Reine Männersache

Im dritten St.-Marien-Sommerkonzert spielte das Blechbläserensemble „Magenta“ aus Hannover

Die heutige „Gefällt mir“-Generation der Internet-Autisten würde sich niemals für Blechblasmusik interessieren, käme die daher wie seit 150 Jahren überall auf der Welt: In Marschformation. Blechbläser (Brass) Bands, wie sie sich damals in Großbritannien entwickelten (brass = engl.: Messing), haben aber offenbar in der Gegenwart Konjunktur. Immer mehr junge Ensemble entstehen, die sich ein Repertoire auf die Pulte legen, das einfach nur staunen macht.

„Magenta“ nennen sich die fünf jungen Männer, die sich vor vier Jahren an der Musikhochschule Hannover zusammenfanden. Torben Pannen, Simon Weymann (Trompeten), Tammo Krüger (Horn), Jonas Kruse (Posaune) und Steffen Schulte (Tuba) erwählten für sich den Namen der schrillsten aller Druckfarben. Eine Telekommunikationsfirma wirbt damit beharrlich und neuerdings peppt eine Fünf-Prozent-Partei ihr Blaugelb damit auf.

Fürs dritte Sommerkonzert war „Magenta“ in St. Marien zu Gast und die Zuschauerzahl brach alle Rekorde! Es können 120 Besucher gewesen sein, sogar Programme musste Kantor Erik Matz auf die Schnelle nachdrucken.

Torben Pannen und Jonas Kruse. Fotos: Barbara Kaiser

Die Blechbläser nannten ihr Programm „Wendepunkt“. Vielleicht hat dieser Titel sogar ganz entfernt etwas mit Klaus Manns gleichnamigem Roman zu tun, in dem sich ein junger Mann „…darum bemüht, den Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu finden, sich irgendeiner Ordnung einzufügen: immer schweifend, immer ruhelos, umgetrieben, immer auf der Suche …“ Ein Buch, das „die Geschichte eines Deutschen (erzählt), der zum Europäer, eines Europäers, der zum Weltbürger werden wollte…“
Denn wie sonst sollte man verstehen, dass „Magenta“ Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ vereinte mit Musik von David Sampson (*1951), Bo Nilson (*1937) und Kerry Turner (*1960)?

Das Quintett euphorisierte das Publikum mit einer hochmusikalischen Präsenz. Die Schwierigkeit, die Bachsche Partitur, die drei- oder vierstimmig ist, mit fünf Instrumentalisten zu bestreiten, war für diese Jungs gar keine. Sie setzten mit ihrem Musizierverständnis auf ein Fresko der Effekte. Da gab es nichts unscharf Formuliertes, kein unverbindliches Schnurren.

Tammo Krüger und Simon Weymann

Blechbläser - diese sensiblen Stellen eines jeden Orchesters - der reinsten Art standen da im Hohen Chor von St. Marien. Sie moderierten die neuen Stücke Sinn gebend an – wobei sich erwies, dass sie auch politisch denkenden junge Leute sind, indem sie „Morning music“ von Simpson als Statement gegen rechte Gewalt der Gegenwart verstanden wissen wollten. (Des Komponisten Bruder war vom Ku-Klux-Klan auf einer Demonstration erschossen worden.)

Trompeten, mal schmetternd, mal jubilierend. Die Posaune und das Horn verlässlich grundierend und selber zur Melodieführung fähig. Die bedächtigere Tuba gänzlich ohne Anstrengung. Was das Quintett bot war Blechmusik, die faszinierend stilvoll und edel perlte. Da spielten Instrumentalisten zusammen, die sich nicht einzeln profilieren wollten, sondern höchstes Niveau im Miteinander erstreben. In flexibler Dynamik, virtuos auftrumpfend, in feinnerviger Wiedergabe und silbriger Transparenz. Hier kämpften nicht fünf Solisten um die Lautstärkehoheit, hier nahm eine homogene Gruppe die zahlreichen Chancen der Partituren zu klanglicher Brillanz wahr; von den schillernden Tönen des strömenden Cantabile hin zum kess atonalen Radau. Ausdrucksbetont, kommunikationsfreudig.

Steffen Schulte

So gab „Magenta“ Kunde von solider künstlerischer Ausbildung und handhabte ihre Instrumente auf erquickliche Weise. Wie sie sich zum Beispiel in Kerry Turners „Ricochet“ (= Aufprall, Abprall) zusammenhielten in der opulenten, ein bisschen schrägen Fröhlichkeit mit Wildwestimagination und Präriegalopp, das verdient ausschließlich Hochachtung.

Die Fuge(n), die der barocke Meister Bach mit höchster Kunstfertigkeit aufschrieb, abverlangt  den Spielern bis heute die Meisterschaft, diese spezielle Form der Musik so darzubieten, dass veranschaulicht bleibt, was sie ist: Die glasklare besondere Anordnung des musikalischen Themas, das in verschiedenen Stimmen zeitlich versetzt wiederholt und jeweils auf unterschiedlichen Tonhöhen eingesetzt wird. Das Quintett beherrschte diese Kunst.


Dass sie auch anders könn(t)en, bewies die letzte Zugabe: In „Guten Abend, gut` Nacht“ brach für einen kurzen Moment der jazzige Blechlärm los – vielleicht kommen die jungen Männer ja wieder mit einem solchen Repertoire?
Am Samstag, 22. Juli 2017, sitzt Kantor Erik Matz an der „Orgel in Form“, wird also verschiedene Musikformate vorstellen. Präludien, Fantasien, Choralvorspiele und – natürlich! – die Fuge.
Barbara Kaiser – 16. Juli 2017

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