Porträts durch die Zeiten

Simona Staehr zeigt noch am 26./27. September 2020 in der BBK-Galerie Oldenstadt ihre Bilder

Nehmen Sie viel Zeit mit in die Ausstellung in der BBK-Galerie Oldenstadt, denn allein vor dem großen Bild an der rechten Seite des Raumes werden Sie lange verweilen! Noch am Wochenende des 27./28. September stellt Simona Staehr ihre Arbeiten aus, es ist ihre erste Ausstellung in der Region. Im Landkreis Uelzen geboren, vor zwei Jahren hierher zurückgekehrt, das neueste Mitglied des Bundes Bildender Künstler, fiel sie vergangenen Sommer in der die Internationale Sommerakademie begleitenden Ausstellung auf mit „Magnificum“. Diesem einzigartigen Mischtechnik-Bild voller Leichtigkeit.

„Magnificum“ bedeutet großartig, prächtig, herrlich: Bei Staehr war es ein schöner Frauenkopf im Halbprofil, auf dem anstelle der Haare lauter bunter Kreise quollen, wie Seifenblasen. Hörte sie Musik? Wenn ja, welche? Das sichtbare Auge blickte zwischen Verzückung, Erkennen und Seligkeit. Diese Frau war bei sich, in Balance, und obwohl sie den Betrachter nicht anschaute, musste man sie mögen.

„Die Ausstellung lohnt sich sehr, auch wenn der kleine Raum eine Geduldsprobe erfordert“, begrüßte die BBK-Vorsitzende Petra Vollmer die Gäste im Langhaus. Aus den bekannten Gründen dürfen den nämlich nur sechs Besucher gleichzeitig betreten. Belohnt werden sie aber mit den Arbeiten der Künstlerin.

Simona Staehr lebt in Bad Bevensen, ist aber auch noch Mitglied im BBK Kiel. Sie schloss dort ihr Masterstudium Kunstgeschichte/Pädagogik ab, studierte vorher Freie Kunst und dazu Kommunikationswissenschaften (Diplomgrafikdesignerin). Steinbildhauerin ist sie obendrein. Leider gibt es derzeit keine Plastiken von ihr, ausschließen, dass wieder einmal mit Ton gearbeitet wird, will die Malerin, die in einer gymnasialen Oberstufe Kunst unterrichtet, jedoch nicht.

Zurzeit interessiert sie das Thema ihrer Masterarbeit wieder intensiver: „Bildungs- und Individualisierungsprozesse anhand von Selbstporträts in der Renaissance“. Diese Zeit von vor rund 500 Jahren setzt Simona Staehr in Bezug zur Jetztzeit. Zu dieser Gegenwart mit ihrer inflationären Selfie-Manie. In der es scheint, dass nicht mit dem Smartphone Abgelichtetes auch nicht existent ist, wo jeder seinen Status in die Welt posaunt, ganz gleich ob fröhlich-unbedarft, unüberlegt oder peinlich.

Und angesichts dieser Gepflogenheit und in Betrachtung der Bilder von Simona Staehr stellte Petra Vollmer in ihren einleitenden Bemerkungen auch die Frage: „Wie werden wir die Person, die wir sind?“ Durch diese Allgegenwart in den so genannten sozialen Medien etwa – wobei es sich bei der deutschen Übersetzung aus dem Englischen ja sowieso um ein Missverständnis handelt, denn die „social media“ sind ja keineswegs „sozial“.

In der Ausstellung begegnet sich die Melange aus kontemplativer Ruhe und inflationärer Selbstdarstellung. In ihren Malereien entwickelte Staehr einen unverwechselbaren Stil. Ehe sie zu den charakteristischen „Seifenblasen“ fand, war ihr Werk eher grafisch, erinnernd an Tapeten der 1970-er Jahre. Diese Bilder zerschneidet sie jetzt gnadenlos und setzt sie neu zusammen. In diesem Arbeitsprozess entsteht eine neue Idee, die dann mit einem neuen gemalten Motiv gekrönt wird. So steigt aus einem Bild ein Frauenkopf, zusammengesetzt wurde die Leinwand aber aus mindestens drei alten Bildern.

Die starken Konturen und Linien, die Geometrie, werden gebrochen durch die figürlichen Darstellungen und die kunterbunten Blasen. Es entsteht Neues, das der Betrachter erforschen kann. Am allein grafischen Muster hätte er sich dagegen schnell abgearbeitet.

Die jüngsten Werke entstehen auf nicht grundiertem Rohleinen, das keinen Fehler in der Strichführung verzeiht. Diese Bilder beweisen einen großen Mut zur leeren Fläche und sind zauberhaft-zart. Das Porträt der jungen Schönen, die keck zur Seite schaut und der kaum ein Mann widerstünde. Und das vornehme Gesicht einer Frau, die an „Die Dame mit dem Hermelin“ von Leonardo da Vinci erinnert. Der Titel hier „Renaissance“ – der Kopfputz verrät es. Die gegenwärtige Schöne bekam den Titel „Aetatis“, was der Genitiv von aetas ist und Lebenszeit, Zeitalter, Alter bedeutet…

Das eingangs erwähnte große Format nannte Simona Staehr „Antiochia“, nach der Stadt im antiken Syrien, die in Römischer Zeit neben Alexandria und Konstantinopel der größte und bedeutendste Ort war. Seine Mauern sind zerschossen, ein Stapel Bücher, darunter die Thora, die Bibel, der Koran und eins mit buddhistischem Zeichen, liegen wie zu verhängnisvoller Zerstörung aufgeschichtet (es gab nicht nur eine Bücherverbrennung in der Geschichte).

Aus dem Hintergrund heraus arbeiten sich die verschiedenen Kriegstreiber: Ein Mann mit Hellebarde, einer in der Uniform des Alten Fritz, einer aus dem Wilhelminischen Kaiserreich, von den Fronten des I. Weltkrieges. Im Vordergrund aber die Perfektion der Katastrophe durch den Händedruck von Reichspräsident Hindenburg und Kanzler Hitler, wo das preußische Militär am „Tag von Potsdam“ dem deutschen Faschismus Kollaboration anbot. Blickfang der Arbeit ist jedoch ein Kind im Taufkleid, das auf dem Bücherberg sitzt.

Die Möglichkeiten der Interpretation sind vielfältig. Eine wird aber immer stimmen: In allen Auseinandersetzungen der Geschichte waren die Schwächsten die Verlierer. Und um Religion ging es nur in der Propaganda; Macht, Einfluss und Reichtum waren die wahren Gründe.

Das Bild „Antiochia“ ist ein Kontrapunkt zwischen den anderen Leichtigkeiten von Simona Staehr, den pure Schönheit und Selbstbewusstsein ausstrahlenden Porträts. Aber dergleichen Verunsicherungen braucht diese Gegenwart.

Geöffnet ist noch am Wochenende, 26./27. September 2020, immer von 14 bis 18 Uhr.

Barbara Kaiser – 14. September 2020

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben