Post von Matteo

Wie ein Fundstück die Gedanken beflügelt

Sie strudelte in der Brandung, die Flasche. An einem belebten Badestrand der Ostsee. Und ehe ich mich darüber aufregen konnte, dass die Leute ihren Müll in die Landschaft werfen, hatte ich erkannt, dass es eine ganz besondere Flasche war: Eine Flaschenpost!

Noch nie im Leben hatte ich eine Flaschenpost gefunden. Eine geschrieben sehr wohl. Vor vielleicht 20 Jahren. Dem Meer überantwortet an der Küste von Formentera, der kleinen Schwester von Ibiza. Eine Antwort habe ich bis heute nicht darauf bekommen, wahrscheinlich war sie sowieso an den Klippen zerschellt.

Hier kam Matteos Flaschenpost an

Nicht so diese Flasche. Sie hätte auch fünfhundert Meter weiter östlich anlanden können im Naturschutzgebiet. Da läge sie und wartete weiter vergeblich auf einen, der sich ihrer annimmt, denn dorthin darf niemand. Oder ein paar Kilometer weiter westlich, an der Steilküste, wo auch die Blumen der Seebestattungen immer antreiben und Urlauber und Wanderer eher selten sind. Aber nein: Diese Flasche trieb an den belebten Badestrand und ich habe sie gefunden und aufgehoben!

Das Papier war schon arg mitgenommen, denn es war ein Recyclingblatt, auf dem die Malvorlage aus dem Internet ausgedruckt war. Auf der Rückseite stand dann geschrieben: „Hallo, lieber Flaschenpostfinder, ich heiße Matteo und bin 5 Jahre alt. Vielleicht kann der Finder mir eine Postkarte schicken, wo meine Flaschenpost angekommen ist!? Gestartet ist sie am 23.06.20 in Rerik. Liebe Grüße Matteo“

Matteo kommt aus Zeulenroda-Triebes, wie die Adresse verrät. Und seine Nachricht hatte in sage und schreibe nur zwei Tagen einen Weg von über 30 Kilometern Meer-Luft-Linie zurückgelegt. Von Rerik, westlich von Kühlungsborn, war sie um die Insel Poel herum geschwommen, die kräftige Ostströmung hatte sie in die Wismarer Bucht getrieben, bis sie in Boltenhagen landete. Und jetzt auf meinem Schreibtisch liegt.

Dass der kleine Absender aus Thüringen kommt wie ich auch, freut mich natürlich besonders. Ich stelle mir einen Jungen vor, der auch mit fünf schon schwimmen kann, schließlich heißt das touristische Zentrum seiner Heimat „ Thüringer Meer“. Und der im Winter – in Zeulenroda haben sie noch eine kleine Chance auf Schnee – vielleicht schon auf Skiern steht. Vielleicht spielt er aber auch Fußball, obgleich sich die Thüringer Mannschaften nicht mit Ruhm bedecken (Hoffentlich ist er nicht ausgerechnet Bayern-Fan!). Im nächsten Jahr wird er in die Schule kommen. Und wenn Matteo seiner Mama (oder Oma) den Flaschenpostbrief diktiert hat, ist er ein pfiffiges Kerlchen.

Nicht nur deshalb habe ich ihm natürlich geantwortet! Allerdings von hier aus, denn der Flaschenpostfund fiel in meine allerletzten Urlaubsstunden, und trocknen musste er auch erst noch. Ich habe ihm erzählt, dass ich aus Jena komme, erst seit 25 Jahren in der Lüneburger Heide wohne. Habe ihm ein Magnetbild vom bunten Hundertwasser-Bahnhof geschickt und berichtet, dass Uelzen in diesem Jahr 750 Jahre alt wird, also kleine 50 Jahre älter ist als seine Stadt. Wobei das bei Uelzen allerdings schon immer Auslegungssache war mit dem Alter.

Dass ich auch am liebsten am Meer Urlaub mache und ihn um sein „Thüringer Meer“ ein klitzekleines bisschen beneide…

Es gibt ja Ereignisse in der Kindheit, die vergisst man ein ganzes Leben lang nicht. Es wäre doch wunderbar, wenn Matteo in – sagen wir - 30 Jahren den Magneten vom Uelzener Bahnhof immer noch an seinem Kühlschrank oder über seinem Arbeitsplatz kleben hat. Was oder wer immer er dann geworden sein wird, dessen Nachricht mir ein Lächeln zauberte, auch weil bei jeder Berührung noch ein bisschen Sand zu rieseln scheint. Ein Lächeln und ein Gruß von Thüringer zu Thüringer sozusagen - vom Ostseestrand in der Wismarer Bucht.

Alles Gute für Dich und Deine Familie, lieber Matteo!

Barbara Kaiser – 30. Juni 2020

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