Quadriga mit Flügel(n)

Triumphaler Kammermusikabend bei der Internationalen Sommerakademie

Zuerst sei hier über das Ende des Konzertes  geredet, wenngleich ohne Hoffnung, man könne mit Worten beschreiben, was losbrach. Jubelnder Applaus für Barbara Buntrock (Bratsche), Sergej Bielow (Geige), Hinrich Alpers (Klavier) und Troels Svane (Cello). Triumphaler Abschluss: Die letzten drei Sätze des Brahms-Klavierquartetts blieben den Dozenten vorbehalten, was immer dann passiert, wenn sich kein Schüler findet, weil sich eventuell niemand die Partituren zutraut. So gesehen - eine Fortsetzung des Dozentenkonzerts des Vorabends.

Es war Kammermusikzeit in der Sommerakademie; und der Zuhörer merkte wie so häufig auf, obwohl der doch lange zu wissen glaubte. Was an Frische, Elastizität und Überwältigung durch das Langhaus wogte, muss wiederholt Ereignis genannt werden.
Hier leuchtete der Charme aus der Musik wie funkelnde Augen. Die jungen Interpreten und ihre Dozenten boten eine leichtfüßige Spielweise, gaben sich liebenswert bescheiden, immer demütig gegenüber den Noten, ohne Allüren.

Auf dem Programmzettel standen insgesamt drei Klavierquartette. Das von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) in g-moll KV 478, von Robert Schumann (1810 bis 1856) in Es-Dur op. 47 und von Johannes Brahms (1833 bis 1897) wieder g-moll op. 25.
In den einzelnen Sätzen wechselten die Meisterkursschüler jeweils am Flügel und mit der Bratsche.

SoAk Kammermusik Angie Roselin Chan_bearb

Angie Roselin Chan     Fotos: Barbara Kaiser

Natürlich geht hier zunächst kein Weg vorbei an Goethes Anmerkung zum Quartett. Obwohl der Geheime Rat kein Instrument spielte und nicht so bewandert auf diesem Gebiet war, eher für die schöne Pianistin schwärmte. Denn er schrieb über die Begegnung mit Maria Szymanowska in Marienbad: „Ihre Bekanntschaft und ihr wundervolles Talent haben mich zuerst mir selbst wiedergegeben.“ Später wird die polnische Künstlerin in Weimar nur für den Dichter spielen.

SoAk Kammermusik Jiwon Kim_bearb

Jiwon Kim

Goethe jedenfalls war der Meinung, dass in einem musikalischen Quartett sich „vier vernünftige Leute miteinander unterhalten.“ Dagegen setzen kann man die Ansicht der Konzertagentin Sonia Simmenauer, die in einem Buch über Quartette schrieb, die vier Musiker seien „vier Extremisten am Rande eines Nervenzusammenbruchs, die sich gerade noch einig werden.“ Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Die vernünftige Unterhaltung ist dem Auftritt vorbehalten – hinter den Kulissen, bei Proben, mag es anders zugehen. Wobei ein Musiker immer ein bisschen Extremist sein darf!

SoAk Kammermusik Kiyu Deng_bearb

Kiyu Deng

Es wäre jetzt unfair, von den zehn Schülerinnen der Akademie, die an diesem Abend am Flügel und als Bratschistinnen (es war kein Mann dabei!) ihren Auftritt hatten, einzelne hervorzuheben. Sie alle waren eingerahmt von dem Geiger Andrej Bielow und dem Mann am Violoncello, Troels Svane. Sie waren damit verlässlich aufgehoben zwischen russischer Gemütlichkeit und Freundlichkeit und skandinavischer Gelassenheit, die sich angenehmer Distanz anverwandte. Nie überhitzte das Spiel, auch nicht das verführerischste Rondo.

SoAk Kammermusik Sofia Kurek_bearb

Sofia Kurek

Es war ein wunderbares Miteinander, in dem nur hin und wieder Bielow seine führende Rolle und Verantwortung für das Ganze für (zu) prominente Lautstärke nutzte. Svane blieb die Ruhe selbst. Vertrauensvolle Blicke gingen zwischen den einzelnen Musikern hin und her, sie gewährleisteten ein Zusammenspiel, bei dem auch der letzte Piano-Ton synchron stimmte.

SoAk Kammermusik Spitzenquartett_bearb
Die Emotionalität des Spiels entwickelte einen Sog, der die Spannung und Aufmerksamkeit bei den Zuhörern hielt, der in Bann schlug. Ohne aufgeblähtes Pathos: Mozarts persönlichste Tonart, seine wohl energischsten und trotzigsten Sätze, ohne jegliche Resignation.
Atmosphärisch und präzise in einer imponierenden und geradezu organischen Einheit: Schumanns Es-Dur mit hochromantischer, sinfonischer Anmutung, die nie besinnungslos daher kam, auch wenn es laut und fröhlich wurde. Mit Verführungspotenzial dann der Brahms: Mit seinen auf die Spitze getriebenen Motivvariationen und einer extremen Energie in der Detailarbeit. Mit einem schlichten Andante vor dem großen Ausbruch des „Rondo alla Zingarese“. Einem Csárdás, bei dem dann (siehe oben) die Profis von der Leine waren.

SoAk Kammermusik Buntrock-Alpers_bearb

Solch Musik besitzt natürlich eine Publikumswirksamkeit par excellence! Dennoch muss man bedenken, dass Buntrock, Bielow, Alpers und Svane keine feste Formation sind, sich nur für diese Sommerakademie fanden, obwohl sie früher schon einzeln miteinander muszierten.
Man darf es Zuhörerglück nennen, was diese Instrumentalisten zu bieten in der Lage sind, wie ihnen ihre makellose technische Perfektion die überragende Ausdrucksintensität ermöglicht, mit der sie, selber hingebungsvoll, staunen machen.
Und dass sie viel ihrer Erfahrungen und ihres Könnens an die 34 Sommerakademie-Teilnehmer weitergeben, davon wird man sich an den noch folgenden zwei Abschlusskonzerten weiter überzeugen können.
Barbara Kaiser - 30. Juni 2016

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