Selbstbewusst und technisch versiert

Marie Rosa Günter spielte in Medingen bei den „Jungen Pianisten“ Mozart, Chopin, Schumann und Prokofjew

Als Zugabe erklang die Aria der Goldberg-Variationen. Dieses Bach-Werk spielte Marie Rosa Günter auf ihrer einhellig gelobten Debüt-CD ein, als Gast im Kloster Medingen versöhnte sie die Zuhörer mit der stillen Eindringlichkeit der Noten. Die Winter-Reihe, die sich die Förderung junger Pianisten zur Aufgabe macht, erlebt nun schon ihren 14. Jahrgang. Der Zuschauerandrang ist unterschiedlich, aber ungebrochen. Auch am vergangenen Samstag mussten wieder zusätzliche Stühle gestellt werden.

Fotos: Barbara Kaiser

Marie Rosa Günter war nach 2014 das zweite Mal hier zu Gast, außerdem kennt sie der Konzertbesucher im Landkreis von der Internationalen Sommerakademie, wo sie 2012 und 2019 zu den Teilnehmern gehörte. Bei der letzten, der zehnten Akademie, spielte sie im Abschlusskonzert „Humoresken“ von Jörg Widmann, mit schönem Ehrgeiz am Verstören, der mutigen Torpedierung von Erwartung. Im Jahr 2012 fiel sie dort mit dem dritten Satz von Beethovens erstem Klavierkonzert auf, den sie frech-fröhlich anging.

Inzwischen studiert die junge Frau, Jahrgang 1991, geboren in Braunschweig, bei Professor Bernd Goetzke in Hannover, konzertiert auch kammermusikalisch und ist preisgekrönt.
Im Kloster Medingen überzeugte ihr Auftritt jetzt vor allem diejenigen Zuhörer, die den Flügel als Tastendonnerinstrument lieben.

Selbstverständlich gab es auch sehr innige Momente im Programm, die Spielerin ist genauso zu einem exquisiten Anschlag in der Lage, zumal sie das Instrument im Kloster kennt, aber Marie Rosa Günter wollte mit ihrem Programm zu den Pianisten gehören, die lieber ein furioses Schnellspieler-Pensum statt Interpretationsaufgaben absolvieren. Weil das die im Saal immer viel mehr beeindruckt. Und selbstverständlich war es faszinierend, wie die 28-Jährige über die 88 Tasten fegte. Atemberaubend kühn, makellos, ohne einen Griff daneben.

Aber vielleicht der Reihe nach:
Leichtfingrig, an jeder Stelle jedoch verbindlich die Sonate B-Dur, KV 333. Die ist ein galantes Zeitstück aus Mozarts Feder. Die Eingängigkeit und Natürlichkeit sind dem großen Bach verpflichtet. Die Pianistin leistete dabei geschmeidige, rhythmusbewusste Arbeit, hielt alles in fein abgestimmtem Fluss. Es fehlte nirgendwo an Präzision, die innere Spannung im Andante jedoch, die herzustellen bei diesem Mozart nicht ganz einfach ist, fehlte. Mit Spielwitz und Charme – ja, aber ohne konsequente Energie.
Im Allegretto des dritten Satzes schien Marie Rosa Günter sich schon auf das Tempo des folgenden Stückes vorzubereiten. Im Verlauf des Abends stellte sich sowieso heraus, dass ein „Allegro“ bei ihr offenbar „Presto“ heißt.

Bei der Internationalen Sommerakademie 2012.

Ähnlich bot Marie Rosa Günter die Sonate Nr. 3 a-moll op. 28 von Sergej Prokofjew. Ohne allen Zweifel hält sie die Strukturen dieses einsätzigen Werks, das nicht dem Sonatenschema folgt, klar, aber sie steigert sich immer mehr in ihre Tastenwühlerei, die das aufgereihte Material durcheinanderwirbelt und potenziert. Fügte die Interpretin Eigenes hinzu? Man wüsste es gerne, ehe man die Aufführung genauso gut für ein Stück von Chopin, Brahms oder (vor allem) Liszt hätte halten können.

Woher nehmen diese jungen Leute eigentlich die Wut, mit der sie manche Partituren angehen, sie als Bravournummer auffassen? Die bange Frage, ob nach dem Beginn die Kraft reichen würde fürs Ende, erwies sich bei Günter allerdings als unbegründet. In all dem Fließenden, Rankenden, Stürzenden behielt sie bis zum rasenden Schluss die Spannung, die Empathie und die Kontrolle. Das Publikum war begeistert!

Nach der Pause ging es mit Chopin und dessen zauberhaftem Nocturne op. 9 Nr. 3 weiter, ehe die „Humoreske“ von Robert Schumann die 90 Konzertminuten beschloss. In schönem Schwung, immer wieder ausgreifend, ehe die Abwärts-Chromatik in einem hier wirklich anrührenden Piano aushauchte, erklang der Chopin.

Schumann war dann schon wieder auf wohl kalkulierten Effekt angelegt, auf eine gewisse Schnelligkeitsbrillanz. Die verschiedenen Vorschriften des Komponisten waren nicht leicht auseinanderzuhalten. Das „Hastig“ kam sehr robust daher, das „Innig“ ein wenig pathetisch und das „Mit einigem Pomp“ hätte durchaus ein Maestoso von Donnergott Liszt sein können. Es fehlte der Verzauberungsspielraum, zu dem die junge Künstlerin sehr wohl in der Lage ist.

Insgesamt lotete Marie Rosa Günter aber die Dimension der Formen in ihrem Programm sicher aus. Manchmal sehr dezidiert und mit Nachdruck, aber auch musikalisch intelligent, souverän und durchaus entspannend. Siehe die Zugabe mit Johann Sebastian Bach.
Barbara Kaiser – 23. Februar 2020

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