Sonne, Mond und Sterne

Großes Tableau: St. Marien-Kantorei, Kinderchor, Orchester, Solisten

Man weiß es nach dem ersten Satz. Dieser Abend würde am Ende ein Erfolg sein. Für die St. Marien Kantorei Uelzen und deren Kinderchor, für das opulente „Ad hoc orchestra“ und die vier Solisten Cathrin Lange (Sopran), Melanie Forgeron (Alt), Michael Gniffke (Tenor) und Andreas Beinhauer (Bariton). Kantor Erik Matz hatte wieder sehr hohe Erwartungen an sich, die Akteure und das Publikum – er hat sich nicht verspekuliert!

„Sei hoch gelobt mit allen deinen Kreaturen“, dichtete Franz von Assisi und pries die Schwester Sonne, den Bruder Mond und alle Sterne, widmete sich lyrisch der Sommerluft und dem Nebelflor, der rieselnden Quelle und dem „Feuer voller Schönheit und wärmendem Glanz“. Er besang die Mutter Erde und ihre Früchte, Liebe und Tod. Damit aus diesem literarischen Hohelied auch Gesang würde, setzte der Schweizer Komponist Hermann Suter die Dichtung im Jahr 1924 in Noten. Zum 100. Geburtstag des Basler Gesangvereins wurde das Oratorium „Le Laudi di San Francesco d`Assisi“ uraufgeführt.

Fotos: Barbara Kaiser

Die Kantorei brachte das eher unbekannte Werk, diese farbenreiche Musikpalette, nun im Theater an der Ilmenau zu Gehör. Große Kulisse, ein gut präpariertes Ensemble und ein zufriedener Erik Matz, der diese Partitur wieder jenseits aller ausgetretenen Pfade aufspürte.
Macht so viel Unbekanntes Spaß, hatte ich auf einer Probe im Sommer die Kantoreimitglieder gefragt. Zur Aufführung an diesem Novemberabend jedenfalls waren alle Skepsis, jegliche Unsicherheit weggewischt.

80 Sängerinnen und Sänger, 40 Instrumentalisten und vier Solisten widmeten sich den hochromantischen neun Sätzen, deren Schwierigkeiten nicht unerheblich sind. Die bewegen sich nämlich zwischen Gregorianik, impressionistischen, tonmalerischen Elementen und Zwölfton.
Rein und mit Verführungspotential der Anfang: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sei das Lob, die Herrlichkeit, die Ehre und jeglicher Segen….“ Eine umwerfend handfeste Kantorei, ein tapferer Kinderchor, ein sehr präsentes Orchester, das Erik Matz zu zügeln, das sich aber auch selbst unterzuordnen wusste. Darüber strahlend der Tenor. Das „Altissimo“ („höchster“) schraubt sich in Höhen, die schwindeln machen. Bei der Lobpreisung für die Sonne überglänzt der Tenor immer noch Sopran und Alt, dazu ein solide grundierender Bariton.

Es ist einfach wunderbar, dieses musikalische Überraschungsei von Erik Matz, für dessen Experimentierfreude und Kreativität die interessierten Zuhörer hier vor Ort ein weiteres Mal dankbar sein können.
Der vielleicht schwierigste Satz die Nummer drei, der den Wind preist und wie er sich zum Sturm auswächst. Chromatik und Dissonanz bauen sich zu verschiedenen Fugen auf, die an Beethovens Doppelfuge in dessen „Freude“-Schlusschor erinnern. Dazu ein Orchester, das an der Seite der Sänger bleibt und mit Streichern und Blech Unwetter malt. Ein beeindruckendes Klangtableau, das auf Effekt setzt.

Danach glucksen, sprudeln und quellen die Holzbläser und der Sopran besingt das kostbare Wasser. Die Sängerin macht das „preziosa“ zu einem wahrhaft glockenreinen Geschmeide!
In der Mitte der 75 Minuten-Aufführung hatte der Chor eine kleine Schwäche. Ausgerechnet beim Feuer. „Und schön ist es und kraftvoll und stark“, heißt es im Text. Ein bisschen fehlte die Kraft in dieser zugegeben schwierigen Passacaglia, deren Ostinato (ständig wiederholend) zu unentschlossen geriet.

Aber auch das trübte den Gesamteindruck eines großartigen Konzerts am Ende nicht, das mit dem Schluss beim Tod ankam. Furchteinflößend zwischen Fortissimo und Piano und einer besänftigenden Orgel gestaltet.

Es war ein Abend jenseits aller Gefälligkeitsakustik. Voller instrumentalen Reichtums, von einem Klangkörper gespielt, der sein Handwerk beherrscht. Das Sängerensemble stand dem in nichts nach und lieferte Glanzpunkte der Differenzierung, bot ein Panorama der Wandlung bei gleichzeitiger Kontinuität. Zwischen furioser Wucht und leidenschaftlicher Innigkeit.
Die vier Solisten waren ein Glücksfall. Selten hörte man solchen Tenor- und Sopranschmelz. Die tiefen Lagen waren in sicheren Händen, beziehungsweise Stimmen gut aufgehoben. Alles in angemessenem Drive, schön phrasiert, ohne Übertreibung und Schnickschnack. (Wobei es jedoch wieder einmal darauf ankam, in welcher Reihe man im Theater saß!)
Langen, langen Beifall gab es am Ende. Die eine oder andere Umarmung für ein sehr gelungenes Konzert.
Barbara Kaiser – 18. November 2018

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