Ravel, Ravel, Ravel!

Hinrich Alpers eröffnete seine Winter-Konzertreihe im Schloss mit dem Solo-Klavierabend

Man gerät ja bei der Benutzung von Superlativen schnell in den Verdacht, kein Maß zu kennen. Aber eigentlich wäre der Report über 90 Minuten Ravel-Partituren ganz kurz zu machen: Hinrich Alpers gestaltete sein Programm zwischen szenischer Verdeutlichung und verhaltener Relativierung zu einem Fest! Das Konzert war die Klangreise durch ein großes musikalisches Fresko. – Jedes weitere Wort kommt einem Zerreden all der großartigen Eindrücke gleich, die der Pianist bei der Eröffnung seiner Konzertreihe im Schloss Holdenstedt hinterließ.

Nach „32 x Beethoven“ nun also Maurice Ravel. Der analytische Genius ungeheurer Kunstfertigkeit, den Banausen einen Nachahmer oder bloßen Ergänzer nennen. Alpers stellte uns mit einer seiner bewährten Einführungsreden den nur 1,60 Meter kleinen großen Mann vor und berichtete: Dass der Dandy immer perfekt gekleidet ging, die Zigarette sein Accessoire war und er 23 Schlafanzüge in Grüntönen besaß.

Wer das zauberhaft leichte Buch von Jean Echenoz gelesen hat weiß zudem, dass der Komponist ununterbrochen seine „Gauloises“ rauchte und die Manie dieses eher Introvertierten, nicht ohne Lackschuhe auftreten zu können, bekannt war. Zudem litt der Meister an Schlaflosigkeit und seine Vergesslichkeit war notorisch. Vor seinem Tod, er starb 1937 an einer Gehirnkrankheit, wird er sich gar nach dem Komponisten des eigenen Streichquartetts erkundigen müssen.

An diesem ersten Abend ging es jedoch um das frühe Klavierwerk zwischen 1895 und 1916. Er wolle, so Hinrich Alpers angesichts des wieder übergroßen Publikumszustroms, aus derzeit vielleicht nur Interessierten an Ravel, den Komponisten Liebende machen.
Der Pianist war die eineinhalb Stunden ganz bei sich. Er agierte ohne Defizite, in pointierter Akkuratesse und voller stürmischer Konsequenz. Sein Spiel, diese pianistische Titanenarbeit, ging stets einher mit neugieriger Nähe, die spürte und auf die Töne hörte und darauf, was sie mit ihm machten. Die Interpretationen waren wieder von unerhörter Reife, die die Zuhörer an keiner Stelle mit Protzerei, obwohl sich die Partituren dafür anböten, erschreckte.

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Wie hatte es Jürgen Markwardt, Bürgermeister und Schirmherr der Reihe, in seinen Begrüßungsworten wahrhaft anrührend ausgedrückt? Hinrich Alpers sei für ihn ein Pianist, der „Tempo mit Exaktheit verbindet, der fühlt, was die Komponisten ausdrücken wollten und  uns eben das mitteilt.“

Mit dem inzwischen bekannten traumhaften Anschlag und in glasklar souveräner Wiedergabe übersprang Alpers alle technischen Hürden mit Eleganz und Charisma. Lockere Handgelenke und elastische Finger (bei Ravel ist vor allem der Daumen wichtig!) malten ein farbkräftiges musikalisches Bild, auf dem kein Krakel störte. An keiner Stelle ließ die Kondition nach, die Konzentration sowieso nicht. 90 Minuten Musizieren - aber nirgendwo ging dieses Kolossalprogramm auf Kosten der Durchsichtigkeit.
Immer, auch im Piano oder in den Wiederholungen, wusste Alpers eine Spannung zu erzeugen, die den Zuhörer in Bann schlug. Der Bogen brach nirgends, ein Hinrich Alpers benötigt nicht das nächste Forte, damit ihm wieder Kraft zuströme.

Das Programm: Den Anfang machte „Jeux d`eau“ (1901). Das Fünfminutenstück verbeugt sich vor Franz Liszt, der sich auf ähnliche Art mit dem Wasser beschäftigte. Ravel stellt die Partitur, die er „seinem lieben Meister Gabriel Fauré“ widmete, unter ein literarisches Motto und lässt uns einen „Flussgott, der lacht, weil ihn das Wasser kitzelt“ vor Augen erscheinen. Zauberhaft leicht und unmechanisch die Wiedergabe durch Hinrich Alpers  – so wie die Liebe unmechanisch ist.

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Fotos: Barbara Kaiser

Es folgten das „Menuet Antique“ (1895) und die „Sonatine“ (1903/05). Der Pianist war mit einem großen Maß an Gelassenheit unterwegs. In der musizierenden Identifikation liegt neben der virtuosen Souveränität das Faszinierende dieses Musikers.
Das wurde absolut deutlich bei „Gaspard de la nuit“ (1909), das vor der Pause auf dem Programm stand. Nach drei Gedichten von Émile Bertrand komponierte Ravel die Teile „Ondine“, „Le Gibet“ und „Scarbo“.  Er hatte den Ehrgeiz, sich mit diesem Stück „dem Dämon Technik“ zu überlassen, es sollte das komplizierteste Solo für Klavier werden. Ein  Gipfel von Klaviermusik also, eins der am schwierigsten zu lernenden Stücke überhaupt.

Hinrich Alpers ergab sich der Technik keineswegs – er beherrschte sie. Nebenbei: Ich habe diesen Ravel einmal bei den „Jungen Pianisten“ in Medingen als klassischen Donner erlebt und beinahe hätte ich es nun nicht wiedererkannt! Die Wassernixe war keine traurige Rusalka. Mit Alpers glitt sie durch ihr Element, wir sehen tanzende Lichtreflexe blitzen, es perlt und rieselt und strömt – ins Licht, ins Licht! Bis sie entschwindet.
Am Galgen danach hört man das Totenglöcklein, der leise schaukelnde Strang wartet auf den Delinquenten – kommt er da nicht gerade? Nein, nur das leise Glöckchen… Dann bricht der Kobold in den Saal. Er scheint ein Zwerg, hinterhältig, drohend, bösartig. Hinrich Alpers ist in all dem technischen Wust noch zu einer gewissen Verschmitzheit fähig. Nirgendwo Donner, nur beeindruckende Courage. Von Wahrhaftigkeit und großer Gestaltungskraft.

Nach der Pause „Valses Nobles et Sentimentales“ (1911), die Orchesterfassung datiert aus 1912. Dazu gibt es wieder ein Motto von Henri de Régnier: „Das köstliche und immer neue Vergnügen einer nutzlosen Tätigkeit.“
Diese Walzer sind ganz bestimmt keine Nutzlosigkeit. Sie haben Schubert zum Vorbild genauso wie sie an den Glanz und die Eleganz eines Chopin erinnern, von Johann Strauß den Rhythmus borgen und von Lehár das Mondäne.
Natürlich „ein bisschen schräger als bei Schubert“, kündigte es Hinrich Alpers an und schwingt und swingt sich durch die Noten mit den gewagten Dissonanzen, den schnellen, weiten Sprüngen in beiden Händen, einem Staccato auf dem dritten Schlag und die komplizierten, sehr engen Akkordwechsel. Bravo!

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Am Schluss die Suite „Le Tombeau de Couperin“ (1914/17), komponiert für den gefallenen Freund im mörderischen Weltkrieg, der später die Nummer eins erhalten wird, fußend auf der traditionellen barocken Suite.
Der Musikkritiker Èmile Vuillernoz schrieb darüber, dass hier das Klavier als „Riesenspieldose mit leuchtenden und kristallenen Klängen“ zu erleben sei. Da geht die „Fugue“ auf Zehenspitzen, die „Farlande“ schaukelt eine zierliche Sechsachtelmelodie, der „Rigaudon“ ist die energische Gigue. Das „Menuet“ – zart und zerbrechlich wie die Tänzerin auf der Spieluhr. Die abschließende „Toccata“ ist das perfekte Ende voller Klangfülle mit sorgfältig platzierten leisen Momenten.

Natürlich gab es langen Beifall für den großen musikalischen Gestalter dieses Abends. Und als Zugabe die „Pavane pour une infante défunte“ (Pavane für eine gestorbene Prinzessin) –keineswegs Trauermusik!  Fortsetzung folgt am 4. Februar 2017.
Barbara Kaiser – 20. November 2016

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