Soundtrack eines Lebens

Das Jahrmarkttheater lässt Oma Sanne 100 werden und feiert

Zugegeben: Mit Oma Sanne, der Kunstfigur von Thomas Matschoß, habe ich nie so richtig Freundschaft schließen können. Vielleicht, weil ich den sonst durchaus verehrten Autor und Schauspieler nicht mit Stock, Kittelschürze, Kopftuch und – Bart sehen mochte.

Aber jetzt war der Großmutter 100. Geburtstag ausgerufen, und deshalb habe ich mich nach Wettenbostel auf den Weg gemacht. Auch, weil der Spielort des Krewet-Hofes in diesem Sommer das letzte Mal Bühne sein wird und – natürlich – weil man Respekt vor den Alten haben soll.
Zudem fiel die Premiere des Open-Air-Stücks mit dem 1. Juni auf den Internationalen Kindertag; vielleicht ein Omen dafür, dass wir im Alter wieder zu Kindern werden. Kindisch gar? Zu einfachen Wahrheiten neigend? Egal wie – Oma Sanne wird 100. Diesen ganzen Sommer lang.

Thomas Matschoß und Martin Greif.

Thomas Matschoß und Martin Greif spielen nach einem Text und in der Ausstattung/Regie von Anja Imig und Thomas Matschoß. Dramaturgin Andrea Hingst ist ebenfalls an Bord. Die Musik kommt aus dem Off.
Wenn einer 100 wird, kann er auch verschwinden, weil er der Reden überdrüssig ist und der Fürsorge sowieso. Der „Hundertjährige“ im Bestseller von Jonas Jonasson steigt aus dem Fenster des Altenheims und ist weg. Nicht erreichbar für all den salbungsvollen Quark und nutzlosen Geschenke. Abenteuerlich seine Reise durch die Geschichte des Jahrhunderts zwischen Franco und Stalin.

Thomas Matschoß mag an diesen Roman gedacht haben, denn Oma Sanne verschwindet nach ihrem ersten Auftritt, bei dem sie allen verkündet, dass sich Geschenke „doch nicht mehr lohnen tun“. Socken habe sie eh bis zum 200., der Arzt habe ihr zu ihrem 70. zu viel Süßkram verboten, wenn sie denn „richtig alt werden wolle“, und das Schwein aufm Grill verbietet sich, weil die alte Dame inzwischen in die Vegetarierfraktion wechselte.
Nach diesen Ansagen ist auch sie unauffindbar, und ihre Freunde, die ihr doch gratulieren und eine Freude machen wollen, stehen ratlos.

Was ist zu tun? Bauer Sönke fällt das Denken sowieso ein bisschen schwer, sein Freund, der Alois aus Bayern, bastelt wenigstens am Ständchen und animiert das Publikum. Als richtig clever erweisen sich wieder einmal die Tiere: Schwein Willi, Schaf Sabine, Huhn Sieglinde und die Maus.

 

Die erinnern sich gemeinsam, jeder dem anderen auf die Sprünge helfend, an Oma Sannes Leben. Nachdem geklärt ist, wie viele Jahre einhundert eigentlich sind. Die schlaue Maus hat in einem langen Winter Sannes Tagebücher gelesen, die im Keller lagerten, und weiß eine Menge. Hundert Schritte Leben zwischen Laufen lernen, „Schule ist doof“, Walzersound und „Otto ist ein Idiot“ und dem Schlager „Man kann sein Herz nur einmal verschenken“, weil mit Erwin im Jahr 1940 die Liebe in Sannes Leben trat.

Matschoß erfand für diese Lebensreise einprägsame Bilder, erzählt Omas Geschichte auch für die Erwachsenen, die den Subtext (west)deutscher Historie kennen. An einer Stelle gab es Szenenapplaus: Was ist Krieg, fragt das Huhn, weil im Tagebuch des Jahres 1945 mit Großbuchstaben stand „NIE WIEDER KRIEG!“ Die Maus hat die Erklärung: Mehr als 1000 Füchse in einem riesengroßen Hühnerstall. Da kann auch Federvieh Sieglinde nur skandieren: Nie wieder Krieg!

Dann geht es weiter mit Rock`n Roll – der Plattenspieler hat die Schellackplatte abgelöst -, der ersten Waschmaschine, dem Führerschein und einem „Käfer“, den Erwin seiner Sanne schenkte, und der Goldenen Hochzeit 1971. Jetzt kommt die Musik schon von der CD.
Sanne wird Oma und Witwe, schafft sich zwei Schafe an, als die D-Mark abgeschafft wird.

So viel Leben! Welche „Mega-Überraschung“ soll man da für den Geburtstag finden? Einer aber hat die zündende Idee: Den Soundtrack dieser 100 Jahre werden die Freunde Oma Sanne schenken. Die Musik kommt nun inzwischen aus dem Internet und dort gibt`s alles.

Und als die Jubilarin am Schluss aus der Riesentorte steigt, ganz vorsichtig, obgleich sie fit ist, erklingen die Schlager ihres langen Daseins noch einmal. Oma Sanne ist baff. Und glücklich. Weil es sich eben doch noch lohnen tut, zu feiern. Solange man am Leben ist und – solche Freunde hat!

Es sind muntere, auch rührende 70 Minuten Spiel. Ein bisschen „philosophisches Volkstheater“, wie es Volker Braun einforderte. Was zum Lachen, zum Erinnern, zum Nach-Denken. Wie es eben auf jeder Geburtstagsfeier ist.
Nächste Vorstellungen: Freitag, 07. Juni, 10 Uhr. Samstags und sonntags, 03./04., 10./11., 17./18. und 24. August 2019. Immer 15 Uhr. Aufführungen für Schulklassen sind auf Anfrage möglich. 05807/979971 oder kontakt@jahrmarkttheater.de
Barbara Kaiser – 03. Juni 2019

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