Staatlich organisiert und gelenkt

Zum 80. Jahrestag der deutschlandweiten Pogrome gegen jüdische Mitbürger

Es geschah damals mitten im Frieden: Ein vermeintlich erzürntes Volk ging auf eine wehrlose Minderheit seiner jüdischen Nachbarn los, verwüstete Geschäfte, steckte Synagogen in Brand, jagte und erschlug Menschen. Das Wort „Kristallnacht“ ist seitdem beschmutzt und nicht mehr in anderem Zusammenhang verwendbar, denn es war der böse Euphemismus im NS-Jargon für diese generalstabsmäßig geplante „Empörung“ im ganzen Deutschen Reich und Österreich.

Es ist gute Tradition, dass in Uelzen dieses 9. Novembers, der sich in diesem Jahr zum 80. Mal jährt, gedacht wird. Der Abend begann wie immer mit einer Kranzniederlegung in der Regie der Pfadfinder. Landrat Dr. Heiko Blume, Bürgermeister Jürgen Markwardt und Propst Jörg Hagen verharrten in stillem Gedenken, mit ihnen eine diesmal viel größere Anzahl Bürger, die an diesem trüben Novemberabend den Weg zum Mahnmal am Rathaus gefunden hatten. Mitglieder der Pfadfindergruppe zitierten aus Joseph Goebbels` Tagebuch, wo sich der Propagandaminister bereits seine geschichtliche Wahrheit zurechtbog. Nach der Verlesung der Namen der Uelzener Opfer herrschte eine Minute schweigendes Gedenken. Und vielleicht klang bei manchem dieses „Wir dürfen Hass nie wieder zulassen!“, mit dem die Pfadfinder ihre Lesung abgeschlossen hatten, nach…

Kranzniederlegung: Landrat Heiko Blume, Uelzens Bürgermeister Jürgen Markwardt und Propst Jörg Hagen. Fotos: Barbara Kaiser

Das deutsche Volk hat vier 9. November, die schwer unter einen gemeinsamen Gedenkhut zu bringen sind. Der hoffnungsvolle 9. November 1918, an dem die Monarchie beendet und die Republik (von Karl Liebknecht die sozialistische Republik, was gerne vergessen wird, wenn man sich nur auf Philipp Scheidemann besinnt) ausgerufen wurde. Der 9. November 1923, an dem Hitler und Ludendorff – übrigens in voller Absicht und bewusst an diesem Tag! – gegen diese Republik zu putschen versuchten. Der November des Jahres 1938, als der Massenmord an den europäischen Juden seinen Probelauf erlebte, der später mit der Wannsee-Konferenz (1942), weil „das Volk“ nicht hörbar widersprochen und sich vor seine Nachbarn gestellt hatte, seine Planmäßigkeit und Industrialisierung erfuhr. Und der 9. November 1989, in dessen Nachgang (mit der Delegitimierung eines ganzen Staates und seiner Bürger) die Wurzeln dafür liegen, dass heute Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit wieder zu einem messbaren und beängstigenden Problem werden.

Auf der Uelzener Gedenkveranstaltung, die sich immer der Kranzniederlegung anschließt, sprach im Ratssaal zunächst Dietrich Banse von der Geschichtswerkstatt. Er vermittelte sehr anschaulich die Ereignisse der Pogromnacht in der Stadt. Er hatte Fotos der Betroffenen dabei und berichtete vom mutigen Engagement des protestantischen Pfarrers Adolf Mund – dessen Sohn und Tochter als Ehrengäste dem Abend beiwohnten.

Dietrich Banse von der Geschichtswerkstatt.

Ihm folgte Dr. Jens Binner von der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten Celle als Redner nach. Leider hatten die Veranstalter mit ihm einen sehr einäugigen Historiker eingeladen. Seiner Forderung, Geschichtsverständnis müsse reflektierend und nie nur funktionalistisch sein, fühlte er sich offenbar selber nicht verpflichtet.
Er durchmaß die Erinnerungskultur zwischen 1948-1958-1968-1978-1988 bis in die Gegenwart – natürlich nur für den Westteil der Republik. Der DDR sprach er grundsätzlich jegliche ehrliche Geschichtsaufarbeitung ab, unterstellte besagte funktionalistische Sichtweise auf Geschichte, die einzelne Fakten instrumentalisiere!

Dr. Jens Binner von der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten Celle.

Nebenbei: In den drei Westzonen wurde in 17000 Fällen im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 ermittelt, zu Verurteilungen kam es kaum. In der DDR wurde im selben Zusammenhang sogar eine Todesstrafe vollstreckt. Im Jahr 1963, zum 25. Jahrestag, erschien übrigens im kleineren deutschen Staat eine Sonderbriefmarke im Gedenken an die Opfer (siehe Foto). Da lag die Aufarbeitung westwärts der Elbe noch ziemlich im Koma, die Auschwitzprozesse begannen erst im Dezember 1963!

Nach Binner sprachen Manfred Daum und Otto Lukat, die den sehr weiten und steinigen Weg bis zum Mahnmal des Künstlers Klas Tilly, das in diesem Jahr 30 Jahre alt wird, nachvollzogen. Mir selbst erzählte Klas Tilly (der an diesem Abend verhindert war) einmal, wie sehr er angefeindet worden war, als er an diesem Mahnmal arbeitete. -
Der alte Hass schläft also immer noch in unserer Mitte und vielleicht ist es wiedermal an der Zeit aus Bert Brecht „Kriegsfibel“ zu zitieren: „ Das da hätte einmal fast die ganze Welt regiert./ Die Völker wurden seiner Herr. Jedoch/ ich wollte, daß ihr nicht schon triumphiert:/ Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Barbara Kaiser – 10. November 2018

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben