Philosophische Diskussion inklusive

Zum Tode des Wittenwater Malers Georg Münchbach

Ob es Philosophie ist oder Physik? Oder Metaphysik? Die Betrachtung des Raumes und seiner Energie ist Georg Münchbachs Anliegen immer gewesen. Was macht die Energie mit einem Raum, mit einer Landschaft? Wer hier an Sonne, Wind und Wasser denkt, denkt falsch; der Maler und Bildhauer meinte nicht die Kräfte, die Erosion bewirken, sondern Kräfte, die eigentlich nicht messbar sind. Die sich mehr mental entwickeln, eher einem Gefühl gleichen. Und die es doch gibt. Geben muss. Und vielleicht war Münchbach einer von denen, die, einem Wünschelrutengänger vergleichbar, diesen Sog spürten?

Jetzt ist der Maler und Bildhauer vor der Vollendung seines 85. Lebensjahres im September gestorben. Sein großes Haus und der Garten in Wittenwater stehen verwaist.-
Georg Münchbach wollte in den Begegnungen, die wir miteinander hatten, nur ungern fotografiert werden. Und übers Alter reden wollte er schon gar nicht. „Der Mensch muss über sein Denken und Empfinden definiert werden“, sagte er. Um zu ergänzen: „Ich bin auch kein Künstler, ich bin Maler und Bildhauer.“ Es soll hier nun nicht mehr spekuliert werden, was an diesen beiden Äußerungen Koketterie war.

Selbstporträt mit zehn. Fotos: Barbara Kaiser

Meist wollen die Menschen ja Harmonie und nichts, was an ihnen reißt und zerrt; sie versuchen es mit Feng Shui, aufgestellten Edelsteinen, Yoga oder ähnlichem. Münchbach brauchte die unsichtbaren Ströme, wollte sie empfinden - um Harmonie ausschließlich ging es ihm dabei nicht. „Es gibt Orte und Plätze, die für Arbeit gut sind“, sagte er. „Danach allein muss ein Ort gewertet werden.“

Demnach war Wittenwater solch ein Ort, denn Georg Münchbach arbeitete seit fast 50 Jahren dort. In einem Haus, das Wilhelm Rieckmann, Dichter und Bauer, im Jahr 1912 erbaute. Ein riesiges Anwesen, ein überdimensioniertes Gebäude, das eine Unmenge Platz für Werkstatt, Atelier, Bilder und Skulpturen bot. Daneben nahm der große parkähnliche Garten seine Werke in sich auf, eine Wechselwirkung von Kunst und Natur wie kaum anderswo auf privatem Grund.

Haus in Wittenwater.

So wie der Impressionismus das Licht für sich entdeckte, so habe er den Raum für sich erkoren, sagte Münchbach vor ein paar Jahren im Gespräch. Raum, der Energie ist, die er darstellen will.
Nun ist es schwierig, etwas darzustellen, was man nicht sieht, was nicht einmal messbar, sondern nur fühlbar ist. Vielleicht - um es ein wenig zu verbildlichen - einer Angst vergleichbar scheint, die man im Wald empfindet, wenn die Vögel vor einem Gewitter alle schweigen. Nur Stille, Dickicht, Bedrängnis, auch wenn man es nicht erklären kann.
Georg Münchbach würde das Energie genannt haben; und vielleicht hatte er Recht.

Münchbach arbeitete zwei- und dreidimensional oft zum Thema „Tal“. Er kam aus Freiburg/Breisgau und liebte den Schwarzwald. Sind seine „Täler“-Bilder und -Skulpturen ein heimliches Heimweh? „Nein, eigentlich nicht“, lautete die Antwort. Sie seien eher „Reaktionen“ auf Befindlichkeiten, eine „morphologische Untersuchung, warum sich Menschen in einem Tal so wohl fühlen“. Sie seien Rückzugsgebiet („Wenn ich zornig bin, male ich eine Schlucht!“) und Erfahrung und Verdeutlichung von Raum.

Im Atelier.

So verwob er seine Theorie von der „Raum-Energie“ – mit der sich Physiker zwar beschäftigen, die aber immer noch unbewiesen ist – mit seiner Kunst. „Es geht nicht darum, schöne Bildchen zu malen“, insistierte er, wenn ihm ein Zuhörer nicht zu folgen vermochte. Eines aber war Fakt: Infizieren konnte Münchbach fast jeden. Denn es war die alte Gretchenfrage nach Name und Gestalt dessen, was man nur fühlt, nicht sehen und schon gar nicht benennen kann.-

Die Werke des Malers und Bildhauers, der in Freiburg Kunst und Philosophie studierte, sind trotzdem vor allem eindrucksvolle Optik. Also doch irgendwie „benannt“. Der Betrachter muss nicht nach dem Wie des Entstehens fragen, wenn ihm das zu kryptisch erscheint; wenn seine Vorstellung ihn verlässt bei der Frage, wie sie funktionieren soll, die Energetik des Raumes und wer von wem abhängt, gar, wer zuerst da war. Die Skulpturen seien „alles Landschaften“, so ihr Schöpfer. Landschaft, die durch ihn „zum Träger physikalischer Wirklichkeiten erhoben wird und nicht mehr nur Träger von Stimmungen“ ist. Auf seinen Bildern wühlt die Farbe, die Emotionen zugeordnet wird. Zumindest das ist nicht neu.

"Uelzener Köpfe"

„Ich brauche die Landschaft, alles was ich mache, lebt von ihr“, erklärte er. Und er malte auch in der Heide Täler. Also doch Heimweh? In einem Katalog hatte er einmal Texte zu seinen Bildern gestellt, die Bände sprechen. „…aber das menschenfern/das könnt mich sprengen/vor lust, /das menschenfern.“

Seine letzte Einzelausstellung richtete der Kunstverein Uelzen im Herbst 2015 im Rathaus-Atrium und Foyer aus. „Paradigmenwechsel des Sehens“ lautete der Titel, der nach Oktroyieren klang. Wollte uns da einer aufzwingen, wie wir zu sehen hätten?
Georg Münchbach aber war so einer nicht. Die Paradigmen galten zunächst nur für ihn: Wie er als Maler und Bildhauer die Welt sah.
Weil: Das Wort aus dem Griechischen kommt und sich aus „para“ = neben und „deikuymi“ = zeigen, begreiflich machen, zusammensetzt. Der Besucher durfte damals gespannt sein, wie der Künstler in seiner speziellen Art uns die Welt zu erklären versuchte…

Georg Münchbach in seiner Ausstellung, Kunstverein 2015.

„Was wirkliche Bilder sind, das registrieren wir oft erst nach einer längeren Zeit der Erinnerung“, sagte Georg Münchbach einmal, der nicht an das Untergehen in der viel beschworenen Bilderflut der Gegenwart glaubte.

Von seinen „Bildern“ bleibt auf alle Fälle der Brunnen am Schnellenmarkt Uelzen, diese hoch aufgerichtete Säule, die die Faszination des Bildhauers für die Megalithkultur verriet. Genau wie seine „Venus 2000“ im Stadtgarten. Aber Münchbach hatte genauso gut auch Humor; und so fand sich in seiner Werkstatt ein Entwurf für ein Eulenspiegel-Denkmal. Schließlich hatte der vom Schalk geprellte Kaufmann, eine der vier Figuren des Rondells, das blaue Tuch in Uelzen gekauft! „Uelzen muss so ein Denkmal haben“, rief Münchbach aus. „Uhlenköper kennt keiner, Eulenspiegel jeder.“

Es wäre wunderbar, würden die Energien im Raum der Stadt Uelzen wieder einmal auf solche Kunst-Objekte gelenkt! Ein Eulenspiegel-Denkmal aus der Werkstatt von Georg Münchbach wird es aber nun leider nicht mehr geben…
Barbara Kaiser – 18. März 2018

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