Satiriker-Quartett

„Die Herkuleskeule“ aus Dresden plauderte über Gegenwart und fragte bei unverständlicher Politik nach

Zurzeit leben Satiriker gefährlich. Obacht also! Türkische Verhältnisse sperren aber auch Journalisten weg und stellen Zeitungen unter Kuratel. Bis Dresden ist derlei Praxis offenbar noch nicht gekommen. Obwohl dortige Spezls im Geiste, diejenigen, die allmontäglich auf dem Theaterplatz schreien, schon nahe dran sind an solch krudem Verständnis von Demokratie.

Brigitte Heinrich, Mandy Partzsch, Michael Rümmler und Detlef Nier kamen aus dem anderen Dresden. Dorther, wo man denkt und nicht dumpf Parolen brüllt. Das Herkuleskeulen-Trio war in diesem Jahr ein Quartett und als solches zum Thema „Vorzurückzurseiteran“ auf Einladung des Kulturkreises im Theater an der Ilmenau zu Gast. Für die exzellente musikalische Begleitung sorgten Jens Wagner und Volker Fiebig.

Das Ensemble machte auf erschreckende Weise klar, wie die Prophezeiung von Günter Gaus aus dem Jahr 2004 langsam Wahrheit wird: „Die Legitimation durch das Volk, die Demokratie, wird scheitern an dem Ungebildetsein des Volkes.“ Die Sachsen agierten brillant penetrant, bissig und ebenso intellektuell wie populistisch. Ihre Pointe ist nicht der Witz, der die Wirklichkeit verzerrt und übersteigert, sondern allein das Aussprechen der Zustände und die Fragen dazu. Der Verzerrung oder Übertreibung bedarf es nicht mehr, das Absurde scheint Alltag: „Wer gewählt ist, hat nichts zu entscheiden und wer entscheidet, ist nicht gewählt.“ (Horst Seehofer) Der Abend war ein geschliffenes, analysesicheres Begleitschreiben des Niedergangs demokratischer Kultur. In atemberaubendem Verbal-Galopp, der den trainierten Mit-Denker erforderte.

herkuleskeule

Fotos: Barbara Kaiser

Die Akteure sind gelernte Schauspieler. Wie es Dieter Hildebrandt verlangte: „Wir haben rhetorisch reden gelernt und vorher natürlich nachgedacht – was man von Politikern nicht immer sagen kann“, versicherte der einmal im Interview.
Diese Darstellungskunst ist Bonus in den Dialogen. Die sind Florett-Fechten mit hintergründigem Funkeln. Kalt im Urteil, aber anrührend und präzise. Manchmal blanker, verzweifelter Zorn oder ungebremste Fassungslosigkeit.

„Sie können ganz entspannt sitzen“, wird der Herr in der ersten Reihe aufgefordert. Ergänzt  jedoch durch das Bekenntnis, dass es in  diesen Zeiten schwierig ist, locker zu bleiben. Aber: „Wenn wir Angst haben, müssen die Regierenden keine Angst vor uns haben!“
„Sie haben bezahlt, Sie wollen lachen,/ Sie woll`n, dass wir uns für Sie zum Äppl machen.“
Ja, lachen konnte man auch, obwohl es einen manchmal bitter ankam.

herkuleskeule1Alle Macht geht vom Volke aus - steht im Grundgesetz. Vielleicht heißt es ja aber „Alle Macht geht dem Volke aus“? Oder: „Ein Jahr Bildzeitung lesen und du kriegst Hohlräume ins Hirn.“
Da wird gesungen und parliert. Auf  die Noten von „Money“ aus dem Film „Cabaret“ erklärt sich, dass „nicht jeder Uli gleich ein Hoeneß“ sein kann und „Findest du kein Glück, mein Schatz,/ Geld ist der Glücksersatz.“ Oder man tanzt Sirtaki auf den Text: „Geh`n auch ganze Staaten unter, /unsere Banken bleiben munter!... Wer braucht heut noch Dichter, Denker,/ für uns denken doch die Banker.“

herkuleskeule2Die musikalische Erklärung, dass wirklich „an allem der Russe schuld“ ist, erfolgt auf Carmens Habañera. Und mit dem temperamentvollen deutschen Volkslied „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ – allerdings bevorzugter Song der Waffen-SS – sind wir in Sachsen: „Es müsste für Politiker eine IQ-Untergrenze geben!“ Das klingt nach Klage über Ministerpräsident Tillich. Oder: „Was ist eine Blondine zwischen zwei AfD-Wählern? - Nicht die Dümmste.“
Die herrliche Ode an Frau Merkel, die „eiserne Jeanne d`Arc/Miss Marple aus der Uckermark“, kennen Herkuleskeulen-Besucher schon. Wahr und witzig bleibt sie trotzdem,  der Auftritt von Brigitte Heinrich dazu ein Kabinettstück.

Das Programm war entschieden zupackend im Kampf gegen Denkunwillige und Geistesmüde. Es erklärte, dass „Bundespfarrer Gaucki“ der „blonden Kampfdrohne“ beispringt, wenn es um die neue Rolle Deutschlands in der Welt geht. „Wir sind wieder wer! ... Denn Gott sei Dank, dank Deutscher Bank/ haben wir noch alle Tassen im Schrank.“ Weil man Kriege nicht führt, um sie zu gewinnen, sondern um Gewinn…. Sie verstehen schon.

herkuleskeule3Nach zwei fabulierfreudigen Stunden des schmetternden Maules, von Komik, Ironie und umwerfender Musikalität kein Happy End. Alles schauderhaft wahr in einem Land, wo ein langer Weg Geist und Macht zu Antipoden machte.
„Willst du die Welt einmal sorgenfrei sehn,/ hüt dich, ins Kabarett zu gehen!“, singt das Ensemble. Vielleicht dann doch lieber Cabaret? Aber konfliktfrei war das dort auch nicht.

Am Schluss ein alter Hut, aber wie alles Kluge immer noch bedenkenswert. Im Oktober 1989 stellten Schauspieler des Staatsschauspiels Dresden nach einer Vorstellung einen Aufruf vor, der Dialog befördern sollte. Darin hieß es: „Eine Staatsführung, die mit ihrem Volk nicht spricht, ist unglaubwürdig… Ein Volk, das zur Sprachlosigkeit gezwungen wurde, fängt an, gewalttätig zu werden.“ – Sind wir diesen erschreckenden Schritt 26 Jahre danach nicht schon gegangen?
Barbara Kaiser – 24. April 2016

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