Romantische Stunde

Wendland-Sinfonieorchester spielte traditionell Neujahrskonzert im Kurhaus

Hans-Peter Hellmanzik, der als Vorsitzender des Bad Bevenser Kulturvereins die Gäste im nahezu voll besetzten Kurhaussaal zum Neujahrskonzert 2019 begrüßte, freute sich über das Programm des Wendland-Sinfonieorchester (WSO). Das würde mit Tschaikowskis Sinfonie Nr. 5 e-moll, op. 64 ein Schicksalsmotiv vier Sätze lang durchdeklinieren. Das sei doch das Rechte für einen Jahresbeginn, gab er sich überzeugt.

Bei näherer Betrachtung allerdings darf man die Repertoireauswahl zumindest wenig inspiriert nennen, wenn alle drei Komponisten des Abends fast gleichzeitig geboren wurden, also Zeitgenossen waren. Antonin Dvorák, Jahrgang 1841, Edvard Grieg, geboren 1843, Pjotr Iljitsch Tschaikowski 1840. Natürlich muss ein solch großer Klangkörper, wie es das WSO ist, auch große Sinfonik auf den Plan stellen, schließlich will jeder mitspielen. Aber mehr als zwei Stunden Romantik?

Der Abend begann mit Dvoráks „Die Mittagshexe“, op. 108. Das 15-minütige Stück ist eins aus den sinfonischen Dichtungen nach alten Volksmythen, wie auch „Der Wassermann“, „Das goldene Spinnrad“ oder „Die Waldtaube“. Es geht recht blutrünstig zu in allen. Auch die Mittagshexe bringt letztlich Unglück, lässt das quengelnde Kind in den Armen der zunächst ungeduldigen, dann zu entschlossen beschützenden Mutter tot zurück.

Der Mann am Pult, der seit nunmehr zwei Jahren Friedrich Praetorius heißt, bot mit seinen Musikern eine indifferente Leistung. Er nahm die Noten sehr langsam, was immerhin die gewisse Bedrohung in der Handlung und den tragischen Ausgang andeutete. Die Akteure des musikalischen Kampfes jedoch blieben insgesamt blass, die Strukturen wie verwaschen.

Solistin Yeo Kyung Rose Lee mit Dirigent Friedrich Praetorius.          Fotos: Barbara Kaiser

Vor der Pause hatte danach noch die südkoreanische Pianistin Yeo Kyung Rose Lee ihre Bewährungsprobe: Sie spielte mit dem Klavierkonzert in a-moll, op. 16 von Edvard Grieg ihr Solo-Examen. Professor Bernd Goetzke, derzeit vor Ort wegen der Alpersschen Winterakademie anwesend, saß als Jurymitglied im Saal und sagte nach dem langen, langen Beifall: „Es sollte nichts schiefgegangen sein!“

Hört man Klavierkonzert a-moll, ohne Nummer, denkt der Konzertbesucher: Robert Schumann. Und in der Tat war Edvard Grieg von Schumanns Solitär anlässlich einer Aufführung 1858 in Leipzig mit Clara Schumann inspiriert. Für sein Werk verknüpfte er dann Elemente nordischer Folklore zu virtuosen Kadenzen, schwierigen Akkorden und drängenden Bewegungen. Im Jahr 1869 in Kopenhagen uraufgeführt wurde es ein Erfolg. Auch Franz Liszt war sehr angetan, gab wohl auch Anregungen zu den zahlreichen Umarbeitungen, die der Komponist später vornahm. Nur der Musikkritiker (und Komponist) Hugo Wolf äußerte die sehr unkollegiale Ansicht, dass das Werk ausschließlich gut genug sei, um „Brillenschlangen in Träume zu lullen oder rhythmische Gefühle in abgerichteten Bären zu erwecken.“

Die 27-jährige Solistin im Bevenser Kurhaus interpretierte die drei Sätze klar im Ausdruck und technisch stählern. Sie verzichtete nicht auf die große romantische Geste, vermied aber schroffe Kontraste. Mit einem sehr kultivierten Anschlag, der auch das Leise schön in Szene setzte, brachte sie die Themen zum Singen. Ein zauberhaftes Adagio beispielsweise, das ungewohnt kraftvoll war und bei dem endlich auch das Blech im Orchester auf der Höhe seiner Aufgaben war. Yeo Kyung Rose Lee schaffte es, einer puren Klangorgie aus dem Wege zu gehen, blieb aber trotzdem energiestark.

Im zweiten Teil erklang Tschaikowskis „Schicksalssinfonie“. Die Nr. 5 e-moll, op. 64, die der Russe zehn Jahre nach seiner Nummer vier aufschrieb. Die musikalischen Motive sind keine à la Beethoven, die trotzig „dem Schicksal in den Rachen greifen“ wollen. Hier ist eher Zagen, Klagen und Zweifeln angesagt. Trotzdem war das Allegro anima von Satz eins eine exakte Angelegenheit, ein lustvolles Wühlen in den Klangballungen. Friedrich Praetorius hielt seine Musiker fantastisch zusammen und selber den Überblick. Der Lichtstrahl in Satz zwei, das Andante cantabile, mit einem schönen und endlich makellosen Horn in Zwiesprache mit dem Orchester.

Nach diesen zwei Sätzen, das gebe ich zu, war es mir dann aber zu viel Schicksal und vor allem zu viel Romantik. Es ist davon auszugehen, dass das WSO den feierlichen Ausbruch in Satz vier ebenso bewältigt haben wird wie den Walzer von Satz drei, der ebenfalls unterbrochen wird vom Schicksalsmotiv. Ich hatte mich da schon auf den Heimweg gemacht und hoffe jetzt, dass im nächsten Jahr vielleicht ein wenig mehr Vielfalt waltet im Programm des Neujahrskonzerts dieses Klangkörpers, der nämlich noch ganz andere Kompetenzen besitzt.
Barbara Kaiser – 05. Januar 2019

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