Sturm!

Reisetipp: Die Mittelsächsische Theater GmbH spielt Shakespeare und vieles andere mehr

Das Stadttheater Freiberg ist das älteste Stadttheater der Welt. Ältere Häuser dieser Art gibt es entweder nicht mehr oder sie zogen in einen Neubau um. Nicht so in der sächsischen Berg- und Universitätsstadt, wo 1791 ein zum Theater umgebautes Bürgerhaus eröffnet wurde. Zunächst in privater Hand, ergaben sich für den Investor jedoch keine Freuden angesichts der Einnahmen. Zu wenig Profit – schon vor über 200 Jahren ein Grund, sich anders zu orientieren anstatt ausgerechnet in Kunst zu investieren. Kluge Stadträte jedoch erwarben das Haus, weil „…eines Teiles Geld müßig in der Kasse liegt…. und durch die Erfahrung sich bestätigt, dass überhaupt durch die Schauspiele der Nahrungsstand der Bürgerschaft gewinne.“ Brot und Spiele auf Sächsisch!

freibergNoch heute prangt über dem Eingang der Spruch „Die Kunst gehört dem Volke“. Leider ist es ja inzwischen so, dass das Volk entweder keine Kunst will, weil es schon das TV-Programm dafür hält oder selbige sich nicht leisten kann. Trotzdem oder gerade deshalb sei hier einmal Reklame für dieses kleine Theater mit seinem denkmalgeschützten barocken Saal gemacht, in dem die Sitze zwar hart und die Reihen eng sind, die Qualität der Darbietung auf Musik- und Sprechbühne aber hoch ist. Die große Inge Keller, 90-jährige Legende des Deutschen Theaters Berlin, begann hier nach dem Krieg als Goethes Iphigenie ihre Karriere!

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Fotos: Barbara Kaiser

Für die Spielzeit 2014/15 hat sich das Haus, das mit dem Theater Döbeln fusionierte und ebendort, im Schlossinnenhof und in der Nikolaikirche Freiberg und im Sommer Open Air auf der Seebühne Kriebstein spielt, ein buntes Programm verordnet. Das übersichtliche Heft titelt schlicht und einfach mit „Mensch!“ und erinnert an das Wort des Theatermannes George Tabori: „Mensch ist mein liebstes Wort in der deutschen Sprache.“
Tabori war es auch, der vom Theater forderte, der Menschen solle in jeder Vorstellung „an den Abgrund der eigenen Biografie geschleudert“ werden. Solch Gewalt versucht man in Freiberg allabendlich. Zum Beispiel  mit „Der Sturm“ von William Shakespeare. Premiere war am 16. Mai 2015:

In der Inszenierung von Annett Wöhlert und der Ausstattung von Hans Ellerfeld erlebt der Zuschauer hier eine mit leichter Hand in Szene gesetzte Aufführung, in der jeder Darsteller die Gelegenheit zum Leuchten bekommt, ohne den Kollegen in den Schatten zu stellen. Des Dichters poetisches Testament, aufgeführt im Jahr 1613, drei Jahre vor seinem Tod, ist die Geschichte eines Schiffbruchs, der für alle Beteiligten einen Neuanfang impliziert.
Prospero, rechtmäßiger Herzog von Mailand, lebt mit seiner Tochter Miranda seit vielen Jahren auf einer einsamen Insel, wohin er, ausgesetzt in einem Boot durch seinen machtaffinen Bruder Antonio, gelangte. Durch einen von Prospero heraufbeschworenen Sturm strandet  König Alonso mit Sohn Ferdinand und Gefolge dort, darunter eben jener hinterhältige Antonio. Die Bestrafung aller Beteiligten an Prosperos hartem Schicksal soll nun seinen Lauf nehmen….

freiberg-theater2Gespielt wird vor einem großen, schimmernden Stoffwand-Meer. Und wer bei den Worten „Bootsmann, das Schiff! Wir laufen auf Grund…“ nicht an die täglichen Tragödien im Mittelmeer des Jahres 2015 denkt, hat kein Herz. – Die Darsteller, allen voran Oliver Niemeier als Prospereo und eine wunderbare Susanna Voß als Luftgeist Ariel, beeindrucken durch darstellerischen Minimalismus. Sie huldigen nicht einem Text, sondern nehmen ihn als Material (Übersetzung nach August Wilhelm Schlegel von Vera Sturm und Claus Peymann). Sie feiern das Wesen des Menschlichen mit Belegen seiner Zerbrechlichkeit. Und die Regie lässt erkennen, dass das Stück auch nach 400 Jahren keineswegs in die Jahre kam.

Theater müsse eine Realität wie ein Menetekel an die Wand malen, sagte der Regisseur Armin Petras. So geht es dann auch zu: Weil ein Verrat nicht genügt, versucht Antonio des Königs Bruder ebenfalls dazu anzustiften (Kalt und berechnend im Business-Outfit: Andreas Kuznik und Christoph Wünsch). Die schmarotzende, saufende Hofnarrengesellschaft (laut, schrill und gierig: Franka Anne Kahl und Ralph Sählbrandt) tritt nach unten und buckelt nach oben. Ehrlichkeit und Anteilnahme (beflissen als Gonzalo: Nancy Spiller) werden verlacht.
Auch Prospero ist nicht der rücksichtlose Charismatiker; er will zwar sein Recht und seinen Status zurück, scheut aber vor der eigenen Härte der nötigen Strafe.

freiberg-theater1Und so ist man froh, wenn Miranda am Ende sagen darf: „Die seltene Tat ist Vergebung statt Vergeltung. Oh, schöne neue Welt, die solche Menschen trägt!“ Wir wissen, dass das Mädchen nur scheinbar Recht hat. Nicht nur, weil die Anspielung auf Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ alles andere als erstrebenswert ist. Aber wir möchten uns auch an Nelson Mandelas Politik der Versöhnung statt Vergeltung erinnern.
Prospero will seinen Zauberstab nun, da alle wieder froh beieinander und ihnen mit gutem Vorsatz verziehen ist, zerbrechen. Wir, das Publikum, ahnen, dass die neu geknüpften Bande fragil sind, entlassen aber „durch …Nachsicht“ alle Beteiligten. Die dramatische Klaviermusik am Ende (nicht Beethovens Sonate d-moll op. 31,2 gleichen Namens!) deutet an: Diese Konstellation wird nicht konfliktfrei bleiben.

freiberg-theaterDie Aufführung ist viel mehr als eine gediegene Bebilderung. Sie zielt entschieden modern und elementar auf Exemplarisches, also auch heute Geltendes. Weil Theater Streitkultur ist, sein sollte, weil es polarisieren soll und zur Diskussion übers Leben provozieren.
Das Ensemble bot ein überzeugend unpathetisches und weises Spiel, ein verständnisvolles Lied über glücklich gescheiterte Menschen. Wir wollen an die Läuterung durch Wissen glauben, weil Theater auch ein öffentlicher Raum des Nachdenkens ist.
Die Regisseurin hat durchaus gegenwärtige Fragen an das Stück, oktroyiert aber keine vorgefertigte Antwort. Sie verkauft dieses schwierige Shakespeare-Drama nicht unter Wert, gibt es abenteuerlustig und fantasiegesättigt (Ariels Geistergefährtinnen!). Obendrein mit gütiger Gelassenheit,  ohne Besserwisserei und musikumspielter, vergnüglicher Unterhaltsamkeit.
www.mittelsaechsisches-theater.de
Barbara Kaiser – 20. Mai 2015

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