Reise in die Vergangenheit

Jahrmarkttheater Bostelwiebeck feiert Premiere mit neuem Stück von Thomas Matschoß

Da ist einer jung und schreibt einen Brief an seine Braut. Er könnte auch mit ihr reden, denn sie wirbelt nebenan durch die Zimmer. Es ist kurz vor beider Hochzeit. Und es ist Krieg. Dass Erwin und Susanne diesen Krieg überleben werden, gilt im Jahr 1943 keineswegs als sicher oder selbstverständlich… Nach 70 Jahren ist aus Susanne „Oma Sanne“ geworden. Mit Erwin hätte sie beinahe die Goldene Hochzeit gefeiert, wäre er nicht kurz vorher gestorben. Aber sie durchmaßen gemeinsam eine schöne Zeit. In Torfbostel, wo sie „ihr ganzes Leben geblieben“ sind. Der Krieg hatte sie über Gebühr durch die Welt gerissen, da reichte für eventuelle Reiselust ein Urlaub in den Harz.

Das neue Stück von Thomas Matschoß heißt „Oma Sannes letzte Reise“ und basiert auf einem Roman, den der Autor, Regisseur und Schauspieler schon vor zehn Jahren schrieb. Sein Titel: „Das perfekte Blau“. Wer dabei an Anna Seghers` „Das wirkliche Blau“ denkt, liegt vielleicht gar nicht so falsch, denn auch hier sucht ein Maler (kein Töpfer wie bei Seghers) die Farbe, die unverwechselbar sein wird. Dass er auf dieser Suche auch viel über sich selbst erfährt, eint die Bücher. Und bei „Oma Sannes letzte Reise“ kommt einem vielleicht obendrein „Goethes letzte Reise“ von Sigrid Damm in den Sinn, die der mit seinen beiden Enkeln fünf Monate vor seinem Tod nach Ilmenau unternahm, sein thüringisches Arkadien. Auch da geht es um die Kunst des Abschiednehmens, die heitere Auseinandersetzung mit der Liebe und dem nahenden Tod.

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Fotos: Barbara Kaiser

Aber wahrscheinlich sind das alles nur Unterstellungen. Auf jeden Fall hat Matschoß  aus seinem Roman ein Bühnenstück gekeltert, das sehr leise ist. Eher Kammerspiel denn Jahrmarkt, mehr Epik als Dramatik. Von Aristoteles` Dramengrundsatz, der Einheit von Ort und Zeit, ganz weit entfernt. Es gibt mehrere Zeitebenen und die Handlung springt durch die Erinnerungen, bis Oma Sanne „aufhört zu atmen“.

Thomas Matschoß hat sein Problem, den Erfolgsdruck, dass die Zuschauer in seinem Theater vielleicht nur Spaß, allenfalls intelligenten Witz, gute Unterhaltung und Aktion erwarten, mit den Jahren klug unterwandert. Bereits sein Programm „Ja!“ vor zwei Jahren ließ den Atem stocken, weil man als Zuschauer mal gebannt und mal schockiert saß. Und auch in „Oma Sannes letzte Reise“ geht es um Elementares: Um die Liebe – natürlich. Um Geschichte auch. Aber auch um Lügen, Lebenslügen. Und die Größe des betroffenen Menschen, der damit umzugehen gezwungen wird.

Der Zuschauer hat teil an einem präzisen Spiel – meist der Worte, weniger der Gesten – in dem sich Kopf und Bauch nicht behindern. Matschoß lässt seine Darsteller mehr erzählen anstatt spielen; und trotzdem stellt sich keine Langeweile ein.
Da ist zunächst der Autor selbst als Oma Sanne. Ein wenig kokettiert er schon mit dieser Rolle, mit der er sich in „Stadt, Land, Wurst“ in die Herzen des Publikums spielte, weil das ein wenig Travestie immer mag. Aber wie er diesen trockenen Humor der Alten auf die Bretter bringt, das ist schon umwerfend: „Ich bin jetzt 96 Jahre alt und hab` den einen oder andern Mann angeschaut und bin froh, dass ich mich nicht mehr an alle erinnern kann!“
In seiner zweiten Rolle, dem Vater des jungen Helden Max, bleibt er dagegen zu schwäbisch-altbacken, ein Typ eben, eine Charge, weniger Charakter.

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Dann ist da diese wunderbare Maika Viehstädt! Sie ist die junge Sanne der Erinnerung und die Ruth der Gegenwart. Wenn sie ihren neuen Freund, Andreas Furcht, ansieht, dann knistert die Luft! Und man fragt sich: Ist das wirklich alles nur gespielt? Womit man bei der Aussage des Mimen Gert Voss ist, der die Meinung vertrat, dass es sich um Schauspielkunst handele, sobald der Zuschauer sich genau das frage! Und Andreas Furcht, der „Dracula“ des vorletzten Sommers? Er ist der sympathische junge Mann mit einem gebrochenen Verhältnis zu seinem Vater und einem weiten Herzen für Ruth. Furcht findet – wie alle anderen – eine Balance zwischen Überhöhung und (möglicher) Wirklichkeit, zwischen Leichtigkeit und Last; er spielt nicht schlechthin diese Figur des Computerspiele-Erfinders mit kreativer Blockade, sondern einen Menschen in einer bestimmten Situation.

matschoss2Als Erzähler und Sannes Mann aus der Vergangenheit – „Und denken Sie nicht, wir Toten wüssten nicht, was in der Gegenwart passiert! Wir sehen alles!“ – Mike Schlünzen. Dieser Schauspieler ist in der Lage, seine Präsenz nicht aus physischer Beweglichkeit zu schöpfen, sondern aus seiner Erzählung. Wie er als Bräutigam Erwin seinen Brief verfasst, ganz still stehend, nur sprechend, das transportiert so viel Verletzbarkeit und doch so viel Stärke. Er bewältigt diesen langen Text durch Unterwerfung, nicht durch Forschheit, imaginiert Zwischentöne, Atmosphäre und bezwingt seine Zuhörer im Saal mit spielerischer Bedachtsamkeit.

Die Regie von Andrea Hingst lässt die Akteure nur auf den ersten Blick ziemlich allein. Auf den zweiten hätte der Text gar nicht mehr Körpereinsatz vertragen. Die Bühne ist eine leichte schiefe Ebene, will sagen: Obacht! Man kommt im Leben viel öfter ins Schleudern als man denkt. Das suggeriert übrigens auch das Motto des Romans, der pünktlich zur Premiere auch gedruckt vorliegt, und wo es sinngemäß heißt: Vergiss all deine perfekten Vorhaben, die Welt hat Risse und dort kommt das Licht rein. (Leonard Cohen).

matschoss3„Oma Sannes letzte Reise“ ist typisch Jahrmarkttheater, aber kein Jahrmarkt der Wichtigtuer. Manchmal bieder, manchmal charmant. Nirgendwo marktschreierisch, nur hin und wieder hat es ausgelassene Tupfer (Maika Viehstädt als Charly Chaplin).  Es entspricht dem Credo von Thomas Matschoß, der immer „Geschichten erzählen“ will mit seinen Stücken und seinen Inszenierungen. Wehmut ohne Sentimentalität, die war die Hauptgefahr bei „Oma Sanne“, Theater mit welterklärender Ambition ohne Besserwisserei. In unverwechselbarer Ästhetik (Ausstattung: Anja Imig), zwischen Tragik und Komik. Wer diese Gaukler nicht mag, der lasse sowieso die Finger von der Kritik!

Im November und den ganzen Dezember steht „Oma Sannes letzte Reise“ auf dem Spielplan in Bostelwiebeck. Immer freitags und samstags, 28./29. November, 5./6.; 12./13.; 19./20. Dezember, jeweils 19.30 Uhr. Wegen der großen Nachfrage gibt es am 16./17. Januar 2015 zwei Zusatzvorstellungen.
Barbara Kaiser – 21. November 2014

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