsakova die Saga der „Messiah“ – so heißt das Instrument – erzählen wollte, weil sie selber davon schon sehr lange fasziniert war, ist verständlich.

So beginnt die Rahmenhandlung also im Jahr 1712, der Mord passiert jedoch in der Gegenwart. Eine Musikagentin liegt in ihrem Blute, auf dem Plattenteller dreht sich in Endlosschleife Bachmusik. Warum nicht. Die Verdächtigen sind mehr als zahlreich, Commissario Bernardo steht ratlos. Während der Mörder - oder die Mörderin? - als Ich-Erzähler agiert. Das ist nun aber wirklich ein sehr alter Hut im Aufbau eines Krimis. (Siehe dazu Doris Gercke oder Nele Neuhaus)

Natasha Korsakova spielte die „Tatortmusik“ mit sehr energischem Strich zu Beginn ihres Auftritts höchstselbst. Sarabande und Chaconne von Johann Sebastian Bach. Wie mordet so einer, der diese Musik im CD-Player zurücklässt? Die Partitur ist eine Primadonna. Der Mörder auch? Korsakova entführt die Leser ins Haifischbecken der Musikbranche, erzählt nebenher die Geschichte der berühmten Geige.

Ich mag die sympathische Geigerin seit vielen Jahren sehr. Ihre freundliche, offene und dabei bescheidene Art brachte stets ein Licht in die Auftritte. Ob sie allerdings unter die Schriftstellerinnen gehen musste, bleibt fraglich. Beispiel: Die Lesung startete die im Jahr 1973 in Moskau Geborene mit einem Ausschnitt aus dem Hause Stradivari. Der achtjährige Sohn hat so gar keine Lust, Geige zu üben…
Schreibt eine Nicht-Muttersprachlerin in der für sie fremden Sprache – sie mag die noch so makellos sprechen – bleibt immer ein Rest, denn ihr fehlt der gesamte Wortschatz der Kindheit. Und so lässt die Autorin den kleinen Jungen in sehr gehobener Sprache denken.

Um hier nicht missverstanden zu werden: Die Lesung war ein Ausschnitt mit obendrein fatal schlechter Akustik (vielleicht hätte man das Mikrofon weglassen sollen), einer auf die Augen gehenden Luft (aus Lüfter und Heizstrahler) und Dunkelheit. Aber es schien, als sei der Schreibstil von Natasha Korsakova mehr Bericht in peniblem Deutsch, als Literatur, in der mit der Sprache jongliert wird, wo der Autor Bilder, Gleichnisse, Atmosphäre zu malen versteht. Die 45-Jährige schreibt bereits am nächsten Buch mit ihrem Kommissar, fügt also der endlosen Reihe von Hercule Poirot, Miss Marple, Dupin, Brunetti oder Gereon Rath einen weiteren Namen hinzu. Ob sie damit erfolgreicher sein wird als mit ihrem Violinspiel sei hier bezweifelt.
Barbara Kaiser – 29. November 2018

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