Pianistische Attacken

Die estnische Musikerin Kärt Ruubel spielte bei den „Jungen Pianisten“ in Medingen ein ungewöhnlich unpopuläres Programm

Die Reihe der „Jungen Pianisten“ ist schon wieder beim vorletzten Konzert angekommen. Nach drei Fernost-Gästen hatte nun die schöne Estin Kärt Ruubel ihren Auftritt. Das Ergebnis vorab: Ihr Spiel ließ den Atem stocken. Die pianistischen Attacken, die sie aus den Noten von Dmitri Schostakowitsch und Sergej Prokofjew bereitete, besaßen durchaus Solitärstatus, denn man hört selbige hier viel zu selten.

Die Musikerin mied Erfolg versprechende Publikumslieblinge, verweigerte sich Beethoven und wählte von Robert Schumann nicht die allseits bekannten Kinderszenen, sondern die Waldszenen op. 82. Sie interpretierte Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach; letzteren kannte sie lange Zeit gar nicht, wie sie zugab, obwohl der Vater ihr „absoluter Lieblingskomponist seit schon immer“ ist. Aber wozu Jubiläen eben gut sind: Zum 300. Geburtstag im Jahr 2014 erschloss sich das Schaffen weiten Kreisen neu, denn Carl Philipp Emanuel war ja keineswegs nur Sohn.

Die zwei „Bäche“ waren die Ruhepole des Abends. Die Sonate für Cembalo E-Dur op.1 Nr.3 (Wq 48), die „Preußische“, widmete Carl Philipp Emanuel dem Großen Friedrich mit den Sätzen: „Von meinem schwachen Talent, hier in den glücklichen Diensten Eurer Majestät komponiert.“ (Das „schwache Talent“ darf man getrost Koketterie nennen.)
In der Interpretation des Konzerts fehlte dem Auftakt ganz zu Beginn eventuell die Flüssigkeit in den Läufen, im Adagio verlor sich die Solistin ein wenig, aber schon das Presto erklang elegant und frisch.

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Fotos: Barbara Kaiser

Die Tänze der „Französischen Suite“ Nr.2 c-moll (BWV 813) wusste die 25-Jährige dann fein zu nuancieren. Zierlich mit Grazie die Allemande, tänzerisch-keck die Courante, schwermütig-sehnend die Sarabande. Vor das Menuett schaltete Vater Bach ein energisches „Air“, um danach charmant-lieblich den höfischen Reigen zu absolvieren. Die abschließende Gigue: Vorlaut-witzig.
Kärt Ruubel wählte für ihr Spiel der Barockmusik (vor allem bei Vater Bach) einen kurzen klaren Anschlag, wie er vom Cembalo gefordert war. Sie imaginierte damit auf dem Flügel die vergangene Zeit, ohne nostalgisch-falsch daher zu kommen.

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Für Robert Schumanns Waldspaziergang findet die Solistin einen hochkultivierten, geistsicher-lockeren Ton. Ihre Farbpanoramen stellen die bezeichneten Orte vor. Die „einsamen Blumen“ ranken über die Tastatur, der „Jäger auf der Lauer“ finge zwar mit diesen Noten keinen Hasen, inspiriert locker hofft er aber wohl im Spiel darauf. Die „verrufene Stelle“ nimmt Kärt Ruubel nicht dramatisch, sie kennt offenbar die Verse von Friedrich Hebbel, die den Noten beigegeben wurden: „Die Blumen, so hoch sie wachsen,/ Sind blaß hier wie der Tod;/ Nur eine in der Mitte/ Steht da in dunklem Rot.“
Ganz und gar hinreißend ihr „Vogel als Prophet“, der seit Anton Rubinstein zum Prüfstein für Anschlagskultur erhoben wurde. Eine Hürde, über die Ruubel mühelos zu springen in der Lage ist. Der „Abschied“ ist dann schönste Romantik, ohne sentimental zu sein.

Glanzpunkte des Programms allerdings waren die Sonaten Nr.1 op.12 von Dmitri Schostakowitsch und Nr.7, B-Dur op.83 von Sergej Prokofjew.
Schostakowitsch (1906 bis 1975) versuchte in seinem einsätzigen Werk, das Chaos der 1920er Jahre widerzuspiegeln und zu bändigen. Entstanden ist ein aufregendes Stück Klavierliteratur, das der Interpretin ganz offensichtlich liegt. Der schwergriffige Stil erfordert vom Spieler Schärfe und Klarheit – für Kärt Ruubel kein Problem. Die attackierende Tonsprache war bei ihr in vitaler Klangkraft erlebbar, sie formulierte diese üppige Vielfalt sphärisch und brisant mit einer feinnervigen Emotionalität, auch wenn des Komponisten Diktion genauso ein Quäntchen Hohn auszugießen scheint über die Zustände der Zeit. Schostakowitsch wird sich übrigens später von dieser Schaffensphase seiner jugendlichen Mittzwanziger distanzieren – was unter Stalin durchaus ratsam war.

In der Sonate Prokofjews (1892 bis 1953) verband die Pianistin aus Tallinn, die in Rostock studiert, brillante Virtuosität mit intensiver Ausstrahlung zu einem musikantischen Erlebnis. Die Sonaten 6, 7, und 8 entstanden zwischen 1939 und 1944. Man nennt das Triptychon auch Kriegssonaten. Im 70. Jahr der Befreiung durch die Rote Armee der Sowjetunion (und deren westliche Verbündete) ein sehr passendes Repertoire!

Die Musik redet von der Grausamkeit des Krieges mit unnachgiebigen Rhythmen und erschreckenden Dissonanzen. Die siebte Sonate ist ein kunstvolles Gebilde mit gnadenlos-harten Umrissen. Wütend, aggressiv und insistierend das Allegro des ersten Satzes, dessen zweites Thema jedoch einen retardierenden, beinahe melancholischen Gegenpol bildet.
Düster, aber nicht ohne Hoffnung das Andante in Satz zwei, der mit Entschlossenheit ein erschütterndes „Bimbam“ der (Toten?)Glocke wiederholt.

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Die siebte Sonate wurde 1942, in der schwersten Krise der Sowjetunion in diesem Krieg, vollendet (erst Stalingrad 1943 brachte eine Wende). Der Siebenachtel-Satz des Schlusses ist ein großer Wurf, gleicht einer Toccata. Sich wiederholende zwei Akkorde werden umtost, umspielt, umgaukelt von Klangclustern, die Effekt machen. Das allerdings nur, wenn sie so technisch souverän, auf höchstem Niveau, leuchtend trotz aller Düsternis und bestechend klar vorgetragen werden, wie es Kärt Ruubel tat.

Der Beifall am Ende war einhellig! Als Zugabe erklang noch einmal ein Stückchen „Waldszene“, die hier plötzlich ganz und gar impressionistisch, völlig neu, wie Debussy, klang. Diese Pianistin konnte auch das.
Barbara Kaiser - 16. März 2015

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