Sieben Welten

Reisetipp: Das jüngste Museum Thüringens huldigt dem Porzellan

Was kommt Ihnen, liebe Leser, beim Stichwort Porzellan in den Sinn? Dächten Sie an Hauchzart-Feines – dann wären Sie ein Teezeremonienmeister. Oder erscheinen vor Ihrem geistigen Auge die Isolatoren großer Strommasten – dann sind sie eher der Heimwerker. Wenn Ihre Liebste Ihnen erst kürzlich mit großer Dramatik ein Teil nachwarf,  das an der rechtzeitig geschlossenen Tür zerschellte – pflegen Sie eine temperamentvolle Beziehung.
Man geht beim Wort Porzellan eher auf  Spitzen und sagt China oder – Kahla.

Thüringens jüngstes Museum, die „Porzellanwelten“ auf der Leuchtenburg Kahla bei Jena, präsentiert dieses Materials in seinem ganzen Glanz. Die um 1200 gegründete Burg wurde aufgehübscht durch ein futuristisches Gebäude, dessen spektakulärster Ausläufer ein Steg überm Tal ist. Neudeutsch: Skyway – aber nein, in Kahla hat man auch einen nichtenglischen Begriff parat: „Steg der Wünsche“. Wie wunderbar!

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Fotos: Barbara Kaiser

Der Grand Canyon lässt also grüßen! Nur, dass man im fernen Amerika nicht seinen ganz speziellen Porzellanteller mit darauf Notiertem in die Tiefe fallen lassen kann. Mögen die aufgeschriebenen Hoffnungen nicht so wirkungsvoll zerbrechen wie das geformte Gemisch aus Kaolin, Feldspat, Quarz und Calcium am Fuße der alten Burg. Die Scherben werden übrigens wieder eingesammelt und sind als „Archiv der Wünsche“ Teil der Ausstellung. Witzige Idee, diese Gitterkästen, gefüllt mit allen kaputten Tellern. Und wie symbolisch!

Aber vielleicht beginnen wir am Anfang: Eröffnet in diesem Frühjahr, sind die „Porzellanwelten“ eine Schau zum Mitmachen und Staunen. Von elf Millionen Euro Baukosten war in einem Beitrag die Rede. Es wird also nicht überall gespart, wenn es um Kultur geht. Denn um die Kultur des weißen Goldes geht es hier. Und um die Frage, warum dessen Geschichte vor 250 Jahren in Thüringen begann.
Rund 350 Exponate sind zu sehen. Das älteste ist Ming-Porzellan und stammt aus der Fracht des 1558 vor der Küste Mosambiks gesunkenen portugiesischen Handelsschiffs  „Espardate“. Das jüngste Ausstellungsstück taugt noch für einen anderen Rekord: Es ist die größte Vase der Welt (für Blumen allerdings ungeeignet!) des Georgiers Alim Pasht-Han, der aus 360 hexagonalen Waben dieses Großprojekt realisierte.
Es ist eine einmalige Verbindung von Kunst, Technik und Statik. Der Künstler, Jahrgang 1972, der in Krasnojarsk (Sibirien) und auf Burg Giebichenstein/Halle studierte und in der Stadt an der Saale lebt, nennt seinen bevorzugten Rohstoff übrigens „irgendwie zickig“. Ganz und gar nicht spröde allerdings imponiert sein handbemaltes Objekt durch die vielen Blau-Weiß-Gold-Töne.

kahla-porzellan1Durch sieben Welten führt die Ausstellung. Der Prolog fragt, was Porzellan denn sei, ob es vielleicht sogar auf Bäumen wüchse? Eine „Utopia porcellana“ stellt den verblüfften Besuchern dann den „Gemeinen Tüllensittich“, den „Henkelkrebs“ und die „Schüsselechse“ vor. Fantasievolle Geschöpfe – ein Spaß.
Danach wird es ernster. „Das Fremde“ erklärt, woher das erste Porzellan kam. Übers Meer nämlich, wie so vieles. Interaktiv können Seewege verfolgt werden, die maritime Seidenstraße oder die Gewürzroute beispielsweise. Eine Wunderkammer zeigt Skurriles, bewegliche Bilder wie bei Harry Potter etwa, stellt Wertvolles aus und nennt berühmte Sammler. Unter denen natürlich Thüringer Fürsten sind, obwohl wir zuerst an den Dresdner August, Kurfürst und König von Polen, denken mögen.

kahla-porzellanDann kommt die Experimentierkammer! Ich bekenne, bei keinem Versuch in der Alchimistenküche die vier Schalen mit den richtigen Mengen der vier Bestandteile abgewogen bekommen zu haben. Trotzdem lösten die Erfinder das Rätsel damals nicht nur in Meißen. Aus dem Kostbaren der barocken Tafel, die sich virtuell wie von Geisterhand bestückt, wurde dank dieser Erfinder der alltägliche, bezahlbare Gebrauchsgegenstand.
Thüringer Manufakturen führten zum Ende des vorigen Jahrhunderts den Weltmarkt an. Gegründet mit den vorhandenen örtlichen Rohstoffen, gab es um 1800 ganze 15 ihrer Art. Nur 100 Jahre später waren es 105.

kahla-porzellan5Die „Porzellanwelten“ sind ein aufregender Rundgang, der an keiner Stelle überfrachtet wurde (Konzeptionsdrehbuch: Diplom-Museologin und Kulturwissenschaftlerin Anne Meinzenbach). Derart eindrucksvoll wie lehrreich sah man Ausstellungs-Minimalismus selten. Klug konzipiert, überzeugend umgesetzt, informativ präsentiert. Modern und faszinierend. Angebote für den haptischen Drang, viel fürs Auge.

kahla-porzellan3Und wenn man nach dem Rundgang im Café sitzt, breitet sich die weite Landschaft vor einem aus, die, glaubt man dem Lied, viele „Burgen, stolz und kühn“ hat. Mitnichten aber, so der Widerspruch zum Text, sind alle ihre Dächer zerfallen. Die Leuchtenburg wurde zu neuem Leben erweckt. Durch die 2007 gegründete gemeinnützige Stiftung des engagierten Touristikers und Unternehmers Sven-Erik Hitzer, der mit Gleichgesinnten die Anlage vor drohender Versteigerung und Perspektivlosigkeit zu retten in der Lage war. Natürlich aber die alte Anlage mit Bergfried, Kernburg, Weinkeller, Marterturm, Brunnen und Torhaus bewahrte. – „Thüringen – Sie haben Ihr Ziel erreicht“ wirbt eine große Tafel an der Autobahn A4. Überzeugen Sie sich doch vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptung.
Barbara Kaiser – 23. April 2015

TERMINE: 30. April: Walpurgisnacht, 13. November bis 19. Dezember: Die große Weihnachtsshow „Balkanfeuer“, 05./06 und 12./13. Dezember: Weihnachtsmarkt der Wünsche.
Sommerklänge: 02. Mai: Akustik-Pop-Jazz, 06. Juni: Celtic Folkrock, 27. Juni: Blues- und Country, 19. September: Mittelalterliches Lieder.
www.leuchtenburg.de

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