Rasant in Szene gesetzt

„Theater Wahlverwandte“ gastierte mit Gustave Flauberts Erfolgsroman

„Frauen, die lesen, sind gefährlich“. Das ist von Elke Heidenreich. Weil Lesen Erkenntnisgewinn und erweiterte Weltsicht die Frau dem Manne – wenn sie es nicht sowieso schon war - auf Augenhöhe zugesellt. Emma Bovary ist die Ausnahme von der Regel; sie wird nicht klüger. Sie sucht ihr Leben lang nach dem strahlenden Helden aus ihren Romanen, der sie in seine Arme reißt, leidenschaftlich verführt und auf Händen trägt. Dass Charles Bovary, der Landarzt, dafür der Falsche ist, steht außer Frage. Zudem weiß jeder, der eine Beziehung führt, dass der Ritter auf dem weißen Ross im Alltag sowieso schnell davongeritten ist.

Das „Theater Wahlverwandte“ hat den Erfolgsroman von Gustave Flaubert aus dem Jahr 1856 auf die Bühne gestellt und gastierte damit im Theaterring Uelzen. Es war ein großartiger Abend! Rasant in Szene gesetzt, absolut treffend besetzt und spannend abgespult. Wohl, weil der Zuschauer beständig „Gegenwart“ dachte. Das ist keine 150 Jahre alte Geschichte! Die passiert vielleicht gerade eben zwei Häuser weiter? Wie viele Illusionen, wie viele falsche Selbstbilder – befördert auch durch Medien und diverse Casting-Shows - lösen sich alltäglich in Luft auf? Vor 100 Jahren bereits wurde der Bovarysmus als psychische Störung beschrieben; der Romancier Flaubert hatte seine „Madame Bovary“, deren Ideal so kläglich an der Realität scheitert, aus einer Zeitungsnotiz über einen solchen Fall entwickelt.

Fotos: Barbara Kaiser

Die Inszenierung des „Theaters Wahlverwandte“ ist voller verbaler und gestischer Anspielungen, ein flotter Bilderwechsel auf einer Bühne, deren Zimmer-Stellwände sich als durchlässige Flügeltüren erweisen (Ausstattung: Stefan Morgenstern). Sie weiten Emmas Welt allerdings nur scheinbar.

Lisa Wildmann ist Emma, eine junge Frau voller Leben und Hoffnung, die sich bald enttäuscht sieht und dann von graziler Bosheit ist. „Warum hat mir das Leben nie etwas Vollkommenes geboten?“, lautet ihre Anklage. Emma schreit nach der unerreichbaren Befreiung – wird sie am Ende, nachdem ihr Durst nach Luxus und Abenteuer sie auch ins finanzielle Desaster geführt hat, nur im Tod sehen. Aber nicht einmal der richtet sich nach dem beschriebenen in ihren Büchern: „Es tut weh!“, gesteht sie fassungslos, „warum tut das so weh?“

Christian Kaiser gibt den gutgläubigen, seine Frau blind liebenden Charles Bovary. „Ich will doch immer alles durchschauen“, sagt er wie zur Entschuldigung. Aber er durchschaut nichts, nicht die Launen seiner Frau, ihre Kapricen und Affären, nicht mal die Opernhandlung. Er ist ein rechtschaffener Landarzt, der hart arbeitet und am Abend müde aufs Sofa sinkt. Ohne Blick und Zeit für die Flausen seiner Frau.
Und bald wird deshalb einer des anderen garstiger Partner, wo Nähe bei Emma auch Hass ausbrütet. Diesen elenden Alltag kann man nicht besiegen – man kann sich nur in ihm einrichten (wollen). Charles will. Emma nicht.

Ursula Berlinghof, Hans Piesbergen und Sebastian Strehler machen das Ensemble kongenial komplett. Sie verwechseln im Spiel nie Aktionismus mit Ausdruck, sind zielstrebig und rhythmussicher. Alle fünf Darsteller bilden die Anker in diesem tosenden Meer der Leidenschaften. Ohne jeden falschen Ton. Hier befeuert alles die Komödie in der Tragödie, der Abend ist eine Einladung zum Betrachten und Erleben. Viel Gefühl, nicht nur Pose. Einfach großartig.

Da switcht Ursula Berlinghof zwischen Charles` vergrämter Mutter, die Emma nicht ohne Grund misstrauisch sieht, und dem Apotheker Homais, der zungenflink immer eine Lösung hat. Eine herrliche Studie des Schwäbischen übrigens!
Da ist Hans Piesbergen der nahezu diabolische Verführer Rodolphe, der es zu keiner Sekunde ernst meint, und er ist der Abbé, kaltherzig überlegen mit seinen Lehrformeln, sicherlich aber auch so manchem Knaben in den Schritt greifend.
Und Sebastian Strehler hinkt als armer Krüppel Hippolyte über die Bühne. Als Spielball des medizinischen Ehrgeizes von Arzt und Apotheker, als Schwächster der Gemeinschaft, der nichts zu lachen, aber doch auch Gefühle hat. Daneben ist er der Liebhaber Léon, selbstbewusst verwandelt nach Studium und Aufenthalt in Paris - Emmas Traumziel – und der Händler und Wucherer, Dandy Lheureux.

„Glück, Leidenschaft und Rausch – das ist das Leben“, behauptet Emma am Anfang. „Aber meistens geht es doch schlecht aus“, gibt Charles zu bedenken. Man weiß als Zuschauer sofort, wohin das will: In die Katastrophe.
Es ist eine Aufführung aus Feuer und Farbe, eine Szenerie in versonnener, überhitzter und lauernder Stimmung, ein funkensprühendes Panorama mit aufeinanderprallenden Charakteren. Die Kühnheit dieses Theaters besteht im Durchhalten des Anspruchs, eine Konfliktlage zu offenbaren und mehr Reflexion als Drama zu sein. Dieser Abend war der Beweis: Es gibt noch gutes Theater jenseits von rockigen, digitalen Konzepten. Das „Theater Wahlverwandte“ spielte auf beeindruckende Weise Weltroman als Zeitkommentar. Bravo!
Barbara Kaiser – 13. Dezember 2017

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