Purer Glanz

Alle Jahre zum 3. Advent:

Weihnachtsoratorium mit der St. Marien Kantorei

Da jubilierten sie wieder, die Engel und Engelinnen (oder wie heißt deren weibliche Form?) der St. Marien Kantorei unter der Leitung von Erik Matz. Ein opulentes Ensemble im Vereine mit den Solisten und dem (aufgestockten) Kammerorchester Uelzen.

„Jauchzet, frohlocket!“, dieser Chorsatz in D-Dur, Bachs Zuversichtstonart, der fehlte, erklänge er in dieser Zeit nicht. Er ist ein ziemlicher Kontrapunkt beispielsweise zum Dichter Theodor Storm, der reimte: „Ein frommer Zauber hält mich nieder;/ anbetend, staunend muss ich stehn./ Es sinkt auf meine Augenlieder/ ein goldner Kindertraum hernieder./ Ich fühl`s, ein Wunder ist geschehn.“ Aber diese Innigkeit, diese Faszination des Ereignisses, spiegelt sich im Fortgang der Kantaten ja ebenfalls wider.

Dorothea Potter

Weihnachtsoratorium! Schon wieder dritter Advent! Erik Matz antwortete auf die Frage, wie viel Routine in den Aufführungen ist: „Routine ist beim WO eigentlich nur bei den begleitenden Maßnahmen ein beruhigender und unterstützender Faktor. Beim Proben geht es voll zur Sache! Die Stimmen der Sängerinnen und Sänger müssen auf Barock, Koloraturen, Höhen und anderes vorbereitet werden und rund 20 von ihnen, die das noch nie gesungen haben, gilt es zu integrieren. So agieren diesmal neben den Neuen in der Kantorei auch 16 Jugendliche aus der Jugendkantorei und dem Jugendkammerchor.“

Erik Matz

Und: Wiederholung sei es eigentlich nie, so Matz weiter, da jede Begegnung mit diesem Stück ein wenig neu und anders ist. Das hänge auch von den Gegebenheiten ab, den hinzugewonnenen Erfahrungen, Stimmungen. Es flössen immer andere Bilder in diese Musik ein, die den Menschen ja eine frohe Botschaft nahebringen will. In einer Zeit, in der es scheint, dass die Sehnsucht nach frohen Botschaften zunähme.

„Vielleicht gelingt es uns, in diesen trüben Tagen, die Herzen zu erhellen“, wünschte sich Matz. Dass ihm, den Solisten, dem Orchester (Konzertmeisterin Dorothea Fiedler-Muth) und der Kantorei das gelungen ist, davon konnten sich alle überzeugen, die zuhörten in der ausverkauften St. Marien Kirche.

Matthias Weichert

Es war ein einziger Glanz. Was für Trompeten! Welch hinreißende Holzbläser! Und dieser Tenor! Manuel Günther war das erste Mal in Uelzen und überzeugte restlos. Er braucht ja das größte Standvermögen als Evangelist und Ariensänger. Die Rezitative von Günther erklangen eindrucksvoll und bestechend. In den Arien hörte man nicht die kleinste Mühe der Kraftanstrengung. Auch Matthias Weichert (Bass) gab für sein wie er berichtet 315. Weihnachtsoratorium - als Solist, nicht die als Thomaner mitgesungenen Aufführungen -  alles. Mehr Schalldruck in den Koloraturen, passgenaues Zusammenspiel zwischen ihm und dem Orchester und dieser beeindruckende Funken Hinterlist beim Herodes. Dorothea Potters Sopran leuchtete mit der Gabe der Leichtigkeit in den Höhen hell; und Nicole Dellabona (Alt) absolvierte ihren umfangreichen Teil ohne Tadel, emotional und eindringlich die Noten entfaltend.

Manuel Günther

Allen Akteuren, vor allen den jungen Leuten, sah man die Fröhlichkeit anlässlich der zu verkündenden Botschaft an! Die St. Marien-Kantorei lebte die Vielstimmigkeit des Jubels: „Jauchzet frohlocket! Auf, preiset die Tage! …Lasset das Zagen, verbannet die Klage….“. Alle Register in diesem Chor standen sicher, voluminös und von klingender Herrlichkeit, waren Wärme und Überwältigung.

Erik Matz am Pult schlug insgesamt ein flottes Tempo an, beließ die Sinfonia (Nr. 10) aber als ein Stück zum Träumen. Überhaupt ist es erstaunliches Wunder, das vom großen Können aller Mitwirkenden zeugt, dass nichts auseinanderfiel oder nachklapperte, obwohl ich dieses Mal in der ersten Reihe saß und trotzdem den ganzen kompakten Klanggenuss erfuhr.

Nicole Dellabona

Erneuerter Dank also an Kantor Erik Matz und alle Mitwirkenden, die die Bachsche Musik und deren zentrale Botschaft, die Fuge „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, so stimmungsvoll und wirksam vorm Publikum ausbreiteten. Dass sie der Freude über die Geburt Jesu inklusive der Warnung vor der Zerbrechlichkeit dieser Verheißung - auch wenn in Kantate VI der Sieg unerschütterlich zu sein scheint – so überzeugend Ausdruck verliehen.

 

Man kann die Texte des großen Bach-Opus heutigen Tags für intolerant halten: „Tod, Teufel, Sünd` und Hölle sind ganz und gar geschwächt;/ bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht.“ Aber auch über 250 Jahre nach ihm überwältigt die Liebe – ganz gleich von welchem Gott – die aus dieser Musik strömt.

Barbara Kaiser – 16. Dezember 2019

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